Attentat

„Liebe schlägt Hass“ nach Terroranschlägen in Brüssel

Am Brüsseler Flughafen Zaventem haben Menschgen Kerzen angezündet, um den Opfern zu gedenken.

Am Brüsseler Flughafen Zaventem haben Menschgen Kerzen angezündet, um den Opfern zu gedenken.

Foto: Olivier Hoslet / dpa

Die Menschen sind sich nach den Anschlägen in Brüssel einig im Widerstand gegen den Terror. Aber die Rückkehr zum Alltag fällt schwer.

Brüssel.  „Normalité?“ Nur einen Tag danach? „Geht nicht“, sagt Jan, der Blumenhändler. „Nicht mit den vielen Polizisten!“ – „Muss“, sagt Hannelore, die Parlamentsangestellte. „Nur so können wir zeigen, dass wir keine Angst haben.“

Und die Brüsseler, sie zeigen es. Am Tag nach den Doppelattentaten versammeln sie sich um 12 Uhr Mittag für eine Minute zum Schweigen. Im Europa-Viertel trifft sich die politische Führungsebene, im Berlaymont, Sitz der EU-Kommission, ist neben dem Hausherrn Juncker und seinem Team ein Kreis versammelt, der für Belgien und Europa steht: Mit König Philippe und seiner Gattin Mathilde, mit Premierminister Charles Michel und dessen französischem Kollegen Manuel Valls. In der Stadt treffen sich die Bewohner und Touristen. Der Bürgermeister betritt den Platz der Börse in der Innenstadt, eine Schärpe in den Landesfarben um die Hüfte. Alle schweigen, stolz und trotzig. Als wollten sie an die Adresse der Terroristen sagen: Ihr kriegt uns nicht unter. Der anschließende Applaus ist länger als die Gedenkminute. Jemand ruft „Vive la Belgique!“, ein anderer stimmt die Nationalhymne an. Sie singen von „Liberté“, der Freiheit. Es sind auch viele mit dunkler Hautfarbe und noch mehr Frauen mit Kopftuch anwesend. „Ich habe keine Angst“, sagt eine, „im Gegenteil, ich habe Energie!“ Aber wofür? Sie lässt die Hände sinken.

Mit dem Versuch der Normalität den Anschlägen trotzen

Der Held der Normalität heißt an diesem Tag Christian Delhasse. Am Dienstag steuerte er den Metrozug, den die Bombe an der Haltestelle Maelbeek zerriss. Delhasse, vorn in seinem Fahrerhäuschen, kam nicht zu Schaden. Er half, die Verletzten ins Freie zu schleppen, vorbei an Toten und Verstümmelten. Am Dienstag erschien er wieder zum Dienst.

Die ganze Stadt bemüht sich. Im Stadtteil Molenbeek, dort, wo Terroristen in ihren Zellen gehockt haben sollen, wo erst in der vergangenen Woche ihr mutmaßlicher Anführer Abdeslam festgenommen worden war, führen Lehrerinnen eine fröhliche Grundschulklasse über die Straße. Polizei? Nicht zu sehen. An einem der Tatorte, der U-Bahn-Station Maelbeek, ist von den weiträumigen Absperrungen nicht mehr viel übrig. An den Eingängen hängt noch zerknicktes Flatterband, die Rolltore sind heruntergelassen, doch eine Haltestelle weiter fährt die Metro wieder, spuckt am Morgen Menschen aus, die zur Arbeit eilen, den Blick nach unten gerichtet, stumm.

Unten in der Station aber warten sechs vermummte und bewaffnete Soldaten, kontrollieren jede Tasche. „Nein, danke“, sagt eine Frau und dreht wieder um. Sie geht doch lieber zu Fuß, die Geschäfte sind ja wieder offen, keine 100 Meter vom Anschlagsort herrscht geschäftiges Treiben.

Verwüstungen zu reparieren, wird noch dauern

Es ist vorerst ein wackliges Nebeneinander aus trotzig behaupteter Alltäglichkeit und den unübersehbaren Folgen der Katastrophe. An Bahnhöfen und anderen neuralgischen Punkten ist zusätzlich Polizei, Gendarmerie und Militär aufgezogen. Die Metro funktioniert nur auf bestimmten Linien. Auch bei den Vorortzügen kommt es zu Ausfällen. Eurostar, Betreiber des Tunnelzuges nach London, forderte die Reisenden auf, früher am Südbahnhof zu erscheinen. Maelbeek selbst, einer der schöneren Bahnhöfe des Netzes, wird nach Darstellung des Brüsseler Bürgermeisters Yvan Mayeur Wochen brauchen, die Verwüstungen zu reparieren.

„Wir versuchen, normal zu sein, in einer Situation, die nicht normal ist“, sagt eine junge Italienerin im Europa-Viertel. Hinter ihr hängen drei rosafarbene Blumen am Geländer, „no fear“, keine Angst, hat jemand auf einen Zettel gekritzelt. Vor der Kommission hängen die 28 blau-gelben EU-Sternenbanner auf Halbmast. Blumenmann Jan, der seit 18 Jahren hier seinen Stand hat, ist wütend. So viel Militär, so wenig Schutz. „Haben die eigentlich keine Detektoren, die kiloweise Sprengstoff rechtzeitig finden?“ Jan wird laut, er zittert, die Tochter einer Bekannten aus seinem Dorf war in der U-Bahn, ein Opfer, das er gekannt hat. Er kann nicht so tun, als sei alles normal. „Wir brauchen Zeit“, sagt ein anderer, „aber ich weiß nicht wie viel.“

Am Knotenpunkt der Trauer, dem Platz vor der Börse, treffen sich immer mehr. Um ihre Trauer und ihre Empörung zu zeigen. Um sich zu vergewissern, dass sie nicht allein sind. Und um zu demonstrieren – dass die Mörder nicht gewinnen werden.

Kreidezeichnungen, Blumen, Kerzen – Zeichen der Solidarität

Das Pflaster ist zum Kondolenzbuch geworden, auch wenn der Regen manche bunte Kreidezeichnung verwaschen hat. „Brüssel, ich liebe dich“ oder „Bruxelles, ma belle“ haben sie auf die Steine geschrieben, „Liebe schlägt Hass“ oder „Wir sind Brüssel“. An der Schulter eines Mannes weint ein Mädchen. Plötzlich fassen sich die Menschen an den Händen, bilden einen Kreis um Blumen, Briefe, Kerzen, drehen sich um das Stillleben. Jemand hat den Ruf der Islamisten, „Allahu akbar“, übersetzt: „Gott ist groß“, dazu hat er einen Davidsstern gemalt, einen Halbmond und ein Kreuz.

Daneben kniet Martine und formt das Wort „Love“ aus Kerzen. Die 42-jährige Verkäuferin aus Gabun fährt jeden Morgen mit der U-Bahn, zur selben Zeit, zu der am Dienstag die Bombe explodierte. Gestern hatte sie ihren freien Tag. Martines Kerzen wollen nicht brennen, die Tränen steigen ihr in die Augen. „Ich bin so traurig.“ Sie habe herkommen müssen, an irgendeinen Ort, der nicht gesperrt ist, wo andere sind, die es nicht zu Hause hielt.

Am Sonntag wird an der Börse ein „Marsch gegen die Angst“ starten, eine weitere Demonstration ist für den Ostermontag am Atomium geplant. Drei Tage soll das Land Staatstrauer halten. Die Schweigeminute am Dienstagmittag war erst der Beginn.