Bundespräsidentschaft

Schadt über Gauck: „Er wird eifrig im Garten ackern“

Daniela Schadt in der Zentralredaktion in Berlin.

Daniela Schadt in der Zentralredaktion in Berlin.

Foto: Reto Klar

Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt zieht Bilanz. Und sie sagt im Interview: Das Land ist bereit für eine Frau als Staatsoberhaupt.

Berlin.  Anfang Juni hat Bundespräsident Joachim Gauck erklärt, dass er nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren will. Die Entscheidung ist dem 76-Jährigen nicht leichtgefallen. Seine Lebensgefährtin Daniela Schadt blickt zurück – und voraus: Im ersten Interview nach der Entscheidung spricht die 56-Jährige über die Zeit als First Lady, über ihre Liebe zur analogen Welt und über Gaucks Pläne für den Ruhestand.

Wie haben Sie die Wochen und Monate vor der Entscheidung erlebt?

Daniela Schadt : Es war eine Zeit des intensiven Nachdenkens und Abwägens. Wir haben viel über das Für und Wider gesprochen. Auch wenn es in der Bundesrepublik bisher eher der Normalfall ist, dass die Präsidenten nur für eine Amtszeit bleiben: Es war eine schwierige Entscheidung. Und ich bin froh, dass die Zeit des Spekulierens jetzt vorbei ist.

Wie groß war Ihr Anteil an der Entscheidung?

Schadt : Wie gesagt: Er und ich haben uns ausführlich über diese Frage unterhalten – ebenso wie er und andere ihm nahestehende Menschen. Entschieden hat aber dann alleine Joachim Gauck.

Sie waren nicht dabei, als der Bundespräsident seine Entscheidung bekannt gab – warum nicht?

Schadt : Es hätte zum Anlass nicht gepasst. Ich habe aber im Nebenraum auf Jochen gewartet.

Bettina Wulff und Eva Luise Köhler waren dabei, als ihre Männer ihren Rücktritt erklärten.

Schadt : Richtig Und hier war es die öffentliche Bekanntgabe einer sachlichen Entscheidung – kein Rücktritt, keine dramatische Situation.

Wie ging es Ihnen am Tag danach? Die Zeitungen waren voller Lob für die Präsidentschaft.

Schadt : Wir haben uns gefreut – und wir sind sehr dankbar. Der Dank gilt auch unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: So eine Präsidentschaft ist ja keine One-Man- oder One-Couple-Show.

Ihre Vorgängerin, Bettina Wulff, hat nach dem Rücktritt ihres Mannes ein Buch geschrieben. Es heißt „Jemseits des Protokolls“. Darin rechnet sie mit ihrer Zeit als First Lady ab. Werden Sie auch ein Buch schreiben?

Schadt : Nein, das habe ich nicht vor. Ich erfahre, ich lerne hier sehr viel. Und sicher werden all die Beobachtungen und Erfahrungen mich auf irgendeine Weise auch künftig begleiten. Aber ich habe von Anfang an nicht geplant, sie zu publizieren, und auch deswegen keine Aufzeichnungen gemacht. Das Wesentliche habe ich verinnerlicht. Es ist Teil meines persönlichen Gedächtnisses geworden.

Was war der berührendste Moment bislang? Und auf was hätten Sie gerne verzichtet?

Schadt : Es hört sich vielleicht komisch an, aber mir fällt nichts ein, von dem ich sagen würde: Das möchte ich nicht erlebt haben. Auch die Anfeindungen, wie vorletzte Woche in Sebnitz – das ist eben Teil des wirklichen Lebens. Umgekehrt habe ich sehr viele berührende Momente erlebt. Dazu muss man gar nicht weit reisen: Es gibt in Deutschland so viele beeindruckende, weil außerordentlich engagierte, mit Leib und Seele fürs Gemeinwohl aktive Menschen. Das sind nicht notwendigerweise diejenigen mit den großen Namen oder hohen Posten. Ich war zum Beispiel erstaunt darüber, dass es unendlich mehr tolle Initiativen gibt, als mir bis vor einigen Jahren bewusst war.

Zum Beispiel?

Schadt : Nur ein Beispiel von vielen: eine Initiative in Berlin, die sich um Kinder psychisch kranker Eltern kümmert. Ich wusste natürlich, dass psychisch Kranken geholfen wird. Aber von diesen Paten, die verlässlich bereitstehen, wenn die Eltern dieser Kinder in die Klinik müssen und zu Hause alles zusammenbricht, wusste ich lange nichts. Und wenn ich so eine Initiative kennenlerne, dann zupfe ich mich innerlich am Ohr und denke: „Du hattest Dir bisher noch keine Gedanken darüber gemacht, was eigentlich in solchen Situationen mit diesen Kindern passiert.“ Was ich sagen will, ist, dass mein Blick sich durch diese und ähnliche Erfahrungen enorm geweitet hat.

Während Ihrer Zeit im Schloss Bellevue hat sich Deutschland, hat sich Europa verändert: Die Flüchtlinge, der Terror, die Rechtspopulisten und jetzt auch noch der Brexit. Viele beobachten eine Vertrauenskrise der etablierten Politik. Auch der Bundespräsident ist mehrmals attackiert und ausgebuht worden. Was hilft dagegen?

Schadt : Das Erste, was hilft, ist: nicht wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren. Ja, es gibt Verwerfungen, aber das ist nicht das ganze Deutschland. Wir leben in einem Land voller engagierter Menschen. Und wir haben schon viele Krisen überstanden: Ich bin Jahrgang 1960. Erinnern Sie sich an die Zeit des RAF-Terrors oder an den erbitterten Streit um die Nachrüstung – da war die Gesellschaft gespalten. Ich will nichts von den heutigen Krisen, den großen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen relativieren, aber es hilft gegen aufkommende Mutlosigkeit, wenn man sich erinnert, was dieses Land schon geschafft hat.

Die Leute sollten also einfach etwas optimistischer sein?

Schadt : So einfach ist das leider nicht. Wir stehen vor besonderen Schwierigkeiten in Europa und weltweit – angefangen beim islamistischen Terrorismus, den Fluchtbewegungen oder auch den massiven Veränderungen in der Arbeitswelt. Das sorgt für große Verunsicherung, zu Recht. Ich verstehe es und kenne es auch selbst. Nur ein ganz kleines, vergleichsweise triviales Beispiel. Es soll illustrieren, wie schwer manche Menschen – ich gehöre zu ihnen – sich sogar mit relativ geringfügigen Änderungen tun: die Digitalisierung unseres Alltags. Ich bin kein „Digital Native“, ich komme aus dem analogen Zeitalter. Das fängt beim Lesen an: Ein Morgen ohne gedruckte Zeitungen ist für mich kein guter Morgen. Und was ich nicht sofort lese, reiße ich mir raus und lese es später. Ich kaufe mir auch meine Fahrkarte noch am Schalter und nicht per Handy. Und wenn ich mir vorstelle, dass mein Kühlschrank demnächst selbstständig über einen Server frische Milch bestellt, dann wird es mir mulmig. Wie gesagt, das sind – gemessen an anderen Entwicklungen – Peanuts. Aber man fremdelt erst mal mit ihnen, geht vielleicht sogar auf Abwehr … Wenn so etwas schon Unbehagen verursachen kann, wie schwerfällt es dann, sich nicht von noch sehr viel größeren Umwälzungen schrecken zu lassen.

Wird der Faktor Mensch zu gering geschätzt in diesem digitalen Hype?

Schadt : Ja, absolut. Frei nach Yehudi Menuhin: Alle wesentlichen Dinge im Leben sind analog, nicht zuletzt der Humor und die Fähigkeit über sich selbst zu lachen.

Hätten Sie sich in den letzten Jahren bei solchen und anderen Fragen gerne mehr eingemischt, mehr, als es das Amt erlaubt?

Schadt : Solche Momente gab es natürlich. Aber das ist eben nicht meine Aufgabe. Gewählt ist Joachim Gauck. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich mich als Frau künstlich zurücknehme. Ich bin schlichtweg nicht der Bundespräsident. Wenn es irgendwann eine Bundespräsidentin geben wird, möchte ich ja auch wissen, was sie sagt, und nicht, was der dazu gehörende Lebenspartner oder die Lebenspartnerin denkt.

Ist denn die Zeit reif für eine Bundespräsidentin?

Schadt : Gegenfrage: War die Zeit nicht schon früher reif für eine Frau an der Spitze des Staates? Ich meine: doch, war sie. Die Verantwortlichen müssen jetzt eine Persönlichkeit mit der nötigen Erfahrung und Einstellung finden – ob das eine Frau oder ein Mann ist, das werden wir dann sehen. Ich glaube nicht, dass es in Deutschland eine große Debatte darüber geben würde, ob eine Frau Bundespräsidentin werden kann. Wir sind bei der Gleichberechtigung noch nicht am Ziel, aber die ganz großen Auseinandersetzungen dieser Art liegen hinter uns – zum Glück!

Sie sind nicht mit Joachim Gauck verheiratet. Gab es auf einer Ihrer Reisen mal ein Problem mit dem strengen Protokoll?

Schadt : Es gab bislang keine unangenehme Situation für uns. Unsere Gastgeber und Gesprächspartner sind auf uns vorbereitet und wir auf sie. Sie wissen also, dass wir nicht verheiratet sind. In Deutschland gab es am Anfang der Präsidentschaft, wie sie wissen, eine kürzere Debatte, ob wir nicht verheiratet sein müssten. Die Frage ist legitim, aber wir haben sie für uns entschieden.

Sie haben damals erklärt, sie würden nicht wegen des Protokolls heiraten. Gäbe es heute einen anderen Grund zu heiraten?

Schadt : Alle sind zufrieden, so wie es jetzt ist.

Wie finden Sie eigentlich den Titel „First Lady“?

Schadt : Ich habe ein pragmatisches Verhältnis dazu. Sie wissen, ich komme von der Zeitung und mag deswegen kurze Begriffe; sie passen einfach besser in Überschriften. Außerdem weiß jeder sofort, was gemeint ist.

Wie muss man sich Joachim Gauck im Ruhestand vorstellen? Es heißt ja immer, wenn Männer in Rente gehen, wird es für die Partnerinnen nicht leicht …

Schadt : Es ist ja noch Zeit, aber ich mache mir da keine Sorgen. Im Gegenteil: Joachim Gauck hat zwölf Enkel und sechs Urenkel. In den letzten Jahren war oft wenig Zeit für die Familie – das wird sich dann ändern. Er wird auch bestimmt in Zukunft öfter an die Ostsee fahren, …

… in das Haus der Familie in Wustrow, …

Schadt : … und wenn er erst einmal da ist, wird er wie immer eifrig im Garten ackern.

Was macht er denn gerne? Rasen mähen? Rosen schneiden?

Schadt : Es gibt große Hecken rund um das Grundstück und Brombeeren und jede Menge Obstbäume. Und da muss viel geschnitten und gesägt werden.