Entscheider treffen Haider

Gerd Rindchen: 35 Jahre lang mit dem Rücken zur Wand

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Hamburgs bekanntester Weinhändler Gerd Rindchen.

Hamburgs bekanntester Weinhändler Gerd Rindchen.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Hamburgs bekanntester Weinhändler spricht über Alkoholverkauf auf dem Schulhof, schlimme Zeiten und Freude am Genuss.

Hamburg. Fast vier Jahrzehnte war Rindchens Weinkontor sein Leben: 15 Geschäfte, rund 100 Mitarbeiter, 20 Millionen Euro Jahresumsatz – und ein Gesicht: Gerd Rindchen (61). Jetzt ist Hamburgs bekanntester und ungewöhnlichster Weinhändler endgültig aus dem Unternehmen ausgestiegen, das er 2017 an den Sekthersteller Schloss Wachenheim verkauft und für das er bis zum 31. März noch als Berater gearbeitet hat.

Im Gespräch mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider spricht Rindchen über seine aufregenden Zeiten als Unternehmer, das verpfändete Reihenhaus seiner Eltern, Zahlungsziele von mehr als 150 Tagen, schnelle Verse und Versicherungen – und eine Therapeutin, die die Wende brachte. Das komplette Gespräch müssen (!) Sie sich unter www.abendblatt.de/entscheider anhören.

Das sagt Gerd Rindchen über …

… die Angst vor Altersarmut und Hartz IV:

„Das letzte Tief hatten wir 2011/2012, da ging es noch einmal richtig ans Eingemachte. Wenn man sich dann mit solchen Dingen wie Hartz IV auseinandersetzen muss, ist das nicht schön. Ich habe mich ernsthaft mit dem Thema Altersarmut auseinandergesetzt. Wir hatten eigentlich immer vier bis fünf Millionen Euro an Kreditvermögen laufen, und dafür musste ich Bürgschaften abgeben, die ich nicht hatte. Wenn wir tatsächlich über die Wupper gegangen wären mit dem Laden, und so weit waren wir in einigen Jahren gar nicht davon entfernt, wäre alles weg gewesen, Wohnung, Lebensversicherung, alles. Das ist die Kehrseite des Unternehmertums. Wir haben viel aus dem Minus-Kapital heraus gearbeitet. Und die Banken haben das tatsächlich mitgemacht.“

… die Eltern, die mehr als 20 Jahre ihr Reihenhaus in Bremerhaven für ihren Sohn verpfändet hatten:

„Meine Eltern fanden das, was ich gemacht habe, jahrelang eher dubios und hatten ein kritisches Verhältnis zum Unternehmertum. Trotzdem haben sie mich vorbehaltlos unterstützt und mir auch nie reingeredet. Das war großartig. Und was die Verpfändung des Reihenhauses angeht: Meine Mutter hat mir einmal erzählt, dass mein Vater die entsprechende Summe durch Konsumverzicht innerhalb von vier Jahren wieder angespart hatte. Wenn die Option gezückt worden wäre, hätten meine Eltern also nicht auf der Straße gestanden.“

… seinen Einstieg in den Weinhandel mit 18 Jahren:

„Meine Eltern haben als junge Referendare ihre Liebe zum Wein entdeckt und damit ihre Kollegen im Lehrerkollegium angesteckt. Ab und zu kamen dann befreundete Winzer aus der Pfalz, mein Vater stammte von dort, nach Bremerhaven und haben an die Lehrer auf dem Schulhof die Flaschen verteilt. Ich war 18 und habe mir gedacht: Was die Winzer können, Wein von Süd nach Nord zu fahren, das kann ich auch. Deshalb habe ich bei meinem Vater einen Kredit in Höhe von 3500 Mark aufgenommen und mir einen VW Bully gekauft. Mein Vater hat übrigens bis zu seinem Lebensende Wert darauf gelegt, dass ich diesen Kredit nie zurückgezahlt habe. Ich habe dann angefangen, Weine zu kaufen, 200 bis 300 Flaschen pro Winzer, und mich in die Materie zu verlieben. Denn natürlich war ich als Bremerhavener Jugendlicher mit Bier sozialisiert.“

… die speziellen Zahlungsziele von Rindchens Weinkontor:

„Bis vor zehn Jahren haben wir von der Geduld der Lieferanten gelebt. Wir hatten in den ersten 20 bis 25 Jahren durchschnittliche Zahlungsziele von 150, 160 Tagen. Die Winzer haben mir irgendwie vertraut, einer hat mal zu mir gesagt: Gerd, wenn du pleitegehst, setzt du dich in die Hamburger Innenstadt und spielst so lange Geige, bis du alle deine Schulden bezahlt hast. Das war ein Kompliment. Der wusste nicht, dass ich gar nicht Geige spielen kann.“

… denkwürdige Reisen nach Sylt:

„Ich bin im Jahr 1975 zum ersten Mal ohne meine Eltern in den Urlaub gefahren, nach Westerland, in eine Pension. Mein Vater hatte vorher gesagt, dass ich schnell wieder zurück nach Bremerhaven kommen werde, weil ich mein Geld verliere oder es mir geklaut werde. Die Pension war schlicht, wir haben in einem Hühnerstall geschlafen. Und ich hatte die sensationelle Idee, mein Geld in einer Seifendose im Gemeinschaftsbad zu verstecken. Nach zwei Tagen war es weg.

Noch mehr Entscheider:

Papa hatte recht, und das fand ich richtig blöd. Deshalb kam es nicht infrage, wieder nach Hause zu reisen. Ich bin stattdessen nach Kampen gefahren und habe in den dortigen Lokalitäten vermögenden Herren und attraktiven Damen meine Dienste als Schnelldichter angeboten. Ich konnte und kann nämlich innerhalb von fünf Minuten zu jedem Thema ein Gedicht verfassen. Im Gogärtchen fanden die das ganz lustig, dort habe ich von 22 Uhr bis morgens um drei Uhr durchgedichtet und in einer Nacht 110 Mark verdient. Das habe ich dann die folgenden Jahre immer wieder gemacht. Irgendwann kam ich mit einem grau melierten Herrn ins Gespräch, der mich fragte, was ich denn beruflich vorhabe. Über den habe ich dann meine Ausbildungsstelle zum Versicherungskaufmann in Hamburg erhalten.“

… seine Lehre als Versicherungsmakler:

„In der Lehre hat sich schnell herausgestellt, dass ich mit klassischen Hierarchien und mit der Branche überhaupt nicht klarkomme. Ich habe das trotzdem durchgezogen und bin am Wochenende zum Teil nach Frankreich gefahren, um dort Weine zu holen. Die habe ich zum Beispiel an die Lehrer meiner Berufsschule und an Arbeitskollegen verkauft.“

… den ersten Weinladen in der City Nord (!):

„Ich bin 1983 in die City Nord gegangen, weil ich dachte, dass da viele gut bezahlte Leute in den Büros sitzen, die sich nach Feierabend mal schnell mit Weinen bei mir eindecken. Das war naiv, die Leute hatten nämlich nach Feierabend nichts anderes zu tun, als möglichst schnell nach Hause zu kommen. Ich habe dann lange von einem Mittagstisch gelebt, zum Beispiel Gulasch, das ich mit der alten Mikrowelle meiner Mutter warm gemacht habe. Meine ersten Vermieter waren übrigens die späteren Hamburger Ehrenbürger Helmut und Hannelore Greve, die es mir mit zinslosen Darlehen ermöglicht haben, meine heftigen Mietschulden innerhalb von zwei, drei Jahren abzutragen.“

… einen Kredit von TV-Moderator Dieter Kronzucker:

„Der arbeitete damals bei Sat.1 in der City Nord, war Stammkunde und hat mir angeboten, den Ausbau meines Ladens zu finanzieren. So bekam ich einen Kredit von Dieter Kronzucker, der sein Geld natürlich wie alle anderen, die mir etwas gegeben haben, wiederbekommen hat. Auch wenn es manchmal gedauert hat.“

… die Rolle seiner Frau Christine:

„In den Zeiten, in denen es nicht so gut gelaufen ist, hat sie sicher wie ich existenzielle Ängste gehabt. Trotzdem hat sie mich vorbehaltlos unterstützt und versucht, auf mich aufzupassen und meine Mängel, die Naivität, die Vertrauensseligkeit und Unorganisiertheit aufzufangen. Das hat sie wahnsinnig viel Energie gekostet.“

… eine Psychotherapeutin, die die Wende brachte:

„Anfang der 2000er-Jahre war ich kurz vor einem Burn-out und habe deswegen eine Gesprächstherapie gemacht. Die Therapeutin war in der selben Straße wie ich in Bremerhaven aufgewachsen. Sie hat festgestellt, dass ich eine negative Einstellung zum Thema Kapitalismus und Geldverdienen hatte. Eine innere Blockade, die dazu geführt hat, dass ich mir selber nicht zugebilligt habe, richtig Geld zu verdienen. Das haben wir dann umprogrammiert. Und danach kamen die ersten guten Jahren.“

… das Gefühl, zum ersten Mal im Leben keine finanziellen Probleme zu haben:

„Der Druck ist weg, das ist klasse. Meine Frau Christine und ich spüren das deutlich. Und wir können jetzt zum Beispiel auch noch mehr daran denken, soziale Projekte zu unterstützen.“

… zwei Flaschen Wein, die er bisher am Tag getrunken hat, und die Frage, ob das jetzt weniger wird:

„Eigentlich nicht. Mein Weinkonsum war ja nicht berufsbedingt. Kein Weinhändler muss zwei Flaschen Wein am Tag trinken, um seinen Job vernünftig machen zu können. Das hat etwas mit Hedonismus und mangelnder Selbstdisziplin zu tun. Ich esse gern, ich trinke gern, ich koche gern. Daran wird sich nichts ändern.“