Islamismus

Wie der IS zur gefürchteten Terrormacht aufsteigen konnte

Kämpfer der IS-Milizen in der irakischen Stadt Mossul.

Kämpfer der IS-Milizen in der irakischen Stadt Mossul.

Foto: © STRINGER Iraq / Reuters / REUTERS

Der IS gilt aktuell als größte terroristische Gefahr für den Westen. Woher stammt die Gruppierung, wer steckt dahinter? Ein Überblick.

Berlin.  Noch vor gut zwei Jahren war der „Islamische Staat“ (IS) höchstens Insidern ein Begriff. Seitdem hat sich die Terrorgruppe vor allem im Irak und in Syrien sehr schnell eine starke Machtbasis geschaffen. Sie nutzte dazu die Unruhen der Bürgerkriege und das Machtvakuum in den beiden Ländern. Die IS-Milizen tun sich nicht zuletzt durch die Entführung und Ermordung westlicher Geiseln hervor – und entwickeln dabei besondere Brutalität.

• Die Anfänge:

Als im Sommer 2006 der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi, der irakische Statthalter von Al-Kaida-Anführer Osama bin Laden, bei einem amerikanischen Luftangriff stirbt, übernimmt Abu Omar al-Baghdadi die Führung des irakischen Al-Kaida-Ablegers. Die Gruppe nennt sich jetzt „Irakischer Staat im Irak“ (ISI). Die Milizen überziehen das Land sofort mit einer Serie tödlicher Anschläge und Attentate. Der Westen des Irak und der Norden Syrien sind bis heute die Kernregion des IS.

• Der Führungswechsel:

Im Jahr 2010 kommt Abu Omar al-Baghdadi bei einem Luftangriff der Amerikaner ums Leben. Seinen Posten übernimmt Abu Bakr al-Baghdadi. Unter Führung des ISI entsteht 2011 in Syrien ein neuer Al-Kaida-Ableger – die so genannte Nusra-Front.

• Der Bruch:

Im März 2013 kommt es zum offenen Bruch zwischen ISI und Nusra-Front. Der ISI nennt sich fort an ISIS, „Islamischer Staat in Irak und Syrien“ und breitet sich vor allem im Norden Syriens schnell aus. Er geht brutal gegen Widersacher vor. Al Kaida wird die Macht des ISIS offenbar zu groß und bricht im Frühjahr 2014 mit seinem Ableger. ISIS marschiert nun auf eigene Rechnung in die irakischen Städte Mossul und Tikrit ein und metzelt Hunderte irakischer Soldaten nieder. Am 29. Juni ruft ISIS ein Kalifat aus und nennt sich fort an IS – „Islamischer Staat“.

• Die USA greifen ein:

Durch sein schnelles Ausbreiten und grausames Vorgehen rückt der IS in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Anfang August 2014 lässt US-Präsident Barack Obama Luftangriffe gegen IS-Stellungen im Irak fliegen. Wenige Tage später zeigt der IS im Internet ein Video von der Enthauptung der amerikanischen Geisel James Foley. Ende September beginnen die USA mit der Bombardierung von IS-Stellungen auch in Syrien.

• Die Kasse des IS:

Der IS verfügt über immense finanzielle Mittel. Das Geld stammt aus unterschiedlichsten Quellen: aus Geschäften mit Öl aus eroberten Quellen im Irak und in Syrien ebenso wie aus Lösegeldzahlungen für die Freilassung westlicher Geiseln, aus Zwangsprostitution oder erpressten Zwangsabgaben und Wegezöllen von Bauern und Geschäftsleuten in ihrem Machtbereich. Inzwischen hat der IS auch Teile des einträglichen Schmuggels mit geraubten Kulturgütern unter seine Kontrolle gebracht.

• Die Machtstrukturen des IS:

Der IS regiert mit der Angst. Er verfügt über einen ausgeprägten Überwachungsapparat und sogar über eigene Gerichte in den von ihm kontrollierten Regionen. Wer sich gegen den IS auflehnt oder Zwangsabgaben verweigert, muss mit drakonischen Strafen rechnen. Auspeitschungen oder Steinigungen sind keine Seltenheit. Folter, Mord und Korruption gehören gleichsam zum Alltag. Auch nach außen will der IS Angst verbreiten. Die Enthauptungen westlicher Geiseln etwa sollen den Gegner gezielt demütigen und demoralisieren.

• Die Stärke des IS:

Über die personelle Stärke des IS gibt es nur Schätzungen. Die Rede ist von bis zu 100.000 Milizionären. Darunter sind bis zu 20.000 Kämpfer aus dem Ausland – sie kommen aus Frankreich oder Deutschland genauso wie aus Marokko oder Afghanistan.

• IS und Europa:

Mehrfach hat der Islamische Staat zu Anschlägen in westlichen Ländern aufgerufen. Gleichwohl gab es vor den Anschlägen in Frankreich keinen konkreten Beweis, dass der IS selbst Attentate in Europa ausführt. Der deutsche Verfassungsschutz hält es für möglich, dass radikalisierte Einzeltäter oder Kleinstgruppen, die sich auf den IS berufen, hierzulande Anschläge verüben könnten. Gleichzeitig gehen die Verfassungsschützer davon aus, dass bisher rund 850 deutsche Islamisten in den Irak oder nach Syrien gereist sind, um sich dem „heiligen Krieg“ anzuschließen. Mindestens 85 von ihnen sollen dort ums Leben gekommen sein.