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Koalition erbost über Mängel bei Airbus-Truppentransporter

Ein A400M-Militärtransporter der Luftwaffe landet am Stützpunkt Wunstorf bei Hannover (Niedersachsen).

Ein A400M-Militärtransporter der Luftwaffe landet am Stützpunkt Wunstorf bei Hannover (Niedersachsen).

Foto: Holger Hollemann / dpa

Flugzeugbauer Airbus hat Mängel beim Truppentransporter A400M eingeräumt. Der Chef des Verteidigungsausschusses zeigt sich enttäuscht.

Berlin.  Die Börsianer reagierten sofort. Kaum hatte Airbus neue Probleme beim Militärtransporter A400M eingeräumt, sackte der Aktienkurs um fünf Prozent ab. Nur eine Woche später folgt nun die politische Gewinnwarnung: Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Wolfgang Hellmich (SPD), schließt ein Scheitern nicht mehr aus. Er sagte unserer Redaktion, „das Projekt kann man stornieren.“ Ein Signalsatz, ein Gradmesser für die Stimmung unter den Politikern im Bundestag.

Der Ausschuss will auf seiner Sitzung am 11. Mai erfahren, wie groß die technischen Probleme und Verzögerungen sind; wie viele Maschinen Airbus dieses Jahr liefern kann. Zugesagt waren neun. „Wir brauchen Klarheit“, sagte Hellmich. Von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) fordert der SPD-Mann eine Risikoabschätzung.

Qualitätsmängel bei den Triebwerken

Schon am 21. April alarmierte der „Rüstungsboard“ der Bundeswehr die Ministerin. Es gebe „anhaltende Verzögerungen“. Die ausgelieferten Maschinen wiesen „vom Hersteller zu verantwortende Qualitätsmängel“ auf, insbesondere die Triebwerke, aktuell beim Getriebe. Die Ministerin ließ umgehend Ausgleichsansprüche gegen Airbus prüfen.

Dem Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Karl Müllner, ist klar, dass die Probleme die Bundeswehr auf Jahre begleiten werden. „Es wäre für uns schon sehr hilfreich, wenn wir verlässlich wüssten, wann wir unsere nächsten Maschinen bekommen und was sie dann können“, sagte er unserer Redaktion.

Dabei schreckt keinen Politiker mehr, dass der Flieger zu teuer ist, zu wenig leistet und dass die erste Maschine Ende 2014 sechs Jahre zu spät ausgeliefert wurde. Was Hellmich hingegen „mehr als irritiert“, ist die Trostlosigkeit von Airbus-Chef Thomas Enders. „Zurzeit gibt es keinen ausreichenden Überblick über die technischen, kommerziellen und industriellen Konsequenzen“, hatte Enders eingeräumt.

Jetzt erst wurde den Abgeordneten klar, wie alarmiert Airbus ist, „vorher haben wir nichts davon gewusst“. Im Raum steht der Verdacht, dass die Ingenieure überfordert sein könnten, keine Lösungen wissen. „Dann hätte man wesentlich früher Alarm schlagen müssen“, sagt Hellmich. Zumal der Vorgänger des A400M – die Transall – 2021 nach mehr als 60 Jahren eingestellt wird. Dann könne es „zu einer Fähigkeitslücke kommen“, warnte Müllner. In der Bundeswehr gibt es deswegen Pläne, zehn bis zwölf Maschinen des auf dem Markt verfügbaren amerikanischen Flugzeuges des Typs C-130J als Ergänzung zum A400M zu kaufen.

Die Deutschen können nicht allein entscheiden

Der wuchtige Flieger – 53 wurden zum Stückpreis von 170 Millionen Euro bestellt – sollte die Transall buchstäblich hinter sich lassen. Er sollte die Transall buchstäblich hinter sich lassen. Doppelt so schnell, doppelt so weit sollte der A400M fliegen; doppelt so viel Last sollte die Maschine tragen und auf Bahnen von nur einem Kilometer Länge sowie auf Schotterpisten starten und landen, feindliches Radar erfassen, Luftabwehrraketen durch einen Feuerwerksregen ablenken. Gerade die Selbstschutzeinrichtung ist wichtig. „Einen ungeschützten Transportflieger könnten wir nicht in Mali einsetzen, um Truppen zu transportieren“, stellte Hellmich klar. Inzwischen fragt er sich aber, „ob das Flugzeug erfüllen kann, was zugesagt worden ist“.

Drei Maschinen wurden bisher an die Bundeswehr ausgeliefert, 45 Meter lang, 14,7 Meter hoch, mit einer Flügelspannweite von 42,2 Metern. So markant der Auftritt der A400M mit seinen vier scharfkantigen Propellern ist, so sehr ist er auch ein fliegendes Missverständnis. Es gab Probleme mit Rumpf, Laderampe, Software, Fertigungsmängel. Und ein Probeflug in Spanien endete mit einem Absturz – vier Todesopfer. Hellmich: „Bis heute warten wir auf den Untersuchungsbericht der spanischen Behörden.“ Eine Schwachstelle waren von Anfang an die Triebwerke. Sie müssen eine enorme Schubkraft von 11.000 PS entfalten. Langsam dämmert es Hellmich, „ein so großes Getriebe für so eine Propellermaschine gibt es vielleicht nicht, keines mit dem man solche Lasten tragen und im steilen Winkel steigen und sinken kann.“

Es ist kein Flieger von der Stange, kann es nicht sein. Anders als ihre zivilen Kollegen müssen die Piloten unter Beschuss Ausweichmanöver ausführen, extrem steil landen und starten können. Ein Düsenantrieb kam nicht infrage. Es hätte auf Schotterpisten in Mali oder woanders Steine, Sand oder Erde angesaugt. Also musste ein neuer Propellerantrieb konzipiert werden.

Bis Anfang der 90er-Jahre reicht das Projekt zurück. Nach Alternativen aus Russland oder den USA hielt man nicht wirklich Ausschau. „Wir wollen ja einen europäischen Flieger“, beteuert Hellmich. Den A400M abzuwickeln, fiele nicht nur der Politik schwer, „das wäre für Airbus ein herber Rückschlag“, weiß Hellmich.

Ohnehin könnten die Deutschen nicht allein entscheiden, sondern nur im europäischen Verbund, bei Occar in Bonn, einer Dachorganisation, die gemeinsame Rüstungsprojekte koordiniert. „Wir sind“, sagt Hellmich, „in einer sehr schwierigen Situation.“