Interview

Schröder-Köpf: „Hier gibt es Frauen, die was zu sagen haben“

Doris Schröder-Köpf im Landtag Hannover: Das Rampenlicht aus den Kanzlertagen ihres Mannes vermisst sie nicht.

Doris Schröder-Köpf im Landtag Hannover: Das Rampenlicht aus den Kanzlertagen ihres Mannes vermisst sie nicht.

Foto: Frank Schinski / OSTKREUZ

Doris Schröder-Köpf, Niedersachsens Migrationsbeauftragte, spricht im Interview über Flüchtlinge, Integration sowie Beruf und Familie.

Hannover.  Doris Schröder-Köpf war jahrelang die Frau an der Seite des Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Heute ist die 52-Jährige selbst Politikerin und Migrationsbeauftragte in Niedersachsen. Im Gespräch kritisiert sie Kanzlerin Angela Merkel für deren Willkommenspolitik und setzt sich für ein Einwanderungsgesetz ein. Kann sie sich ein Amt auf Bundesebene vorstellen? „Berlin“, sagt sie, „ist immer schön.“

Frage: Früher haben Sie das exklusive Leben einer First Lady an der Seite von Bundeskanzler Gerhard Schröder geführt, heute sind Sie selbst Politikerin im Niedersächsischen Landtag. Welches Leben gefällt Ihnen besser?

Doris Schröder-Köpf: Es waren zwar interessante Jahre, aber kein exklusives Leben. Ich hatte damals wie heute meinen Lebensmittelpunkt in Hannover und bin weder nach Bonn noch nach Berlin gezogen. Umfeld und Freunde sind geblieben. Mal abgesehen davon, dass ich heute wegen meines Landtagsmandates und meines Ehrenamtes als Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe noch weniger Zeit für Privates habe. Dass ich auch nur selten bei Auslandsreisen oder Empfängen dabei war, lag daran, dass ich meiner großen und später auch der kleinen Tochter ein normales Leben ermöglichen wollte, eines außerhalb des Rampenlichts. Und das ging in Hannover besser als in Berlin.

Frage: Vermissen Sie das Rampenlicht und sogar am Ende ein bisschen Berlin?

Also, Berlin ist immer schön. Ich freue mich jedes Mal, wenn meine Termine mich nach Berlin führen. Das Rampenlicht vermisse ich nicht. Ich finde es viel sinnstiftender, durch eigene berufliche Tätigkeit nach Berlin zu kommen.

Frage: Reizt Sie ein Amt auf Bundesebene, zum Beispiel wie Aydan Özoğuz Bundesbeauftragte für Migration zu werden?

Ich finde, dass Aydan Özoğuz einen fantastischen Job macht! Und ich hoffe, dass es in der nächsten Legislaturperiode endlich zu einem Ministerium für Migration und Demografische Entwicklung kommt, das sie dann leitet. Ich werde sie dann gerne von Niedersachsen aus unterstützen.

Frage: Was halten Sie vom Integrationsgesetz?

Ein Integrationsgesetz ist ein guter und erster Schritt. Sprachförderung und Hilfestellungen zum Andocken an den Arbeitsmarkt sind dabei wichtigste Ziele. Wir brauchen aber auch ein Einwanderungsgesetz, das die Zuwanderung nach klaren Vorgaben steuert. Es kommen immer noch Menschen nach Deutschland, die im Asylsystem falsch sind, weil sie nicht politisch verfolgt werden oder keine Bürgerkriegsflüchtlinge sind. Menschen, die hier Chancen suchen, sollten wir – nach Bedürfnissen unserer Gesellschaft und unseres Arbeitsmarktes – eine andere Perspektive eröffnen.

Frage: Hat die Bundeskanzlerin Sie beeindruckt mit ihrem klaren Statement zu den Flüchtlingen im September vergangenen Jahres?

Eher überrascht als beeindruckt. Die SPD hatte sich schon lange vorher eine andere Lösung gewünscht. Wir hatten über viele Monate beobachtet, dass immer mehr Menschen beispielsweise über Italien zu uns kamen und das ganze Dublin-System nicht mehr funktionierte. Viele aus der SPD, auch ich, haben sich deshalb dafür starkgemacht, größere Kontingente an Flüchtlingen aus den großen Lagern wie in der Türkei oder dem Libanon geplant aufzunehmen. Eine großzügige Kontingentlösung hätte Tausenden das Leben gerettet. Diesen Weg wollten die Kanzlerin und die Unionsparteien aber nicht einschlagen. Deshalb: Der Weg, den sie dann gewählt hat, war kein besonders guter. Als Frau Merkel dann sagte: Wir schaffen das, dachte ich, dass sie sich ganz schön was traut. Es war ja klar, dass sich die Begeisterung im restlichen Europa in Grenzen halten würde.

Frage: Manchmal bringt sich Ihr Mann ja noch ein, zuletzt forderte er, die Integrationsmaßnahmen für Flüchtlinge nicht auf Kosten eines ausgeglichenen Haushalts einzuschränken. Spricht er solche Äußerungen mit Ihnen ab?

Nein. Aber wir sprechen natürlich viel über den ganzen Themenkomplex Flucht, Asyl, Einwanderung. Wir müssen jetzt massiv in Integrationsmaßnahmen investieren und eine Million Menschen, die neu zu uns gekommen sind, in die Lage versetzen, Teil unserer Gesellschaft und unseres Arbeitsmarktes zu werden. Da dürfen wir jetzt nicht sparen, denn es gibt keine zweite Chance. Später werden viele zu alt sein, um noch in Ausbildung zu gehen, eine Lehre zu machen. Es ist auch genug Geld da, dafür haben auch die Reformen der letzten rot-grünen Bundesregierung gesorgt. In diesen Fragen sind mein Mann und ich uns einig. Das ist aber auch kein Wunder, wir gehören ja derselben Partei an.

Frage: Wie begegnet man Ihnen als Frau und Frau des früheren Bundeskanzlers, wenn Sie im Flüchtlingsheim sind?

Die Menschen, die eine Flucht überstanden haben, wissen nicht, mit wem ich verheiratet bin. Sie erwarten in erster Linie Hilfe von mir. Als Frau hatte ich noch nie Probleme mit Flüchtlingen. Ich finde es übrigens auch gut und wichtig, wenn Geflüchtete gleich bei den ersten Kontakten in Deutschland feststellen: Hier gibt es Frauen, die etwas zu sagen und zu entscheiden haben, ob als Leiterinnen von Flüchtlingsunterkünften, Ärztinnen oder Mitarbeiterinnen bei Ausländerbehörden.

Frage: Waren die Geschehnisse in der Silvesternacht in Köln für Ihre Arbeit nicht ein Schlag ins Kontor?

Ja, leider. Mein Blick war bereits vorher von einer professionellen Nüchternheit geprägt. Aber die Übergriffe von Köln haben den Menschen in ganz Deutschland – übrigens auch vielen Geflüchteten – Angst gemacht. Ich habe natürlich gespürt, dass bei vielen Bürgerinnen und Bürgern dann aus Skepsis gegenüber den männlichen Flüchtlingen Sorge wurde. Statistisch betrachtet sind junge Männer häufiger kriminell als beispielsweise 52-jährige Frauen wie ich. Auch deutsche junge Männer. Es ist gut, dass es in Folge dieser Übergriffe zu einer Verschärfung des Sexualstrafrechts kommt. Auch das übergriffige Berühren an intimen Stellen kann Mädchen und Frauen für immer beinträchtigen. Als Frau und Mutter von zwei Töchtern mit 25 und 14 Jahren wünsche ich mir harte Strafen für solche Täter.

Frage: Wie vereinen Sie Ihre Arbeit mit der Mutterrolle?

Ich habe mich ja erst zu einem späten Zeitpunkt dazu entschlossen, für den Landtag zu kandidieren. Dann nämlich, als meine drei Kinder in einem Alter waren, von dem ich dachte, das geht jetzt. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass Arbeiten mit Kindern nicht einfach ist. Es rumpelt fast jeden Tag. Es geht nicht alles, und man kann nicht alles gleichzeitig haben. Also habe ich mein Leben ein Stück weit in unterschiedlichen Phasen gelebt. Als ich alleinerziehend war und voll berufstätig, ist es mir manchmal sehr schwer gefallen, mich morgens von meinem Baby zu trennen. Das tat fast schon körperlich weh. Aber ich musste ja das Geld für uns verdienen. Ich könnte kein bestimmtes Lebensmodell empfehlen: Es hängt von der Frau ab, dem Kind, der finanziellen Situation und natürlich auch vom Partner. Und zur Wahrheit gehört auch, dass immer noch viel zu wenige Männer dazu bereit sind, sich zur Hälfte für ihre Kinder zu engagieren. Leider gibt es keinen Königinnenweg.

Frage: Bleibt es in der Familie immer noch an den Frauen hängen?

In den allermeisten Familien schon.

Frage: Wie war das denn bei Ihnen? Hat der Kanzler Gerhard Schröder mitgemacht?

Da muss man fairerweise sagen: Als Kanzler kann man das nicht. Das wusste ich aber vorher.