hart aber fair

Atom, Krieg, Wahlen: "Das ist nicht ihr Niveau, Herr Plasberg"

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Ein atemloser ARD-Talk über die Lage der Welt und im Ländle. Und warum Frank-Walter Steinmeier von Rotwein nichts mehr wissen wollte.

Hamburg. Das ist der unschöne Effekt des Superwahljahres: Auftritte von Politikern im deutschen Fernsehen ähneln einer Dauerwerbesendung. Da mutet es schon erholsam an, wenn einer wie ARD-Moderator Frank Plasberg mit seiner ruhigen Bestimmtheit bei „hart aber fair“ mal elegant dazwischengrätscht, als sei er Mats Hummels, der spritzige Abläufer von Bundesliga-Tabellenführer Borussia Dortmund. Und Plasberg – wie Hummels – köpft auch gerne mal ein. Für jeden seiner hochkarätigen Gäste vor dem Super-Wahlsonntag mit den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz hatte er eine kleine Boshaftigkeit vorbereitet.

Die Fraktionsspitzen Volker Kauder (CDU), Birgit Homburger (FDP), Frank-Walter Steinmeier (SPD), Cem Özdemir (Grüne) und Gregor Gysi (Linke) mussten während der im Turbotempo absolvierten 75 Minuten mehrfach schlucken: ihre Worte, die Häme und die Argumente von gestern. Ob Libyen-Einsatz, Atomunglück in Japan oder die Wahlen im Musterländle, aus dem Kauder, Homburger und Özdemir kommen – es wurde abgerechnet, vorgerechnet und frech drauflosgestritten.

Für die Enthaltung beim Libyen-Einsatz in der Uno verteidigte der getreue Kauder seine Kanzlerin: Angela Merkel habe richtig entschieden. Steinmeier, Ex-Außenminister, zitierte genüsslich aus dem Archiv, wie die Union das Nein der Deutschen weiland zum Irakkrieg kommentiert hatte. FDP-Spitzenfrau Homburger brauchte einige Minuten milden Lächelns über Gysi, bis sie ihre übliche Schnappatmung erreicht hatte: „Keine deutschen Soldaten nach Libyen. Die Entscheidung ist nachvollziehbar.“

Gysi keifte zurück, Steinmeier blaffte: „Herr Gysi, Sie sind schon von Partei wegen isoliert.“ Gysi rechnete vor, wie viele Waffen Deutschland an Libyen geliefert habe, mit der Duldung der damaligen Großen Koalition von SPD und Union. Während Steinmeier noch andere Länder als Maßstab heranzog, gab Kauder staatsmännisch zu: „Es ist ein Fehler, in solche Gebiete Waffen zu liefern.“ Solche Sätze wirkten wie Balsam auf gequälte Zuschauerseelen. Sogar Steinmeier räumte ein: Auch die SPD ist gespalten in der militärischen Libyen-Frage.

Beim Atomausstieg nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima war Deutschlands politische Kerntruppe wie eh und je gespalten. Es gab die üblichen Glaubensbekenntnisse, ein bisschen Wischi, ein bisschen Waschi. Kauder sprach von „neu denken“ – und: „In einem hochtechnologisierten Land hat sich ein Restrisiko dargestellt.“

Plasberg raunte über die Atomabsprachen zwischen Industrie und Regierung: „Solche Nebenabsprachen hat es doch damals auch bei ihnen im Kanzleramt in den Rotweinrunden mit Schröder gegeben, Herr Steinmeier.“ Der frühere Kanzleramtschef von Gerhard Schröder wehrte sich – nicht inhaltlich: „Das ist nicht ihr Niveau, Herr Plasberg“, so Steinmeier in gespielter Pikiertheit.

Die Atemlos-Diskussion hechelte zum nächsten Thema Baden-Württemberg. Wenn das Ländle nach 53 Jahren am Sonntag der Union aus den Händen fällt, wackelt die Merkel-Regierung. Spielt die Atomfrage zwischen Nord-Baden und Bodensee das Zünglein an der Waage? Özdemir zeigte seine breite Brust: „Eine große Verantwortung kommt auf uns zu, wenn man den Ministerpräsidenten stellt.“ Die Grünen sind berauscht vom Umfragehoch und einer strahlenden Zukunft in Baden-Württemberg wegen der Atomskepsis in der Bevölkerung und dem Nachhall von Stuttgart 21.

Während Gysi noch einwarf, an den Linken hänge mal wieder das Regieren in dem so wichtigen Bundesland, sagte der Rottweiler Kauder mit der Selbstverständlichkeit alter Stärke: „Baden-Württemberg ist die Nummer eins in ganz Europa.“ Wie und wo, verriet er nicht.