Terror

Obama spricht von einem Angriff auf die ganze Menschheit

US-Präsident Barack Obama verurteilte die Anschläge von Paris umgehend.

US-Präsident Barack Obama verurteilte die Anschläge von Paris umgehend.

Foto: Andrew Harrer / Pool / dpa

Barack Obama hatte gerade den Niedergang des IS verkündet. Da ereilte den US-Präsidenten die Nachricht von den Pariser Anschlägen.

Washington.  Morten Storm, ein ehemaliger Doppelagent des Geheimdienstes CIA, der islamistische Netzwerke infiltriert hat, gab nach den Anschlägen in Paris im US-Fernsehen die düsterste Prophezeiung ab: „Die Schläferzellen in Europa sind aufgewacht“, sagte der bärtige Sicherheitsexperte, „das wird nicht der letzte Anschlag gewesen sein.“

Eine Befürchtung, die vielleicht auch Barack Obama geleitet hat. Während im Pariser Konzertsaal Bataclan noch Hunderte um ihr Leben kämpften, ging Amerikas Präsident, weit vor dem französischen Präsidenten Hollande, im Weißen Haus bereits vor die Mikrofone: „Wir werden tun, was immer auch getan werden muss, um diese Terroristen zur Verantwortung zu ziehen“, sagte Obama und biss sich auf die Lippen, „diejenigen, die glauben, sie können das französische Volk oder die Werte, für die es steht, terrorisieren, liegen falsch.“ Um die Dimension zu verdeutlichen, schickte er noch einen Satz hinterher: Die verabscheuungswürdigen Taten von Paris seien gegen die „ganze Menschheit“ gerichtet. Die Urheberschaft der Attentate ließ er bewusst offen.

„Paris hat das Bild grundsätzlich verändert“

In konservativen Medien musste sich der Präsident umgehend anhören, er habe nur seine Worte vom frühen Freitagmorgen einfangen wollen. Im Interview mit dem Sender ABC hatte Obama davon gesprochen, dass der „Islamische Staat“ prinzipiell im Niedergang sei. Die jüngsten militärischen Erfolge der von den USA unterstützten kurdischen Perschmerga gegen das Terror-Netzwerk Islamischer Staat (IS) in Sinjar und die Exekution des IS-Henkers „Dschihadi John“ durch eine unbemannte US-Drohne dienten der Regierung in Washington den ganzen Tag über als willkommene Erfolgsmeldungen.

„Paris hat das Bild grundsätzlich verändert“, sagten Anti-Terror-Experten später in der amerikanischen Hauptstadt. SITE, eine international renommierte Beobachter-Organisation des islamistischen Terrorismus in Bethesda bei Washington, registrierte schon kurz nach den Attentaten „konzertierte Bekenner-Meldungen im Internet“, wie Leiterin Rita Katz sagte.

Sicherheitsmaßnahmen umgehend erhöht

Radikale Gruppierungen twitterten, dass der Massenmord an der Seine die Antwort auf das Engagement des französischen Militärs gegen den IS in Syrien gewesen sei. Verbunden mit der Warnung, dass demnächst Amerika zur Zielscheibe werde - „mit ungewöhnlichen Attacken“. Laut SITE hat der Islamische Staat zwölf hochrangige US-Militärs, darunter den früheren Stabschef Ray Odierno, auf einer „Kill-Liste“ zum Abschuss freigegeben.

Fast alle großen US-Fernsehsender änderten umgehend ihr Programm und schalteten live stundenlang nach Frankreich. In New York und Washington wurden die Sicherheitsmaßnahmen an ausgesuchten Sehenswürdigkeiten und französischen Einrichtungen erhöht. Teilweise fuhren Spezialeinheiten der Polizei vor. Amerikanische Staatsbürger in Paris wurden aufgefordert, sich bei der US-Botschaft zu melden. Als Zeichen der Anteilnahme erstrahlte in New York das One World Trade Center im Süden Manhattans, wo die Anschläge vom 11. September 2001 stattfanden, in den Farben der Trikolore.

Empörung über Donald Trumps Twitter-Meldung

Und es dauerte keine Stunde, bis die Terror-Serie den ohnehin vergifteten republikanischen Präsidentschafts-Wahlkampf erreicht hatte. Umfragen-König Donald Trump ließ erneut eine Twitter-Meldung verbreiten, die ihm schon nach den Anschlägen auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo vor zehn Monaten bereits massive Vorwürfe eingebracht hatte. Tenor der ketzerischen Bemerkung: Gäbe es das strenge Waffenverbot in Frankreich nicht, wäre das vielleicht nicht passiert.

Prompt setzte sich Frankreichs Botschafter Araud in Washington zur Wehr, nannte die Einlassung „widerwärtig“ und sprach Trump jeden „Anstand“ ab. Was wirkungslos blieb. Newt Gingrich, 2012 Präsidentschaftskandidat, sprach sich trotzdem vehement für die massive Bewaffnung der Bevölkerung aus. „Wir leben in einem Zeitalter, in dem böse Menschen getötet werden müssen.“

Attentate beeinflussen den US-Wahlkampf

Trumps Widersacher Ben Carson zog eine direkte Parallele zur syrischen Flüchtlingsdebatte und forderte ein striktes Einreise-Verbot für Bürgerkriegs-Opfer des Assad-Regimes. Die Obama-Regierung will bis Ende nächsten Jahres 10.000 Menschen aus Syrien aufnehmen. Die Gefahr, dass sich Terroristen darunter befinden könnten, sei dem amerikanischen Volk nicht zu vermitteln, sagte Carson.

Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton setzte vor der am Samstag stattfindenden TV-Debatte ihrer Partei einen ganz anderen Akzent: „Paris bleibt die Stadt der Lichts. Keine Terrorattacke wird jemals den Geist des französischen Volkes verdunkeln“, erklärte sie in einer Stellungnahme.

Vorsichtige Erleichterung herrschte dagegen im kalifornischen Palm Desert. Die Heimat der Rockband „Eagles of Death Metal“, die in der Pariser Konzerthalle Bataclan vor 1500 Zuschauern spielte, als die ersten Schüsse fielen, meldete, dass die Musiker um Jesse Hughes „unverletzt überlebt haben“.