Kunst-Podcast

Ein schöner Palast mit einem dunklen Geheimnis?

Lesedauer: 3 Minuten

Lars Haider spielt mit Kunsthallen-Direktor Alexander Klar „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Heute: Ein Werk von Bernado Bellotto.

Hamburg. Einmal die Woche spielen Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und zwar mit einem Kunstwerk. Eine halbe Stunde schauen sich die beiden ein Gemälde, eine Fotografie oder eine Skulptur an und reden darüber: „Ein Gespräch ist die beste Möglichkeit, Kunst zu erschließen“, sagt Alexander Klar.

Das hier gezeigte Ölgemälde „Idealvedute mit Palasttreppe“ aus dem Jahr 1762 entführt die Betrachter in eine venezianische Szenerie, die typischer nicht sein könnte. Eine lichtdurchflutete Treppe führt hinauf zu von Säulen getragenen Kolonnaden, dahinter eröffnet sich eine ausladende Terrasse. Auch ohne den Titel des Bildes zu kennen, befinden wir uns unverkennbar in einer prächtigen Palastarchitektur mit entsprechendem Personal – aber dazu später.

Er trug den Künstlernamen Canaletto

Bernardo Bellotto, auch bekannt unter seinem Künstlernamen Canaletto (eine Anlehnung an seinen Lehrer Antonio Canal), arbeitete bereits mit 16 Jahren an der wirklichkeitsgetreuen Darstellung von Landschaften und Stadtansichten. Dieses als Vedutenmalerei bezeichnete Genre des Spätbarock vereinte einen idealisierten und zugleich realistischen Stil. Als Zeitgenosse des großen Giovanni Battista Tiepolo brachte es Bellotto darin zu erstaunlichen Leistungen. 1720 wurde er in eine Malerfamilie in Venedig, damals Italiens führende Kunststadt, hineingeboren. Seine ersten selbstständigen Veduten schuf er während einer Italienreise, die er ab 1740 antrat und die ihn nach Turin, Florenz, Varese und Venedig führte.

1747 wurde Bellotto nach Dresden berufen, wo er als Hofmaler und später auch als Lehrer für Perspektive an der Akademie wirkte. Unterbrochen wurde diese für sein Leben bedeutende Station durch Aufenthalte an den Königshöfen in München und Wien. Nach einer kurzen Rückkehr in seine Heimatstadt, um die Werkstatt seines Onkels zu leiten, folgte der Künstler 1766 dem Ruf Stanislaus II. Poniatowskys und wurde Hofmaler in Warschau. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1780.

Bellotto bediente sich der Camera obscura

Seine „venezianische Technik“ beruhte auf penibler wirklichkeitsgetreuer Darstellung seiner jeweiligen Umgebung. Auf diese Weise entstanden 26 Veduten von Warschau, jeweils 17 Veduten von Wien und Dresden und drei von München. Wegen seiner Präzision können diese Stadtansichten als historische Dokumente gewertet werden. Besondere Sorgfalt verwandte er auf eine korrekte Perspektive; dafür bediente er sich der Camera obscura, die das naturgetreue Nachzeichnen der durch eine Linse auf eine Mattscheibe geworfenen Ansicht ermöglicht.

Doch ging Bellottos Interesse über das Abbilden der realen Gegebenheiten hinaus: „Ihn faszinierte das Wechselspiel von dokumentarischer Präzision und künstlerischer Freiheit. So inszenierte er die prächtige Palastarchitektur wie eine Theaterkulisse“, sagt Sandra Pisot, Leiterin der Sammlung Alte Meister an der Hamburger Kunsthalle. Dort befindet sich das Gemälde seit 1925. Die Figuren seien wie Staffagen auf einer Bühne angeordnet, vom Arbeiter links im Bild, der sich auf seiner Sackkarre ausruht, über die beiden im Gespräch befindlichen Edelmänner, die wir im Vordergrund sehen, bis zur Mutter mit ihrem Kind und einem kleinen Hund.

Die Figuren, die aus allen Gesellschaftsschichten stammen, dienten dem Maler zur Darstellung der Größenverhältnisse im Bild und waren laut Sandra Pisot „austauschbare soziologische Indikatoren des Ortes“.

Dieses und weitere Werke finden Sie in der Online-Sammlung der Hamburger Kunsthalle

( vfe )