„Erstklassisch mit Mischke“

Christiane Karg: „Wir müssen uns neu erfinden“

Lesedauer: 18 Minuten
Joachim Mischke
Christiane Karg hat schon während ihres Studiums in Salzburg bei den dortigen Festspielen debütiert.

Christiane Karg hat schon während ihres Studiums in Salzburg bei den dortigen Festspielen debütiert.

Foto: Gisela Schenker

Die Sopranistin spricht im Podcast „Erstklassisch“ über die Corona-Krise, das Verstummen und das Singen vor Trump.

Hamburg. Verdammt lang her, ihre Zeit im Opernstudio der Hamburger Staatsoper. Seitdem hat die Sopranistin Christiane Karg eine große internationale Karriere gemacht. Und wie bei so schrecklich vielen Künstlerinnen und Künstler waren auch ihre letzten Monate wegen der Corona-Pandemie eine Achterbahnfahrt. Wir sprachen darüber, wie es war, wie es ist und wie es bald sein sollte, aber auch über ihren Auftritt beim G-20-Konzert in der Elbphilharmonie.

Hamburger Abendblatt: Wir sind beide Kinder von Konditoren – Sie aus Feuchtwangen, ich aus Flensburg. Mein Vater sang im Bäcker-Chor, Ihrer hat Sie zu den Salzburger Festspielen mitgenommen.

Christiane Karg: In jedem Beruf können Eltern ihre Kinder zur Musik bringen, mein Vater war begeisterter Opern-Liebhaber. Mein Traum, schon als ganz kleines Mädchen, Opernsängerin zu werden ist geglückt. Und es ist nach wie vor wirklich mein Traumberuf, auch in einer so schwierigen Zeit wie jetzt möchte ich keinen anderen haben.

Wir haben jetzt November und Teil-Lockdown. Wie ist Ihre Situation jetzt, wie fühlt sich das an?

Ich bin eine der Glücklichen, denn ich hab‘ Arbeit. Die ersten Wochen im Frühjahr waren ganz schwer gewesen. Nicht nur ich, auch viele andere sind beruflich total in ein Loch gefallen. Man wusste überhaupt nicht, für was man sich weiter vorbereiten soll. Einfach mal auszuruhen, hat mir stimmlich sehr gutgetan. Am 1. Mai ging es dann wieder los, das Europa-Konzert mit den Berliner Philharmonikern, mit wahnsinnig vielen Corona-Tests, dann kamen wahnsinnig tolle Projekte, in Norwegen, in Kopenhagen... Das kam alles so rein. Das Lied und die Konzerte haben mich gerettet. Mit Oper war nicht viel los. Ich war ständig beschäftigt, jetzt im November sieht’s sehr mau aus. Die große Reise in die USA bleibt mir verwehrt, mit Kind und Kegel für zweieinhalb Monate nach New York an die Met, das findet jetzt nicht statt, und ich bin nicht traurig.

Jetzt steht man also wieder vor einer Wand und denkt sich: Verdammt, was jetzt…

Alles ist total aus dem Ruder gelaufen. Veranstalter haben wunderbare Konzepte ausgearbeitet, wir sind diesen schweren Weg bis jetzt zusammengegangen – und dann wird gesagt, dass man es nicht mehr darf. Das ist wahnsinnig frustrierend. Die Perspektive müsste sich jetzt ändern. Dass Konzerte nicht die Hauptinfektionsquellen sind, muss man einfach anerkennen. Man müsste daran arbeiten, wie es nach diesem Stillstand weitergehen kann.

Wie gehen Künstler miteinander um? Kontaktieren Sie sich gegenseitig, wenn der eine einen miesen Tag hat, ruft er den anderen an? Oder verkapseln sich alle eher?

Es gibt einen unglaublichen Zusammenhalt. Immer wieder sind Mails gekommen, wenn jemand eine neue Aktion gestartet hat, Anrufe von Kolleginnen in meinem Stimmfach. Eigentlich geht’s uns gut, aber wir sind an zwei von sieben Tagen in der Woche doch ein bisschen depressiv. Und wir müssen auch Möglichkeiten finden, wie es mit den Verträgen mit Konzert- und Opernhäusern zukünftig weitergehen kann. Da stößt man auf unterschiedliche Interessen und im Moment sieht es noch gar nicht so gut aus. Dass man da solidarisch ist, findet überhaupt nicht statt. Da müssen wir weiterkämpfen. Denn im Moment kann man den Vertrag, so man ihn denn unterschrieben hat, eigentlich gleich wieder zerreißen. Die Verträge sind nichts wert.

Kleine Rückblende: Wie lief der Aufritt mit Petrenko, den Berlinern und Mahler Vier damals und wie wirkt das heute auf Sie?

Weil so viele Wochen Ruhe war, war es ein erster Versuch, ein Herantasten, etwas ganz Großes. Jetzt geht’s wieder los… Jetzt wissen wir, dass es ein Anfang war. Diese vielen Tests damals: So kann man sich als Kollegen nicht begegnen. Man hatte auch Angst. Dann trafen wir uns auf der Bühne. Und wenn die Musik anfängt, ist alles, wie es war. Es war eine unglaubliche Konzentration. Man darf es gar nicht laut sagen, aber Kirill Petrenko hat dann gesagt: Oh, so leise müsste man es immer haben… Wir waren alle so glücklich, aber wir konnten uns gar nicht begegnen. Dieser Nicht-Kontakt hat meinem Herzen viel mehr wehgetan, als kein Publikum zu haben.

Sie hatten auch noch einen anderen sehr besonderen Termin: das G-20-Konzert mit Beethoven Neun im Juli 2017 in der Elbphilharmonie, vor Putin, Trump, Erdogan …

Es gab sehr viel Kritik … „Wie können Sie es wagen, für Donald Trump zu singen?“ Und dann habe ich an die Worte gedacht, die ich singe: Alle Menschen werden Brüder. Und ich kann das wirklich dem Herrn Trump entgegenschreien. Es wird wahrscheinlich nichts nützen, aber diese Möglichkeit haben wir als Musiker. Ich bin kein Politiker, ich muss mit meinen Mitteln versuchen die Menschen zu erreichen. Ich denke, dass diese Beethoven Neun doch ein großes Zeichen war. Und als es dann losging, habe ich gesehen, wie Macron sich zu Trump rübergebeugt hat: Das ist jetzt unsere Europahymne, muss das geheißen haben. Das konnten wir sehen und das war schon ein sehr ergreifender Moment. Ich möchte das nicht missen. An so einem Bespiel sieht man: Bei so einem wichtigen Treffen werden Künstler gefragt, ob sie denn musizieren. Jetzt, wo wir so komplett systemunrelevant sind, sind wir doch für so etwas unabdingbar. Bei Beerdigungen und wichtigen Ereignissen darf der Sänger gern seinen Mund aufmachen und der Geiger gern spielen, aber ansonsten soll man schweigen.

Vielen Dank für das Stichwort Beerdigungen: Ihre ersten Auftritte hatten Sie auf Beerdigungen und Hochzeiten. Wissen Sie noch, was Sie mit der ersten Gage gemacht haben?

Das weiß ich nicht mehr… Damals habe ich in einem Beerdigungschor gesungen, ein Kinderchor. Man hat vier Euro bekommen, dass weiß ich noch ganz genau, wer das Kreuz getragen hat, hat fünf Euro bekommen. Und man lernt, mit einer wirklich tragischen Situation umzugehen. Da habe ich auch gemerkt, dass wir etwas haben, was wir dem Menschen über den Tod hinaus auf den Weg geben können. Ich habe auch auf der Beerdigung meiner Oma gesungen und es war wahnsinnig schwer. Sie hatte eine Wunschliste und ich hab‘ immer gesagt: Oma, ich sing‘ dir das. Man darf zuvor keine Träne vergießen, man muss so hart sein, dass man das durchhält. Und das hab‘ ich wirklich geschafft. Das war sehr hilfreich für mich.

Wie schön ist das Singen, wenn man schon am Anfang eines Abends merkt, dass man bei 100 Prozent ist?

Das ist großartig, auch, weil es so selten vorkommt, dass man in Topform ist und ausgeschlafen hat; dass man die Partie gut kennt, keinen Kollegeneinspringer hat und optimal vorbereitet ist. Da kommt viel zusammen. Wenn der Dirigent vor einer Vorstellung fragt: Wie fühlst du dich heute, antworte ich: Das sag ich dir, wenn ich den ersten Ton gesungen hab‘. Bei der ersten Phrase weiß man, wie es um die Stimme bestellt ist. Das ist ganz seltsam. Die Krux ist allerdings: Wenn man sich so super fühlt, muss man auch nicht haushalten und sich den Abend nicht einteilen.

Und wie schlimm ist es, wenn man am Beginn eines Abends merkt, man ist bei 60 Prozent und mehr wird’s auch nicht?

Man muss ganz kontrolliert singen, sich wirklich auf sein Handwerk besinnen. Eine Partie kann man wirklich erst, wenn man sie zehnmal hintereinander gesungen hat.

Sie sind mehr beim Technischen, ich meinte eher das Emotionale, diesen Moment, in dem man sich fragt: O Gott, wieso stehe ich hier?

Das denkt man sich vor jedem Auftritt, vor allem vor jedem Liederabend. Aber ich weiß, dass ich mich auf meine Stimme irgendwie verlassen kann. Man muss mit der Zeit lernen: Was schafft man, was schafft man nicht? Viele Vorstellungen habe ich sehr krank gesungen, ich hab‘ immer Ipalat in meiner Tasche und sobald ich nicht mehr singe, kommt das in den Mund. Viel Wasser, Tee, dann übersteht man das schon irgendwie.

Ihr Kollege, der Bariton Bo Skovhus hat erzählt, wie irre laut es werden kann, wenn man eine Sopranistin im Arm hat. Kennen Sie das, von einem Tenor oder Bariton, der Ihnen direkt in den Gehörgang brüllt?

Bo Skovhus hatte noch keinen Tenor im Arm, nehme ich an.. denn das ist das größte Übel (lacht). Da muss man sehen, wie man sich am besten wegdreht. Vielen, nicht allen Tenören kann man manchmal schon sagen: Könntest Du nicht eher von der Seite? Aber: Es nützt nichts, die werden dann wieder genauso frontal …

Sie sind zu Hause in Feuchtwangen Intendantin des „Kunstklang“-Festivals. Fällt Ihnen das Sprechen mit Politikern in dieser Funktion leicht? Oder kennen Sie sich alle eh aus der Blaskapelle oder vom Fußballverein?

Intendantin wäre ein bisschen zu hoch gegriffen. Die Stadt hat mich gefragt, ob ich eine Konzertreihe mit dem Kulturamt aufbauen möchte, ich kümmere mich also nicht um Verträge, sondern lade meine Bekannten und Freunde zu interessanten Kammermusik-Programmen ein. Ja, ich kann im Stadtrat meine Stimme erheben, weil ich sehr viel unterwegs bin und diesen Beruf habe, der sehr in der Öffentlichkeit stattfindet. Ich habe weniger zu verlieren als meine Schwester, die das Café nebenan hat und die doch sehr viel mehr aufpassen muss, dass man niemandem auf den Schlips tritt. Als Künstler können wir einfach laut sein, die Kunst kann Dinge sagen, die andere sich nicht trauen können. Das ist kein Vorwurf! Und das müssen wir jetzt nutzen, um in der Gesellschaft auf Missstände hinzuweisen – nicht nur jetzt für die Kunst.

Wird man, wenn alles wieder normaler sein wird, mehr auf Künstler hören, weil man in den vergangenen Monaten gemerkt hat, dass es sie gibt und dass es nicht nur um Abendbespaßung geht?

Das Problem: Wir werden nicht mehr dort hinkommen, wo wir waren. Ich werde in meiner Sängerlaufbahn nicht mehr erleben, dass ich dort hinkomme, wo ich im März aufhörte. Es wird so viele Jahre dauern, bis sich dieser Markt wieder erholt hat und es wieder zu einer Normalität kommt. Ich finde den Anspruch von Herrn Bachler von der Bayerischen Staatsoper wahnsinnig richtig, der sagt: Wir können nicht zusperren, warten, bis alles vorbei ist und dann wieder aufmachen. Die Leute müssen ja anderthalb Jahre von irgendwas leben. Wir müssen uns jetzt in dieser neuen Situation neu erfinden. Er sagt: Wir möchten spielen, wir müssen spielen, vor 200, vor 500, vielleicht kleinere Formate, kürzer… Mahler Acht geht im Moment einfach nicht. Vielleicht können wir aber etwas in Kirchen machen, oder in Scheunen, was ich hier in Feuchtwangen für Weihnachten gerade versuche. ,Die Kunst soll sich mal nicht so haben‘? Das ist schon ein starkes Stück. So etwas müssen wir uns nicht gefallen lassen.

Das Gute am Schrecklichen: Wenn es wieder normaler ist, werden die Begeisterung und die Dankbarkeit für Musik und Theater eine ganz andere und hoffentlich viel größere sein. Ist das jetzt ein Trost?

Bei jedem Konzert, das ich bis jetzt gemacht habe, auch wenn es nur ein Viertel des Publikums war: Auch wenn sie nicht lautstark ,Bravo‘ rufen dürfen – es kommt so oft vor, dass jemand ,Danke‘ ruft. Das gibt einem ein gutes Gefühl, dass man nicht total fehl am Platz ist. So hat man sich im März nämlich gefühlt: dass man gar nicht mehr existent sein darf. Dieser Absturz war schon wahnsinnig krass. Umso größer ist jetzt die Dankbarkeit. Ich bekomme so viel Feedback wie nie. Die Leute, die jetzt Kultur konsumieren, kommen nicht, um ihr Abendkleid auszuführen. Die kommen wirklich, weil sie uns brauchen und wir uns auch gegenseitig brauchen. Es ist ein Muss! Man hat sich den Beruf nicht ausgesucht, es ist schon eine Berufung. Ich mache das, seit ich Kind bin und habe auf viel verzichtet. Ich war auf Parties - aber ich wusste, wann ich zuhause bleiben muss. Dieser Verzicht, den ich nie negativ bewerten möchte, der ist schon sehr früh da. Die Arbeitszeit, die man investiert, um so weit zu kommen, die ist immens.

Auch wenn das etwas cheesy klingt: Künstler spüren das Leben anders, das ist vielleicht nicht nur Voraussetzung, sondern auch Folge. Was glauben Sie: Welche Narben von diesem verdammten 2020 werden auf der Seele bleiben?

Ich stand mit meiner Vorausbuchung im Kalender immer ganz gut da. Und jetzt brauche ich gar nicht in den Kalender zu gucken: Das Konzert kann wegfallen oder stattfinden, es können aus zwei drei werden oder eines aus fünf… Es ist alles ins Blaue geplant, gedacht. Das ist ein Problem, das in den Köpfen stattfindet, dass es sich auch im nächsten Jahr nicht verändern wird. Wir werden unsere Masken am 1. Januar nicht einfach an die Garderobe hängen können, auch wenn die Impfung jetzt kommt. Man hat immer gedacht, man darf nichts absagen. Und wenn man auf etwas verzichtet hat, dann auf Familienzeit, auf private Zeit. Alleine zwei Monate in New York sitzen - das wird niemand mehr so einfach mitmachen. Die Fliegerei wird sich ändern. Es ist keiner mehr bereit, dass er sein Leben so einschränkt. Wir arbeite nachts, am Wochenende und an Weihnachten, wir kriegen keinen Nacht- oder Feiertagszuschlag, wir arbeiten mehr als acht Stunden. Auf längere Sicht wird da schon eine Rebellion stattfinden. Nicht, dass wir nicht mehr abends singen wollen. Wenn man keine Agentur bezahlen muss, keine Steuern bezahlen muss, keine Reise, kein Hotel, wenn man die Nanny nicht bezahlen muss… Am Ende des Tages: So viel mehr Arbeit bringt gar nicht so viel mehr Vergütung. Auf das eine oder andere Projekt kann man sicher verzichten.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten und nichts mehr ein Problem wäre: Was wäre das erste Stück auf Ihrer Wunschliste, um wieder zu merken: Ich bin Christiane Karg, ich bin Sängerin?

Das kann das ,Veilchen‘ von Mozart sein, das kann ,An die Musik‘ von Schubert sein, ein Mahler-Lied oder Mahlers Vierte. Es kann alles sein. Ich möchte singen, was es dann ist, ist total egal. Mein Herz brennt für so viele Dinge. Es würde einen Riesensprung machen, wenn mich jemand für eine Serie von Debussys „Pelléas et Mélisande“ engagierte. Wenn jemand mich morgen einladen würde für „An die Musik“ – ich komme gern, ohne Publikum und meinetwegen auch in einem Livestream.

Hauptsache Singen.

Ja.

Aktuelle CD: Christiane Karg „Erinnerung“. Mahler-Lieder aus: „Des Knaben Wunderhorn“, „Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit“, „Rückert-Lieder“, „Lieder und Gesänge“. Malcolm Martineau (Klavier), bei zwei Liedern kommt der Klavierpart von historischen Welte-Mignon-Rollen, die Mahler eingespielt hat (harmonia mundi, ca. 19 Euro)

Das sind Christiane Kargs Lieblingsstücke:

  • Gustav Mahler „Rückert-Lieder“, Margaret Price (Sopran)
  • Henryk Górecki „Symphony Nr. 3“ II. Lento e largo / Tranquilissimo, Dawn Upshaw (Sopran), London Sinfonietta, David Zinman
  • Erich Wolfgang Korngold „Glück, das mir verblieb“ aus „Die tote Stadt“, Elisabeth Schwarzkopf (Sopran), NWDR Symphonieorchester, Wilhelm Schüchter (1952)