Islamismus

Weg zum Dschihad führt oft über Koran-Verteiler in der Stadt

Mit einem Plakat auf dem Rücken versucht ein Teilnehmer der Koran-Verteilaktion „Lies“ in Frankfurt am Main (Hessen) die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Mit einem Plakat auf dem Rücken versucht ein Teilnehmer der Koran-Verteilaktion „Lies“ in Frankfurt am Main (Hessen) die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Boris Roessler / picture alliance / dpa

Für eine wachsende Zahl junger Muslime beginnt der Weg in den Dschihad mitten in Deutschland – bei einer Koran-Verteilung in der Stadt.

Berlin.  Die jungen Männer tragen ihre weißen Jacken wie Fußballtrikots. In goldenen Buchstaben steht auf ihrer Brust: „Lies!“ Auf dem drei Meter langen Stand vor ihnen in der Fußgängerzone liegen Dutzende Ausgaben des Korans. Und darunter die Aufschrift: „Im Namen deines Herren, der dich erschaffen hat.“ Viele der Männer tragen dichte Bärte, die Körper sind trainiert. Kaum einer ist älter als 30 Jahre, die meisten noch Teenager. Sie stehen in den Einkaufsstraßen oder Fußgängerzonen von Berlin und Hamburg, sie werben in Düsseldorf, Augsburg oder Bremen.

Doch was harmlos nach einer Spendenaktion einer Umweltgruppe oder einem Wahlkampfstand einer Partei aussieht, macht den Sicherheitsbehörden Sorgen. Denn die jungen Männer werben für eine radikale Auslegung ihrer Religion. Sie nennen es „Street Da’wa“. Da’wa ist Arabisch und heißt: Ruf oder Einladung. Für manche Jugendliche kann diese „Einladung“ gefährlich werden.

Seit mehreren Jahren warnt der Verfassungsschutz. Im aktuellen Bericht des Bundesamts heißt es: „Es liegen vermehrt Hinweise auf Personen vor, die zunächst an den Koranverteilaktionen teilgenommen hatten, um sich danach an den Kämpfen in Syrien zu beteiligen.“ Auch das Bundeskriminalamt warnt: In einer Studie wertete die Behörde die Profile von fast 500 Personen aus, die mutmaßlich zum bewaffneten Kampf nach Syrien und in den Irak ausgereist sind. Mehr als zwei Drittel radikalisierten sich in einer islamistischen Szene in Deutschland. Für jeden Fünften standen danach auch die Koranstände am Beginn ihres Dschihadismus.

Ziel der Salafisten ist die Errichtung eines Gottesstaates

Die Behörden ordnen die Aktionen den sogenannten Salafisten zu. Sie selbst nennen sich nicht so. Sie nennen sich „wahre Muslime“, nach den direkten Nachfahren des Propheten Mohammed, den Salafiyya. Doch ihre Ansichten sind radikal. „Ihr Ziel ist ein Gottesstaat“, schreibt der Verfassungsschutz. Demokratie lehnen viele als „Shirk“ ab – als Götzenglaube. Den Koran stellen sie über die von Menschen gemachten Gesetze. Nicht alle Salafisten sind politisch oder sogar Dschihadisten und befürworten den bewaffneten Kampf für einen Gottesstaat. Aber: Fast jeder der vom BKA untersuchten Dschihadisten kommt aus der salafistischen Szene.

Und keine Bewegung wächst so schnell. Derzeit zählen die Behörden mehr als 8000 Personen – eine winzige Gruppe unter den weit mehr als vier Millionen Muslimen in Deutschland. Doch noch 2012 waren es nur 3800. Damals nahmen auch die „Lies!“-Aktionen an Fahrt auf. Ihr Einfluss auf das Bild des Islam in Deutschland ist immens.

Denn die Islamisten sind Woche für Woche präsent auf deutschen Straßen. Rund 350 Mal warben Anhänger der „Lies!“-Bewegung laut Behörden 2015 in Nordrhein-Westfalen, etwa 130 Mal in Hamburg. Länder wie Bayern oder Berlin zählen die Verteilungen nicht, aber auch dort stehen junge Männer fast wöchentlich an Infoständen. Oder sie ziehen mit Rucksack und Plakat als „mobile Da‘wa“ durch die Innenstädte.

Es gibt viele Gründe, warum sich ein junger Mensch – aus einer muslimischen Familie oder deutscher Konvertit – dem Islamismus zuwendet: etwa eine schwere persönliche Krise, die Suche nach Sinn und einer Identität, die Lust an jugendlicher Rebellion, Wut, eine verfehlte Erziehung. Salafisten locken diese Jugendlichen mit ihrer radikalen Gemeinschaft – sie bieten simple Antworten auf komplexe Psychen der Jugend.

„Lies!“-Anhänger dominieren die Bewegung

Sozialarbeiter, Wissenschaftler und Sicherheitsleute machen mehrere Faktoren für eine Radikalisierung junger Menschen aus: Die Propaganda im Internet spielt eine große Rolle. Auch die „Lies!“-Anhänger posten massenhaft Bilder und Videos ihrer Aktionen auf Facebook. Zudem können persönliche Kontakte in die Szene entscheidend sein. Nicht nur in der Schule, in Jugendzentren oder Moscheen sind vereinzelt Islamisten aktiv – an den Koranständen lernen junge Menschen im Small Talk Salafisten kennen. Wie Rechtsextremisten und Linksradikale bieten sie Grillfeste, gemeinsame Fahrten zu radikalen Predigern – oder sie verteilen Korane.

Doch Experten bewerten die Koranstände nicht nur als Mittel der Rekrutierung für die Szene, sondern sie sollen auch die „eigene Szene nach innen stärken“, sagt Jörg Rademacher, Sprecher des Verfassungsschutzes in NRW unserer Redaktion. Es geht um Einfluss innerhalb der Salafisten. Neben der „Lies!“-Kampagne formierten sich weitere Gruppen wie „Siegel der Propheten“ oder das „Da’wa Movement“. In einigen Fällen sollen sie aus Rivalitäten entstanden sein.

Doch die „Lies!“-Anhänger dominieren die Bewegung. Nach eigenen Angaben hatte die „Lies!“-Kampagne bis Herbst 2015 drei Millionen Exemplare in mehreren Sprachen verteilt, 3000 Salafisten waren beteiligt. In den Ausgaben heißt es: „Herausgeber: Lies Stiftung“. Dahinter steht eine Verlagsgesellschaft in Pulheim bei Köln, eingetragen im Handelsregister. Geschäftsführer ist Ibrahim Abou-Nagie, ein bekannter Islamist. Seit Jahren ist er laut Verfassungsschutz Kopf der Bewegung, die sich „Die Wahre Religion“ nennt. Auf eine Anfrage dieser Redaktion reagierte Abou-Nagie nicht.

Extremismus ist legal

Ihr Koran ist aus dem Arabischen übersetzt von Abu-r-Rida Muhammad ibn Ahmad ibn Rassoul, einem ägyptischen Rechtsgelehrten aus Köln. Wie mehrere Übersetzungen dient auch Rassouls Werk der Missionierung, er nutzt das Wort „Allah“ anstelle von „Gott“. Wie in ihrem Aussehen durch Bart und Pluderhose in Szene gesetzt, das den Muslimen zur Zeit Mohammeds nachempfunden sein soll, setzen Salafisten auch bei ihren Gratis-Koranen auf eine möglichst unverfälschte Variante, die jedoch eine zeitgenössische Interpretation der Aussagen des Korans erschwert.

Wer mit manchen der jungen Männer an den Ständen spricht, hört viel von „Hölle“ und „Paradies“, sie wettern gegen die Demokratie und loben die „Gesetze Allahs“. Zur Gewalt rufen sie nicht auf. Verfassungsschützer sagen: Auch weil sie wissen, dass der Infostand dann sofort verboten würde. So aber müssen die Behörden die öffentlichen Aktionen der Salafisten Woche für Woche genehmigen, denn das Verteilen des Korans ist nicht strafbar.

Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland ein hohes Gut. Und sogar Extremismus ist legal, sei es als Mitglied der NPD, als Anarchist oder Islamist, solange eine Person nicht gegen Gesetze verstößt. Die Ordnungsämter versuchen durch Auflagen eine Verteilung zu untersagen, so berufen sie sich etwa darauf, dass der Verkehr zu sehr beeinträchtigt werde. Doch das gelingt kaum.

Politik ist bei Verboten zurückhaltend

Die Ausnahmen sind selten, so wie Ende Mai in Hamburg. Das Bezirksamt untersagte dem Anmelder Abou S. die Aktionen. In dem Schreiben des Amtes an S., das dieser Redaktion vorliegt, heißt es: „Aus den uns vorliegenden Unterlagen des Landesamtes für Verfassungsschutz geht hervor, dass Sie zweifelsfrei der salafistischen/dschihadistischen Szene Hamburgs zuzurechnen sind.“ S. verbreitete danach seit Juli 2014 Beiträge im Internet, die auch eine Unterstützung der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) aufweisen.

Auch die Politik ist bei Verboten zurückhaltend. „Sofern es sich um verfassungsfeindliche Bestrebungen handelt, kann und muss der Rechtsstaat dagegen vorgehen“, sagt die Grünen-Politikerin Irene Mihalic dieser Redaktion. Aber ein generelles Verbot entsprechender Verteilaktionen sei mit den Werten unserer Verfassung nicht vereinbar. Eine Grundordnung, die Extremisten ja gerade bekämpfen würden, so Mihalic. „Wir sollten uns und unser Handeln daher nicht von dieser freiheitsfeindlichen Denkweise prägen lassen.“

CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach hält Verbote ebenso nur für richtig, wenn im Einzelfall rechtliche Verstöße nachgewiesen werden können. Er fordert zudem eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Islamismus in Deutschland. „Keine falsche Toleranz gegenüber den Intoleranten“, sagt Bosbach dieser Redaktion. Doch auch Projekte zur Prävention laufen bisher in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten erst langsam an. So werden auch in den nächsten Tagen einzelne Gruppen von Salafisten auf deutschen Straßen wieder Korane verteilen.