Die angespannte Lage im Jemen spitzt sich zu: Die Residenz des jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh ist angegriffen worden, wobei der Machthaber verletzt wurde. Die USA verurteilen die “sinnlose Gewalt“. Das Land steht vor einem Bürgerkrieg.

Sanaa/Washington. Die USA haben nach dem Angriff auf die Residenz von Jemens Machthaber Ali Abdullah Saleh die Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den Demonstranten in dem Land scharf verurteilt. Regierungssprecher Jay Carney sagte am Freitag in Washington: Es handele sich um "sinnlose Akte der Gewalt.“ Die USA fordern deshalb, dass stattdessen ein friedlicher Transfer der politischen Macht durchgeführt werden solle. Nach dem Vorbild der arabischen Golfstaaten, die vorgeschlagen hatten, dass Saleh zurücktrete. Saleh jedoch wehrt sich aber gegen diesen Schritt.

Bei einer Attacke auf die Präsidenten-Residenz ist Saleh nach offiziellen Angaben leicht verletzt worden. Wie der stellvertretende Informationsminister Abdu al-Dschanadi am Freitag sagte, werde sich Saleh aber erholen. Der arabische Fernsehsender Al-Arabija berichtete unter Berufung auf einen Vertreter der Regierungspartei, Saleh werde in einem Militärkrankenhaus behandelt. Ein Fernsehsender der Opposition hatte zunächst berichtet, Saleh sei bei dem Angriff ums Leben gekommen.

Seit Monaten ist Jemen Schauplatz überwiegend friedlicher, von den Revolutionen in Tunesien und Ägypten inspirierter Proteste. Seit einigen Tagen spitzt sich die Lage jedoch zu und es droht nun ein Bürgerkrieg auszubrechen. Heftige Kämpfe begleitet von mehreren Explosionen tobten wie bereits die gesamte Woche in Jemens Hauptstadt zwischen Anhängern und Gegnern Salehs. Sanaa ist de facto geteilt zwischen Stammeskämpfern und abtrünnigen Militärs im Norden sowie Saleh-Anhängern im Süden, der am Freitag erstmals von den Kämpfen erfasst wurde. Bewohner trauten sich nicht aus ihren Häusern. Auch aus anderen Landesteilen wurden Auseinandersetzungen gemeldet.

Über das Schicksal Saleh herrschte stundenlang Unklarheit, da sich die Angaben teils widersprüchlich waren. "Seine Exzellenz, der Präsident, ist gesund“, beteuerte Al-Dschanadi schließlich am Abend. Eine angekündigte Pressekonferenz habe Saleh "wegen Kratzern“ verschoben. "Seine Gesundheit ist durch nichts beeinträchtigt.“

Saleh und Spitzenvertreter der Regierung hätten sich anlässlich des Freitagsgebets in der Palast-Moschee befunden, als eine Granate dort eingeschlagen sei, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Saba. Drei Wächter seien getötet worden. Angaben, wonach auch ein Imam ums Leben gekommen sei, korrigierte die Agentur wenig später. Aus dem Umfeld Salehs verlautet, mehrere Regierungsvertreter seien verletzt worden. Details wurden nicht bekannt.

Auch wer den Angriff auf den Präsidentenpalast verübte, blieb zunächst unklar. Die Regierung bezichtigte die Mitstreiter von Stammesanführer Sadek al-Ahmar, was dieser aber zurückwies. Saleh selbst habe den Angriff inszeniert, um zu rechtfertigen, dass die Regierung die Straßenkämpfe in Sanaa eskaliert habe, sagte Ahmar. In Verdacht geriet auch der abtrünnige General Ali Mohsen, der Saleh im April seine Loyalität aufgekündigt hatte und seine Soldaten nach Sanaa geschickt hat, um die Anti-Saleh-Demonstranten zu schützen.

Die USA verurteilten die Gewalt im Jemen, einschließlich des Angriffs auf den Palast. Sie riefen alle Seiten dazu auf, die Feindseligkeiten einzustellen. Mehr als 370 Menschen sind seit Ausbruch der Proteste im Januar gegen die fast 33-jährige Herrschaft Salehs inzwischen getötet worden, mindestens 155 davon in den vergangenen zehn Tagen. Der Präsident hat ungeachtet des wachsenden internationalen Drucks und schwindenden Rückhalts im eigenen Land drei Vermittlungsversuche der Golfstaaten abgelehnt, die ihm im Gegenzug für einen Rücktritt Immunität zusicherten. Durch sein stures Festhalten an der Macht hat er es sich inzwischen auch mit den einstigen Verbündeten USA und Saudi-Arabien weitgehend verscherzt.

Experten befürchten, dass der verarmte Jemen zum gescheiterten Staat und so zum Sicherheitsrisiko für die gesamte Region werden könnte. „Die Gefahren, die von einem zusammengebrochenen Jemen für die Region ausgehen würden, sind zu schrecklich, als dass man darüber nachdenken will“, sagte Ghanem Nuseibeh von der Denkfabrik Political Capital. Es drohten sowohl sicherheitspolitische wie auch wirtschaftliche Konsequenzen. Der jemenitische Flügel der radikal-islamischen Al-Kaida könne sich breitmachen. „Das hätte Folgen für die Piraterie im Golf von Aden.“ (abendblatt.de/rtr/dpa)