US-Wahlkampf

TV-Debatte der Republikaner: Anfang vom Ende des Jeb Bush?

Jeb Bush, Sohn des 41. und Bruder des 43. Präsidenten der USA, würde auch gern für die Republikaner antreten. Nach der dritten Debatte ist das unwahrscheinlich.

Jeb Bush, Sohn des 41. und Bruder des 43. Präsidenten der USA, würde auch gern für die Republikaner antreten. Nach der dritten Debatte ist das unwahrscheinlich.

Foto: RICK WILKING / REUTERS

Jeb Bush zeigt Zähne und beißt nur auf Granit: Das dritte TV-Duell der republikanischen Präsidentschaftsbewerber sah andere Sieger.

Washington.  Am Ende erinnert Jeb Bush an einen übel vermöbelten Boxer, der seinen Trainerstab entgeistert fragt: Warum habt ihr nicht das Handtuch geworfen? Mit hängenden Mundwinkeln und kreidebleichen Wangen steht der 62-Jährige Mittwochnacht da und sagt den einen Satz, der alles sagt: „Wenn Sie einen Entertainer-in-Chief suchen, dann bin ich nicht der Richtige.“ Mit „Sie“ war das amerikanische Volk gemeint. Nach der dritten TV-Debatte der zehn aussichtsreichsten Republikaner für das Weiße Haus hat für den vor Monaten noch hoch favorisierten Bruder des 43. US-Präsidenten und Sohn des 41. Präsidenten in der Höhenluft von Colorado der Sinkflug ins Ungewisse begonnen.

Medien bewerten Jeb Bushs Auftritt als „Desaster“

Was mit einer Befreiung aus dem Umfragen-Keller enden sollte, geriet für den früheren Gouverneur von Florida nach übereinstimmender Wertung in US-Medien zum „Desaster“. Eine Bruchlandung ist nach Ansicht einflussreicher Einflüsterer der Konservativen wie Bill Kristol nicht mehr auszuschließen. Er hatte schon vor Monaten prophezeit: falscher Mann zur falschen Zeit.

Dass Jeb Bush nicht für das auf Provokation und Pathos angelegte Speed-Dating mit dem Wähler draußen am Bildschirm gemacht ist, war aus den ersten beiden Debatten bekannt. Wie miserabel er sich beraten lässt, weiß man erst jetzt. Bush führte zuletzt Klage darüber, dass ihn der von den Umfragen-Königen Donald Trump und Ben Carson dominierte Wahlkampf zwingt, die Konkurrenz zu dämonisieren und einzustimmen in den Überbietungswettbewerb der absurden Ideen. „Da habe ich coolere Dinge zu tun“, sagte Bush in dieser Woche vor Zuhörern, „wenn Sie das wollen, dann wählen Sie Trump.“

Bush-Widersacher Marco Rubio gilt als Gewinner der Debatte

In Colorado wurde sich Bush mit einer einstudierten Attacke auf seinen ebenfalls aus Florida kommenden Widersacher Marco Rubio kolossal untreu. Der Sohn kubanischer Einwanderer liegt in Umfragen klar vor Bush, hatte aber zuletzt seine Verpflichtungen als Senator schleifen lassen - er fehlte bei 60 Abstimmungen. Im Stile einer Petze, die nach Klassenkeile ruft, mahnte Bush seinen früheren Zögling, er möge „zur Arbeit erscheinen“ oder sein Amt niederlegen.

Rubio, klein von Wuchs, im Kopf flink wie ein Judoka, legte Bush ruckzuck auf die Matte: „Dass machst Du nur, weil wir um die gleiche Position streiten. Jemand hat Dich davon überzeugt, dass es Dir hilft, wenn Du mich angreifst.“ Ippon! Beifall im Saal! Von diesem Augenblick an ging es für Bush III so steil bergab, dass die BBC mit britischem Humor ätzte: „Die Zeitungen aktualisieren schon ihre politischen Nachrufe auf Bush.“ Rubio übrigens wurde später zu einem der Gewinner des Abends ausgerufen.

Jeb Bush dagegen fand nie zu sich. Während Rivalen wie Senator Ted Cruz mit einer denkwürdigen Medien-Schelte Momente für die Ewigkeit schufen, ließ sich Bush von den nickeligen Moderatoren des Senders CNBC reinlegen. Seinen ehrenvollen Versuch, das randständige Thema Internet-Glücksspiel mit einer Antwort zu adeln, machte der Gouverneur von New Jersey gnadenlos zunichte. Chris Christies bejubelte Botschaft: Hast Du sie noch alle beisammen, Jeb? „Wir haben 19 Billionen Dollar Schulden, der Islamische Staat greift uns an - und wir reden hier über Phantasie-Football?!“

Trump bleibt konkrete Antworten schuldig

Bushs Götterdämmerung verdrängte, dass die penetrant auf Anti-Politiker machenden Favoriten Donald Trump (Bau-Unternehmer) und Ben Carson (pensionierter Neuro-Chirurg) erneut blass blieben, wenn es darum geht, ihre Vorschläge zu Ende zu denken. Carson, der etwas an einen Schlafwandler erinnert, ließ man durchgehen, dass er sein Versprechen eines Einheitssteuersatzes von 10 Prozent mal eben auf 15 Prozent hochsetzen musste. Trump, weniger aggressiv und verleumderisch als zuvor, konnte wieder nicht glaubhaft machen, wie der von ihm propagierte Anti-Einwanderungswall an der Grenze zu Mexiko bezahlt werden soll - „und zwar von Mexiko“.

Beim Schlagabtausch in Colorado erwies sich das Format, zehn Kandidaten mit jeweils maximal 60 Sekunden Rede-Munition aufeinander zu hetzen, erneut als klassischer Fall für politische Unbildung. Den Zuhörern flogen die Billionensummen nur so um die Ohren. Zumal eine alte Crux blieb. Alle Kandidaten wollen die Steuern radikal senken, den Staat und seine Behörden auf Bonsai-Format schrumpfen, das soziale Netz trimmen, parallel aber Militär und Infrastruktur massiv ausbauen.

Sanierer Kasich warnt vor „Phantastereien“

Wie diese Rechnung aufgehen soll, sagt nur einer. John Kasich, als Gouverneur von Ohio ein anerkannter Sanierer, flehte das Wahlvolk an, den verantwortungslosen „Phantastereien“ seiner Kollegen nicht zu folgen. Konservative Steuer-Experten hatten vorher errechnet, dass Amerikas Staatsschiff absäuft, kämen die Trumps und Carsons dieser Welt ans Ruder. Will aber keiner hören. Kasisch steht in Umfragen unter ferner liefen. Ein Szenario, das Bush bevorsteht.

Für den Bruder des Ex-Präsidenten wird die Lage prekär. Im Fernsehen macht sich der im kleinen Kreis überzeugend und gewinnend auftretende Mann zur Karikatur. Viele Medien wanken längst zwischen Mitleid und Sarkasmus. In 100 Tagen starten im Bauern-Bundesstaat Iowa die ersten Vorwahlen. Bush hat mit 100 Millionen Dollar zwar die größte Kasse für den aufziehenden „Krieg der Fernseh-Spots“. Aber er musste bereits seinen Mitarbeiterstab reduzieren und Gehälter kürzen.

In Gedanken schon verbuchte neue Finanzspritzen blieben aus. Milliardenschwere Spender beschleicht das Gefühl, sie setzten besser gleich auf Marco Rubio oder Ted Cruz. Für den Moment, wenn der Stern der Sonderlinge Trump und Carson verglüht. Bush kennt das Gerede. Er macht in Zweckoptimismus und Marathon-Mentalität. „Ich habe einen langen Atem.“ Die Kamera zeigt dabei ein verkniffenes Gesicht. Durch das Mikrofon hört man ein Seufzen.