Extremismus

Pegida-Demos, Brandanschläge: Was ist bloß mit Sachsen los?

Kundgebung von
Pegida-Anhängern
am Königsufer
in Dresden am
6. Februar 2016

Kundgebung von Pegida-Anhängern am Königsufer in Dresden am 6. Februar 2016

Foto: Sebastian Willnow / dpa

Ist das ganze Bundesland braun eingefärbt? Nein, sagt Autor Matthias Gretzschel, der seine sächsische Heimat auch anders kennt.

Hamburg. Meine sächsische Heimat soll ein Schandfleck sein? Kann man das ganze Bundesland auf der Deutschlandkarte einfach braun einfärben und damit aus der demokratischen Gesellschaft der Bundesrepublik ausgrenzen, wie es die „Hamburger Morgenpost“ auf der Titelseite kürzlich getan hat? Das geschah nicht von ungefähr, denn ohne Zweifel ist die Ausländerfeindlichkeit in Sachsen besonders ausgeprägt. Immer wieder sind es sächsische Ortsnamen wie Bischofswerda, Meißen, Heidenau oder Freital, die als Schauplätze von Brandanschlägen, Pöbeleien und rechtsextremistisch motivierten Straftaten genannt werden. Und die islam- und fremdenfeindliche Pegida-Bewegung ist nirgendwo so stark wie in meiner alten Heimatstadt Dresden.

Aber ist deshalb ganz Sachsen braun? Was ist mit jenen Dresdnern, die gegen Neonazis demonstrieren? Die an ihren Arbeitsplätzen und im Bekanntenkreis reden, diskutieren und argumentieren und für Anstand und Mitmenschlichkeit werben, obwohl auch sie nicht wissen, wohin sich die aktuelle Situation in der Flüchtlingskrise noch entwickeln wird? Was ist mit den Tausenden ehrenamtlichen Helfern, die es auch in Dresden und Chemnitz, in Leipzig und Plauen, in Bischofswerda und Bautzen gibt? Ist nicht jeder einzelne von ihnen ein gutes Argument gegen das gleichmacherische Braun, mit dem viele ganz Sachsen eingefärbt haben?

„Ich bin ein Deutscher aus Sachsen. Mich lässt die Heimat nicht fort“, schrieb der Dichter Erich Kästner, als er Mitte der 1930er-Jahre längst in Berlin lebte und sich fragen lassen musste, warum er Nazi-Deutschland nicht den Rücken kehrte. Was würde der Autor von „Emil und die Detektive“, „Das doppelte Lottchen“ und „Pünktchen und Anton“ wohl empfinden, wenn er die Fernsehbilder aus Clausnitz und Bautzen sehen müsste? Die Szenen einer pöbelnden Menge, die einen Bus mit Flüchtlingen auf furchterregende Weise blockiert und ungeniert den 89er-Freiheitsruf „Wir sind das Volk“ skandiert? Von Gaffern, die in Bautzen vor einem brennenden Hotel jubeln, das als Flüchtlingsunterkunft dienen sollte, und dabei auch noch die Löscharbeiten der Feuerwehr behindern?

„An allem Unrecht, das geschieht, ist nicht nur der Schuld, der es begeht, sondern auch der, der es nicht verhindert“, hat Erich Kästner einmal formuliert – ein Satz, der Politikern wie dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich in den Ohren klingen müsste. Nachdem der Dresdner Regierungschef lange Zeit zu den Vorkommnissen in seinem Land geschwiegen hatte, sprach er den Tätern von Clausnitz nun das Menschsein ab – und begab sich damit auch noch auf deren erbärmliches Argumentationsniveau. Erich Kästner, der seine sächsische Heimat lebenslang geliebt und wohl auch manchmal an ihr gelitten hat, war couragiert genug, um die Dinge beim Namen zu nennen. Dazu gehört heute leider auch die Tatsache, dass in Sachsen besonders viele Menschen leben, die anfällig sind für Ressentiments und Hass.

Warum das so ist? Diese Frage bekomme ich in diesen Tagen häufig gestellt, obwohl auch ich nicht mehr weiß, was ich von der einerseits vertrauten und dann doch wieder so fremden Gegend halten soll, in der ich aufgewachsen und zur Schule gegangen bin, in der ich studiert, geheiratet und als Journalist zu arbeiten begonnen habe. Vieles, was in diesen Tagen über die Mentalität der Sachsen gesagt und geschrieben wird, erscheint mir richtig, manches auch falsch, und oft sind es schlicht Vorurteile, die sich jetzt in pauschalen Schuldzuweisungen Bahn brechen. Und mitunter werde ich den Verdacht nicht los, dass auch deshalb so schnell mit dem Finger auf Sachsen gezeigt wird, weil es für den Rest des Landes Entlastung verspricht. Als ob brennende Asylunterkünfte und geifernde Fremdenfeinde nur ein sächsisches Phänomen wären!

Aber reden wir über Sachsen, dieses ewige Verliererland, das so gut wie nie einen Krieg gewinnen konnte, dafür aber Musiker, Maler und Dichter, Architekten und Ingenieure, Erfinder und Wissenschaftler hervorgebracht hat wie kaum ein anderer deutscher Landstrich, vielleicht von Schwaben abgesehen. Kulturgeschichtlich müsste das Land, das dank der Silberfunde im Erzgebirge und eines früh entwickelten Manufakturwesens spätestens seit dem 18. Jahrhundert eine Wohlstandsregion war, für Weltoffenheit geradezu prädestiniert sein. Als August II., besser bekannt als August der Starke, 1697 von der lutherischen zur katholischen Kirche übertrat, um König von Polen zu werden, brach er mit dem Grundsatz „Cuius regio, eius religio“, wonach der Fürst über die Religion seiner Landeskinder bestimmte. Damit machte er das „Mutterland der Reformation“ zu einem Musterland der Toleranz. Von nun an gab es in Sachsen – ganz anders als etwa im lutherisch-orthodoxen Hamburg – nicht nur die eine allein seligmachende Wahrheit, sondern durchaus unterschiedliche Möglichkeiten, Gott und die Welt zu betrachten. Auf den Leipziger Messen konnten Bücher gehandelt werden, die andernorts streng unter Verschluss gehalten wurden. Sachsen wurde zum Zufluchtsort für Religionsflüchtlinge, etwa aus Böhmen, und im 19. Jahrhundert auch für politisch verfolgte Revolutionäre aus Polen. Im Augusteischen Zeitalter kamen Anfang des 18. Jahrhunderts Künstler und Experten aus Italien, Frankreich und Süddeutschland an die Elbe, die Dresden zu einer der glanzvollsten Residenzen in Europa machten. Fremdenfeindlichkeit? Fehlanzeige. Nicht einmal die Hundertschaften italienischer Handwerker, die Gaetano Chiaveri mit Sack und Pack aus Rom mitbrachte, als er 1736 die Katholische Hofkirche gleich neben dem Residenzschloss erbaute, sorgten für Schwierigkeiten. Für mehrere Jahrzehnte richteten sie ihr „Italienisches Dörfchen“ als bunte Parallelgesellschaft just auf dem jetzigen Theaterplatz ein, dem heutigen Aufmarschgebiet der Pegida-Bewegung. Mit dem Siebenjährigen Krieg, zu dessen Beginn Preußen 1756 ohne Kriegserklärung in Sachsen einfiel, ging die glanzvolle Zeit zu Ende.

Napoleon machte Sachsen zwar 1806 noch zum Königreich, aber die bittere Schlussrechnung bekam das Land auf dem Wiener Kongress präsentiert: Damals verlor die einst so ambitionierte europäische Mittelmacht drei Fünftel ihres Territoriums (die Hälfte davon an Preußen) und wurde politisch nahezu bedeutungslos. Im Grunde genommen sehen sich die Sachsen seither stets auf der Verliererseite, fühlen sich ungerecht behandelt und missverstanden, was sie andererseits oft durch ein übersteigertes Selbstbewusstsein zu kompensieren versuchen.

Der Politikwissenschaftler Hans Vorländer hat in diesem Zusammenhang von einem „sächsischen Chauvinismus“ gesprochen. In einem Interview mit der „FAZ“ sagte der Direktor des Instituts für Politikwissenschaft an der Technischen Universität Dresden: „Was Sachsen auszeichnet, ist sicherlich ein hohes Maß an Ethnozentrismus. Das verbindet Sachsen mit Bayern. Diese Haltung führt tendenziell dazu, dass man die eigene Gruppe höher bewertet und die anderen, die von außen kommen, abwertet.“

Dass sich diese Haltung, die übrigens in Dresden sehr viel stärker ausgeprägt ist als etwa im traditionell weltoffeneren Leipzig, in den letzten Jahrzehnten verfestigt hat, dürfte auch Resultat der jahrzehntelangen Prägung durch Diktatur und Abschottung sein. Die Bevölkerung in Ostdeutschland insgesamt, aber natürlich auch in Sachsen, ist viel homogener als in den westdeutschen Bundesländern. Während der DDR-Zeit hat zudem ein beträchtlicher Teil der Eliten das Land verlassen. Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen waren andererseits kaum möglich oder blieben streng reglementiert. Hinzu kommt noch eine andere Spätfolge der SED-Herrschaft: die beispiellose Säkularisierung. Der Dresdner Sozialwissenschaftler Frank Richter, der die Sächsische Landeszentrale für Politische Bildung leitet, sagt dazu im Interview mit der „Welt“: „Die Bevölkerung ist zu 80 Prozent areligiös. Religion als Ressource ethischer Maßstäbe und Haltungen steht weithin nicht zur Verfügung. In dieser Feststellung steckt keinerlei Vorwurf, vielmehr das Postulat nach mehr kultureller, interkultureller und ethischer Bildung. Hinzu kommt, dass es in Dresden und im Umland die Tradition eines starken, positiven Selbstbewusstseins gibt. Deren negative Kehrseite ist die Selbstbezogenheit.“

Dass ausgerechnet eine Bewegung, deren Mitglieder überwiegend religionslos sind, das „christliche Abendland“ im „Firmenschild“ führt, wirkt vor diesem Hintergrund merkwürdig. Vermutlich würden die meisten der Pegida-Demonstranten, wenn man sie etwa nach den Kernthesen der Bergpredigt und deren radikaler Ethik fragte, ziemlich ratlos sein.

Bleibt die Hoffnung, dass viele lernen, wie die Demokratie Krisen lösen kann

Aber ratlos bin auch ich, wenn ich an die Situation in meiner alten Heimat denke. Denn trotz aller Ursachenforschung bleibt es mir am Ende doch rätselhaft, warum so viele Menschen in Clausnitz oder Bautzen, in Dresden oder Freital so hasserfüllt sein können. Und trotzdem empört es mich, wenn eine wohlfeile Verachtung im Westen, hinter der sich am Ende doch nur Scheinheiligkeit verbirgt, ganz Sachsen als „braunen Schandfleck“ abstempelt.

Auf die Frage, was er für die Zukunft erwartet, hat Frank Richter zwar von einer Krise gesprochen, die die Demokratie in Ostdeutschland so noch nicht erlebt habe. Trotzdem sei er nicht pessimistisch. „Ich habe die Hoffnung“, sagte der frühere Bürgerrechtler, „dass möglichst viele lernen, dass die demokratische Gesellschaft Krisen lösen kann, wenn erstens der Rechtsstaat mit Entschlossenheit gegen Gewalttäter und Kriminelle vorgeht, wenn zweitens die politischen Akteure ihre Rolle als Bürger erkennen, die nicht nur für sich selbst, sondern auch für das Allgemeinwohl verantwortlich sind.“ Man kann Sachsen nur wünschen, dass sich diese Prognose bewahrheitet.