Nahostkrise

Wie Briten und Franzosen den Krisenherd Nahost erschufen

Der Libanon ist ein ständiger Krisenherd in Nahost – für viele ist auch das ein Erbe des Sykes-Picot-Abkommens vor 100 Jahren.

Der Libanon ist ein ständiger Krisenherd in Nahost – für viele ist auch das ein Erbe des Sykes-Picot-Abkommens vor 100 Jahren.

Foto: Oliver Weiken / dpa

Mit dem Sykes-Picot-Vertrag teilten vor 100 Jahren Briten und Franzosen den Nahen Osten unter sich auf. Die Folgen sind noch spürbar.

Kairo.  Die Szene ging als Videoclip um die Welt. Die syrisch-irakischen Grenzsoldaten waren über alle Berge. Mit einem gelben Bulldozer schoben die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ mitten in der Wüste Kontrollposten und Sandbarrieren beiseite, bejubelt von ihren Waffenkameraden. „Wir zerschmettern Sykes-Picot“, twitterten die bärtigen Extremisten. „Dies ist nicht die einzige Grenze, die wir niederreißen, andere werden folgen.“

Die vor 100 Jahren von den damaligen Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich geschaffenen Realitäten existieren für diese Gotteskrieger nicht mehr. An ihre Stelle wollen sie ein panislamisches Kalifat setzen, errichtet aus den Ostregionen Syriens und den Westregionen des Irak. „Unser Vormarsch wird nicht stoppen, bis wir den letzten Nagel in den Sarg der Sykes-Picot-Verschwörung geschlagen haben“, polterte der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi bei seinem bisher einzigen öffentlichen Auftritt im Juli 2014 in der Al-Nuri-Moschee von Mosul.

„Ein Frieden, der jeden Frieden beendete“

Nicht nur für diese Radikalen, auch im kollektiven Bewusstsein der 300 Millionen Arabern ist Sykes-Picot ein Verrat, der bis heute präsent ist. Das dubiose Geheimabkommen vom 16. Mai 1916 machte alle Hoffnungen auf Unabhängigkeit und einen eigenen Staat zunichte. Und es schuf die Ursachen für die endlosen Konflikte, die die Region bis heute plagen und mittlerweile an den Rand eines Zusammenbruchs gebracht haben.

„Ein Frieden, der jeden Frieden beendete“, betitelte der US-Historiker David Fromkin sein Standardwerk über die Entstehung des modernen Nahen Ostens. In der Region gebe es zwar ewige Staaten wie Ägypten und Iran, die seit der Antike existierten, unerschütterlich in ihrer Existenz, schreibt Fromkin in seinem Nachwort von 2009. Andere wie die Türkei und Saudi-Arabien seien das Produkt starker Gründerväter wie Mustafa Kemal Atatürk und König Abdel al-Aziz ibn Saud. Mit Libanon, Syrien, Jordanien, Irak und Israel gebe es aber auch die „Kinder Englands und Frankreichs“, alle problematisch in ihrer Herkunft, weil geboren aus dem Abkommen von Sykes und Picot.

Grenzen wie schnurgerade Linien im Sand

Damals, kurz vor Weihnachten 1915, eilte der junge britische Abgeordnete Mark Sykes in die Downing Street 10. Unter dem Arm hatte er eine Landkarte und ein dreiseitiges Manuskript. Vor dem Kriegskabinett seiner Majestät sollte der 36-Jährige seine Ideen darlegen, wie die europäischen Mächte England und Frankreich nach einer Niederlage des Osmanischen Reiches die arabische Welt unter sich aufteilen könnten.

„Ich würde eine Linie ziehen vom e von Acre bis zum letzten k von Kirkuk“, plädierte der forsche Baron vor den versammelten Ministern. Diese zeigten sich beeindruckt und gaben grünes Licht. „Ich glaube, das war mein Tag“, prahlte Sykes anschließend bebend vor Stolz, bevor er die Verhandlungen mit dem französischen Diplomaten François-Georges Picot aufnahm. Bereits Ende Februar 1916 waren sich die beiden Unterhändler einig. Und ihre Kabinette segneten die künftige Gestalt des Orients ab.

Sykes schnurgerade „Linie im Sand“, wie sie der britische Historiker James Barr 2011 in seinem Buch über die Schicksalsjahre nach dem Ersten Weltkrieg nannte, teilte die Region in eine französische und eine britische Machtsphäre – ungeachtet der Wünsche der Bevölkerung, ungeachtet aller ethnischen und konfessionellen Grenzen, quer durch zahlreiche Stammesgebiete. Das riesige neue Kolonialgebiet aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches mit seinen 20 Millionen Menschen erstreckte sich von Beirut bis an den Persischen Golf, von Ostanatolien bis zum Sinai. „Selbst unter den Maßstäben der Zeit war es ein schamlos eigennütziger Pakt“, urteilte James Barr über diesen imperialen Coup.

Die britische Regierung ließ ihre arabischen Verbündeten fallen

Denn das geheime Komplott zwischen London und Paris, das erst 1917 über russische Zeitungen bekannt wurde, stand im Widerspruch zu älteren Zusagen, die die britische Führung im Juli 1915 König Hussein ibn Ali, dem letzten haschemitischen Herrscher über Mekka, und seinen drei Söhnen Ali, Faisal und Abdullah gegeben hatte. Um den Potentaten auf der Arabischen Halbinsel zum Aufstand gegen die Osmanen zu bewegen, versprach ihm der britische Hochkommissar in Ägypten, Sir Henry McMahon, in einem geheimen Briefwechsel ein unabhängiges arabisches Großreich. Der Gesandte versuchte zwar, dessen Grenzen möglichst vage zu halten, sagte aber auch Gebiete zu, auf die Frankreich schon seit Jahren pochte.

Als Alliierte der Briten erfüllten die Araber ihren Teil der Abmachung. Militärisch beraten wurden ihre beduinischen Reiterhorden vom britischen Archäologen und Agenten Thomas Edward Lawrence, der später unter dem Namen Lawrence von Arabien berühmt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg erschien Husseins Sohn Faisal auf der Friedenskonferenz von Versailles, um seine Forderungen einzutreiben.

Die Araber begruben ihre Hoffnungen

Die britische Regierung jedoch ließ die Araber fallen, um das Verhältnis zu Frankreich nicht zu belasten. „Die Freundschaft Frankreichs“, deklamierte der britische Premier David Lloyd George zu seinem französischen Kollegen Georges Clemenceau, „ist uns zehn Syrien wert.“ Die Araber mussten ihre Hoffnungen begraben.

Der getäuschte König Hussein verfolgte vom Hedschas aus die Ereignisse mit zunehmender Verbitterung. Er hütete die Kopien sämtlicher Briefe, die er mit McMahon gewechselt hatte, und warf den Briten vor, jedes einzelne ihrer Versprechen gebrochen zu haben. Im März 1921 rief Winston Churchill, damals frisch ernannter Minister für die Kolonien, eine geheime Runde in Kairo zusammen, um über die Zukunft der neuen britischen Mandatsgebiete zu beraten. Man kam überein, die Hussein-Söhne Faisal im Irak und Abdullah in Transjordanien als neue Herrscher von Londons Gnaden zu installieren – und damit wenigstens etwas von McMahons Zusagen aus der Kriegszeit zu erfüllen.

Die Konflikte wirken bis heute

Die Konturen der neuen postosmanischen Ordnung vor 100 Jahren erwiesen sich als erstaunlich robust, genauso wie die Konflikte, die diese willkürliche Nachkriegsregelung geschaffen hat, urteilt Oxford-Historiker Eugene L. Rogan in seinem kürzlich erschienenen Buch über den Fall des Osmanischen Reiches. Keine Gruppe von Staaten hat in den zurückliegenden Jahrzehnten so viele Kriege, Bürgerkriege, Umstürze und Terroranschläge erlebt wie die orientalischen Geschöpfe Englands und Frankreichs.

Sykes-Picot war der Beginn, auch wenn bei der historischen Unglücksbilanz des Nahen Ostens heute vieles zusammenkommt: Das Versagen der arabischen Eliten, die Rolle des politischen Islams und des Militärs, die Entdeckung des Erdöls, der Dauerkonflikt um die Gründung Israels sowie die fortwährenden Eingriffe Europas, der Vereinigten Staaten und Russlands.