Klassik-Podcast

Star-Oboist: „Demokratie hat im Orchester nichts verloren“

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Im Abendblatt-Podcast „Erstklassisch mit Mischke“ erfährt man unter anderem, was Albrecht Mayer und Olaf Scholz verbindet.

Hamburg. Wer Dinge mit Albrecht Mayer ausdiskutieren will, sollte Zeit mitbringen. Denn der Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker gehört nicht zu der Sorte Musiker, die nur mit „ja“, „nein“ oder „weiß nicht“ antworten. Albrecht redet viel und gern. Das fränkische R rollt er nach wie vor tadellos, obwohl der Bamberger seit über einem Vierteljahrhundert in Berlin lebt. In der Geschichte, wie er den Posten bekam, spielen sowohl Heavy Metal als auch Joints Nebenrollen.

Einer der schönsten Sätze, die Mayer in der zweiten Folge des neuen Klassik-Podcasts "Erstklassisch mit Mischke" sagt, beschreibt die Arbeitsmoral der Philharmoniker: „Jetzt wird sehr viel erklärt und analysiert, da hören wir gern auch mal zu.“

Raten Sie doch mal, welches Instrument der ehemalige Hamburger Bürgermeister und jetzige Finanzminister Olaf Scholz in seiner Jugend gespielt hat. Kleiner Tipp: Fängt mit O an und Orgel ist es nicht.

Albrecht Mayer: Das Orsanophon…?! Hat er wirklich Oboe gespielt? Das ist ja fantastisch, das wusste ich nicht.

Und wenn es denn stimmt, dass sich das Instrument seinen Spieler sucht und nicht umgekehrt, passt es doch zu ihm: Als erste Oboe geben Sie das A zum Einstimmen des Orchesters vor, alle müssen sich danach richten. Sind Sie auch einer von denen, der sagt: Wo ich bin, ist oben?

Albrecht Mayer: Meine Frau würde sagen: Ja, das ist so. Ich würde antworten: Nein, natürlich bin ich kein Bestimmer, aber alle Kollegen würden sagen: doch. Wenn man Oboist ist und kein Bestimmer – das kann nichts werden.

Dann warten Sie also auch ein bisschen darauf, dass der jeweilige Dirigent sich tunlichst mit Ihnen kurzschließt?

Albrecht Mayer: Nein, das wäre eine Anmaßung. Es ist wesentlich besser, erstmal zuzusehen und zuzuhören, was passiert. Bis vor wenigen Jahren habe ich versucht, diese Arbeit an mich zu reißen und auch die künstlerische Form in meine Hand zu nehmen. Aber natürlich funktioniert das nicht, weil wir bei den Berliner Philharmonikern 128 Individuen sind.

Weil Sie von Individuen sprechen: Gerade die Berliner Philharmoniker gelten als sehr eigene Charaktere. Sie haben mal gesagt: Wir sind alle Diven. Teil einer solchen All-Star-Band zu sein, ist bestimmt nicht immer unanstrengend, wenn bei Proben jeder und am besten mehrfach mitreden möchte?

Albrecht Mayer: Die letzten Jahre war es viel schwieriger als jetzt. Wir haben gerade eine sehr ruhige, wohlmeinende, wunderbare Phase. Jetzt wird sehr viel erklärt und analysiert, da hören wir gern auch mal zu.

Das ist aber freundlich.

Albrecht Mayer: Sicher sind wir als Orchester viel freundlicher geworden. Ich kenne ja durch meine Familie – Schwiegervater und beide Schwiegeropas waren Solisten – die Geschichten von Furtwängler und vor allem Karajan, da herrschte manchmal schon ein rauer Ton. Jetzt ist es wesentlich höflicher und netter. Es gibt Dirigenten, die sehr, sehr viel Angst haben, wenn sie das erste Mal zu uns kommen. Pure Panik. Aber wir sind eigentlich ein nettes Orchester geworden…

… Es sei denn, man reizt sie…

Albrecht Mayer: Das sollte man nicht versuchen. Vor allem sollte man nicht zu uns kommen und denken, dass wir die Partitur nicht genauso gut kennen würden.

Bei der Vorbereitung konnte ich kaum glauben, dass Sie schon 27 Jahre bei den Berlinern sind. Gibt es zum 25-Jährigen bei Ihnen einen Kugelschreiber, eine goldene Uhr?

Albrecht Mayer: Nach 25 Jahren bekommt man 35,20 Euro und einen halben Dienst. Nach 30 Dienstjahren gibt es eine goldene Anstecknadel, glaube ich.

Wenn bei Ihnen die Wiener Philharmoniker anriefen: Grüß Gott Herr Mayer, wie wäre es denn mit uns, wir haben hier keinen Chefdirigenten, der Kaffee ist auch besser als in Berlin… Kann man jemanden wie Sie abwerben?

Albrecht Mayer: Es gab zwei Orchester, die es versucht haben: New York Philharmonic und Chicago. Aber das würde keinen Sinn machen, in Wien schon mal gar nicht. Die Wiener sind fantastisch, ich bin großer Fan. Aber sie machen viel zu viele Dienste, ich hätte gar keine Chance, Solo-Engagements und Reisen zu machen. Amerika käme gar nicht in Frage, denn da gibt es nur einen Solo-Oboisten, der muss quasi alles spielen. In Berlin teile ich mir mit meinem wunderbaren Kollegen Jonathan Kelly alle Dienste ein, mit zwei, drei Jahren Vorlauf. Das geht sehr gut.

Sie stammen aus Bamberg, waren dort ab 1990 bei den Bamberger Symphonikern, bevor Sie 1992 nach Berlin wechselten. Haben Sie sich beworben, hat Sie jemand eingeladen? Sie stiegen ja aus der gehobenen Regionalliga in die Champions League auf. Das ist jetzt zwar Fußball, aber dieser Vergleich ist wohl nicht so ganz verkehrt…

Albrecht Mayer: Wenn er nicht von Anfang an gehinkt hätte, dann würde er es jetzt tun. Regionalliga bedeutet: Detmold würde gegen den HSV spielen und gewinnen…

... das würden die jetzt hinkriegen…

Albrecht Mayer: ... aber in Bamberg mit knapp 80.000 Einwohnern war immer schon ein Weltklasseorchester. Das war nach dem Krieg ein Flüchtlingsorchester. Als ich da die Stelle bekam, war mein Traum erfüllt, mein Lebensziel erreicht. Doch nach zwei Jahren hatte ich das Gefühl, ich könnte meine Flügel etwas ausstrecken. Als die Stelle in Berlin frei war und es hieß, Lothar Koch verlässt das Orchester, dachte ich: Ich will selbstverständlich nicht nach Berlin…

… Aber zu den Berliner Philharmonikern…?

Albrecht Mayer: … Aaber: Diese Stelle wird ja nur einmal alle vierzig Jahre frei. Das hieß: Ich musste mich bewerben. Einen Tag vor dem internationalen Probespiel habe ich beim damaligen Solo-Oboisten Schellenberger angerufen und wollte absagen. Doch er sagte: Wir freuen uns schon sehr, alles Gute! Dann konnte ich nicht absagen. Und bin hin. Ein Freund eines Freunds empfahl mir jemanden, bei dem ich übernachten konnte. Aber der war nicht nur Heavy-Metal-Fan, sondern rauchte auch sehr gern Joints und bot mir immer wieder davon an – was ich wegen des Probespiels ablehnte – und hörte bis halb vier Metal. Da habe ich ihn dann doch gebeten, die Musik etwas leiser zu drehen. Morgens fuhr er mich ohne Helm auf seinem Roller zur Philharmonie. Ich kam in einem katastrophalen Zustand an, wie man sich vorstellen kann. Nach der ersten Vorspiel-Runde waren wir nur noch zu dritt, also konnte ich auch da nicht wieder aussteigen. Und am Ende hatte ich die Stelle.

Ab wann haben Sie sich nicht mehr gewundert, dass Sie in der Mitte der Berliner Philharmoniker saßen und das nicht träumen? Ich kann mir vorstellen, dass sich dieser Eindruck nicht nach zwei Tagen normalisiert hat.

Albrecht Mayer: Leider war der Eindruck genau umgekehrt. Als ich die Stelle antrat, musste ich sehr schnell feststellen, dass es doch eine Höhle der Löwen war. Die Ernüchterung setzte rapide und sehr heftig ein. In Bamberg war ich sehr wohl gelitten, es war ein Weltklasseorchester in der Provinz, ohne jede Konkurrenz dort. Ganz liebevoller Umgangston, sehr familiär, sehr freundschaftlich. In Berlin war alles genau das Gegenteil. Ich war ein junger, selbstbewusst wirkender Kollege, fast alle anderen waren 30, gefühlt 90 Jahre dabei. Und ich war der Nachfolger von Lothar Koch, einem der größten Stars des Orchesters. Und da sagten die sich: Na, wollen wir doch mal sehen, ob der junge Kollege das überhaupt aushält, was er hier durchmachen muss. Die zwei Probejahre waren sicher die zwei schlimmsten Jahre meines Lebens und das ist nicht übertrieben. Das war ganz, ganz grauenhaft, ich habe sehr oft daran gedacht, wieder nach Bamberg zurückzukehren. Ich hab mich durchgebissen, aber es war wie im Tunnel. Ich wurde so unter Druck gesetzt, dass ich manchmal nicht mehr wusste, wie man einzelne Töne greift. Es gibt ein sehr diskretes, sehr subkutanes Mobbing – das hat sich in den letzten Jahren wesentlich gewandelt.

Und im Bestfall sitzen Sie umgeben von 127 Philharmonikern in einem idealen Klang, wenn es eines dieser zu 130 Prozent gelungenen Konzerte ist.

Albrecht Mayer: Ich könnte das nun einfach abnicken und sagen: Genau so ist es. Tatsache aber: Es ist ein Beruf, der Höchstleistungen fordert, der keine Schmerzen und keine Grenzen kennt. Wir sind immer an der Grenze des Leistbaren und sind gezwungen, das zu genießen. Wenn man den Chef liebt, den das Orchester gewählt hat, ist es super. Ich liebe unseren neuen Chef Kirill Petrenko, ich finde ihn super. Hätte ich jemanden, den ich nicht liebe oder vielleicht sogar hasse - dann wird es sehr schwierig. Wenn man die unmittelbaren Kollegen nicht mögen, sondern unter den schlimmsten Stressbedingungen am liebsten tot sehen würde? Das wäre verheerend. Aber es gibt Momente in Proben und Konzerten, die sind so wunderschön, so berührend, die geben einem so viel zurück. Allerdings braucht man dafür einen Dirigenten, der einem dieses Gefühl geben kann, dass ich Teil dieses Konzerts bin. Und auch Teil des Erfolgs dieses Konzerts.

Mal schauen, was bei Petrenko passiert.

Albrecht Mayer: Wir hatten ja schon einige Auftaktkonzerte – vieles deutet darauf hin, dass es so ähnlich wird. Er gibt uns in den Konzerten ein wunderbares Gefühl.

Mal ganz profan gefragt: Was kann der neue Chefdirigent, was der alte – Sir Simon Rattle – nicht kann? Die Berliner Philharmoniker können ihren Chef ja – im Gegensatz zu den meisten anderen – selbst wählen.

Albrecht Mayer: Man muss schon der Wahrheit die Ehre geben: Wir haben ja nicht Simon Rattle gekündigt, sondern er hat gekündigt. Nach 16 Jahren hatte er das Gefühl, es ist genug. Er ist ein sehr kluger Mann, das war eine sehr weise Entscheidung von ihm. Meine ganz persönliche Meinung: Kein Chefdirigent sollte länger als zehn Jahre bleiben.

An der Person von Daniel Barenboim hat sich eine Debatte entzündet über die Frage, wie autoritär Dirigenten mit Orchestermitgliedern umgehen sollten. Wie sehen Sie das?

Albrecht Mayer: Punkt eins: Demokratie hat im Orchester nichts zu suchen. Das ist vollkommen illusorisch. 128 Musiker hätten mitzureden, wie eine Symphonie zu klingen hat? Das wäre grotesk. Selbst bei einem Quartett funktioniert Demokratie schon nicht. Nächster Punkt: Wenn man es wie Petrenko schafft, mit seiner sehr liebenswürdigen Art und dem unglaublichen Wissen über Musik uns zu überzeugen, dann hat man den ganz großen Preis gewonnen. Wenn man sich aber mit Schreien, Beleidigen oder Abstrafen durchsetzen muss, wird es schwierig.

Aktuelle CD: Albrecht Mayer „Longing For Paradise“ Bamberger, Jakob Hrusa. Werke von Strauss, Elgar, Ravel, Goossens (DG, ca.17 Euro).