AOK-Studie

Ob ein Kind operiert wird, hängt häufig vom Wohnort ab

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Der AOK-Versorgungsreport zeigt: Bei Kindern gibt es erhebliche regionale Unterschiede bei der Zahl der Mandel- und Blinddarm-OPs.

Berlin.  Operieren oder nicht? Das ist die entscheidende Frage, wenn bei Kindern oder Jugendlichen Entzündungen am Blinddarm oder an den Mandeln festgestellt werden. Die Antwort hängt in Deutschland oft mit der Postleitzahl zusammen: Wie der aktuelle AOK Versorgungsreport zeigt, gibt es große regionale Unterschiede. „Der Wohnort entscheidet über die Versorgung“, sagt Studienautor Jürgen Klauber. Besonders wenige Blinddarm-Operationen gibt es in den drei Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen, in der Hauptstadt werden Kinder zudem deutlich seltener an den Mandeln operiert als anderswo. Oft unterscheiden sich die Behandlungen dabei auch innerhalb eines Bundeslands – wie etwa in Nordrhein-Westfalen: Im Ruhrgebiet und im Sauerland gibt es seltener Mandel-OPs als im Münsterland oder am Niederrhein.

In Berlin werden Kinder und Jugendliche seltener operiert

Mandel- und Blinddarmoperationen sind die häufigsten Operationen bei Kindern und Jugendlichen. Allerdings ging die Zahl der Eingriffe in den letzten zehn Jahren um mehr als 20 Prozent zurück. Was daran liegt, dass vor allem bei Mandelentzündungen Operationen heute nur noch in schweren Fällen empfohlen werden. Wiederkehrende Mandelentzündungen allein sind demnach noch kein Grund für eine Operation: Erst wenn Kinder innerhalb von zwölf bis 18 Monaten mindestens sechs Mal wegen entzündeter Mandeln Antibiotika schlucken mussten, sollten sie operiert werden. Soweit die aktuelle Lehrmeinung. In der Praxis sieht es dagegen anders aus.

In Magdeburg wird bei Mandel-Patienten viermal so oft operiert wie in Ingolstadt, bundesweit hatte jeder dritte Patient im Jahr vor der Operation keine einzige Mandelentzündung mit Antibiotika-Behandlung. Das heißt: In vielen Fällen wurde die nicht-operative Variante überhaupt nicht genutzt. Auch bei Blinddarmentzündungen spielt in Deutschland oft der Wohnort eine entscheidende Rolle bei der Frage, wie schnell Ärzte operieren.

„Die hohen Unterschiede zwischen den Regionen können nicht allein medizinische Gründe haben“, sagt Studienautor Klauber. Es gebe Hinweise auf regionale Über- oder Unterversorgung bei den HNO-Fachabteilungen. Und auch bei der Fortbildung der Ärzte gebe es möglicherweise Defizite. Hinzu kommt der Elternwunsch, der gerade bei sehr kleinen Kindern oft darüber entscheide, wie schnell operiert wird. Und schließlich gibt es offenbar regional verfestigte Traditionen bei der Frage, wann operiert wird. Wechselt der Chefarzt, wechsele oftmals auch die OP-Politik.

Gesundheitsminister warnt vor unnötigen Operationen

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe warnte am Mittwoch vor unnötigen Operationen: „Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass nur Operationen durchgeführt werden, die medizinisch notwendig sind – und das gilt unabhängig vom Wohnort“, sagte der CDU-Politiker unserer Redaktion. Um unnötige Eingriffe zu verhindern, habe die Bundesregierung das Recht der Patienten auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung gestärkt, so Gröhe. „Und wir haben klargestellt, dass Chefarztboni, die zu Fehlanreizen führen, nicht vereinbart werden dürfen.“ Mit der Krankenhausreform sei dafür gesorgt, dass sich für Krankenhäuser künftig Qualität und nicht Menge lohne.

Insgesamt, heißt es im AOK-Report, hat sich die gesundheitliche Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland verbessert: Sie rauchen und trinken seltener und weniger als früher, drei Viertel treiben regelmäßig Sport. Und auch die Zahl der hyperaktiven oder anders verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen nimmt nicht weiter zu. Sorge bereitet den Experten allerdings die wachsende Zahl übergewichtiger Kinder: In den letzten zehn Jahren hat sie sich verdoppelt – inzwischen ist jedes 15. Kind krankhaft fettleibig. Immer mehr Jugendliche erkranken in der Folge an Typ-2-Diabetes – hier haben sich die Zahlen in den letzten fünf Jahren verfünffacht.

Vorbeugung über eine Veränderung des Essverhaltens „zeigt geringe bis gar keine Erfolge“, sagt Studienautor Bernt-Peter Robra. Wichtiger sei es, den Marketingdruck auf die Kinder zu reduzieren – sprich: weniger Werbung für Zuckerbomben. Denn: Zwei Drittel der Deutschen wissen gar nicht, wie viel Zucker sie Tag für Tag zu sich nehmen. Vor allem die Jüngeren hätten keine Ahnung davon, wie viel versteckter Zucker in Ketchup oder Kinder-Joghurts enthalten ist.