Entscheider treffen Haider

Edding-Chef: "Tattoos sind ein großer Markt für uns"

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Per Ledermann ist Vorstandsvorsitzender von Edding.

Per Ledermann ist Vorstandsvorsitzender von Edding.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Per Ledermann ist Chef der Firma, die synonym für Filzstifte steht. Im Podcast spricht er über Nagellack, Tattoos und Herrn Edding.

Hamburg. Edding ist für Textmarker, was Tempo für Taschentücher und Tesa für Klebestreifen - und trotzdem verlässt sich das Familienunternehmen nicht auf sein Kernprodukt. Chef Per Ledermann spricht bei „Entscheider treffen Haider“ über große Pläne mit Tattoos, über Nagellack - und über den Mann, von dem Edding seinen Namen hat.

Das sagt Per Ledermann über ...

… den Bekanntheitsgrad von Edding:

„Der liegt gestützt bei 97 Prozent. Die wenigsten wissen aber, dass es tatsächlich einen Carl-Wilhelm Edding gibt, der zusammen mit meinem Vater das Unternehmen 1960 gegründet hat. Bei einem japanischen Geschäftsfreund von Herrn Edding gab es damals ein Produkt, das Tint-ink hieß: Das war ein Fläschchen mit einem Filz oben drin, mit dem man schön groß schreiben konnte. Damit ging es los. Tatsächlich denken viele Kunden, dass der Name Edding aus dem Englischen kommt oder ein Kunstbegriff ist. Ist er aber nicht. Herr Edding lebt auch heute noch in Hamburg, ist aber schon vor einiger Zeit aus dem Unternehmen ausgestiegen.“

… eine Kindheit/Jugend mit Edding-Stiften:

„Es gibt durchaus Anwendungen mit einem Edding, an die man nicht sofort denkt, die aber in der Jugend sehr nützlich sein können. Mit unserem UV-Marker habe ich zum Beispiel vor einer Geschichtsklausur mal wichtige Daten auf die Toilettentür geschrieben. Die konnte ich dann mit einer UV-Lampe sichtbar machen, und die Lehrerin hat nichts bemerkt.“

… seine frühe Hochzeit:

„Ich habe mit 19 geheiratet und bin mit 20 zum ersten Mal Vater geworden. Heute habe ich vier Kinder, wobei es lustig ist, dass mein größter Sohn vom Alter her näher an meiner Frau und mir ist als an unserem kleinsten Sohn, seinem Bruder. Wenn man früh Kinder bekommt, tendiert man nicht so leicht dazu, sein Leben für die Kinder umzustellen – die müssen sich anpassen.“

… seinen Start bei Edding:

„Mein Vater ist 1995 aus dem operativen Geschäft ausgestiegen, danach hatten wir dann mehr Wechsel in der Unternehmensführung, als uns das lieb war. 2002 ist wieder ein Vorstand nach sehr kurzer Zeit gegangen, und mein Vater hat mich angerufen, und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte zu kommen. Ich war damals 29 Jahre alt und bin fast euphorisch empfangen worden, wie ein Messias, der nach den ganzen Wechseln Ruhe in die Firma bringt, weil er zur Familie des Gründers gehört. Das war schön, aber auch eine Bürde. Mein Vater hat sich so verhalten, wie man sich das als Nachfolger nur wünschen kann. An dem Tag, an dem ich Ja gesagt habe, hat er sein Aufsichtsratsmandat mit der Begründung niedergelegt, dass er seinen Sohn nicht kontrollieren will. Ich hatte den perfekten Einstieg.“

… die Suche nach neuen Geschäftsfeldern:

„Wir definieren uns nicht nur über den Stift. Wir sagen: Wir sind das Werkzeug, mit dem du das, was du im Kopf oder Herzen trägst, ausdrücken kannst. Wenn man da so rangeht, findet man viele neue Anwendungsbereiche. Einer, in dem wir uns stark entwickelt haben, ist der Kreativbereich, für den wir zum Beispiel Spraydosen anbieten. Das ist stark gewachsen in den vergangenen Jahren.“

… Nagellack von Edding:

„Ist ein cooles Produkt, aber kein ganz einfacher Markt. Nichtsdestotrotz war die Einführung eines Nagellacks von Edding für uns etwas, das allen im Unternehmen signalisierte, dass sie bei der Suche nach neuen Geschäftsfeldern sehr weit denken dürfen. Das hat eine Menge Energie freigesetzt. Grundsätzlich gilt, dass alles, was wir machen, irgendetwas mit Farben und Oberflächen zu tun haben muss.“

…Tattoos:

„Das ist ein Markt, von dem wir glauben, dass wir dort einen Riesenunterschied machen können. Tattoos passen einerseits total zu unserem Markenkern, andererseits werden in Deutschland immer noch Produkte eingesetzt, die sich fürs Tätowieren überhaupt nicht eignen. Wir arbeiten seit mehreren Jahren an einer Tinte, die höchsten Ansprüchen genügt. Ich gehe davon aus, dass wir Mitte diesen Jahres in einem Umfeld damit anfangen, in dem wir den gesamten Prozess des Tätowierens kontrollieren können. Das heißt, wir werden ein eigenes Edding-Tattoo-Studio eröffnen. Das ist ein sehr großer Markt, weil ungefähr 40 Prozent der Deutschen zwischen 19 und 27 Jahren tätowiert sind.“

… Edding und die Umwelt:

„Sowohl Herr Edding als auch mein Vater waren von Anfang an extrem umweltbewusst – was sich zum Beispiel darin ausdrückt, dass der Großteil unserer Produkte nachfüllbar ist. Das machen leider in Deutschland nur nicht so viele. Man kann sogar die Spitzen austauschen, so dass ein Edding ein Leben lang halten kann. Wir probieren auch aus, wie wir die Schäfte der Stifte aus nachwachsenden Rohstoffen oder Recylingmaterial herstellen können. Für größere Kunden haben wir zudem eine Rücknahmebox.“

… die Frage, ob seine Kinder wie er eines Tages in die Firma einsteigen werden:

„Mein Vater hat mich das erste Mal mit 15 Jahren gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einmal für Edding zu arbeiten. Ich habe meine Kinder noch nicht gefragt, mein ältester Sohn hat mir aber mit der Wahl seines Studiums indirekt eine Antwort gegeben: Er studiert Medizin. In unserer Familie gilt aber, dass wir vor allem verantwortungsvolle Eigentümer sein wollen. Das einer aus der Familie die Firma leitet, ist ganz schön, muss aber nicht immer so sein. Deshalb üben wir keinen Druck auf die kommenden Generationen aus. Mir ist sehr wichtig, dass es einen Aufsichtsrat gibt, in dem keine Familienmitglieder sitzen und der mir den Spiegel vorhält. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich der richtige wäre, wenn Edding in eine harte Restrukturierungsphase käme.

Per Ledermanns Fragebogen:

Was wollten Sie als Kind werden und warum?

Tierarzt – von klein auf haben mich Tiere fasziniert: wir hatten immer unseren eigenen kleinen Bauernhof, später unser Wildreservat in Namibia, und nicht zuletzt haben meine Eltern mir alle Doktor-Dolittle-Bücher vorgelesen. Außerdem ist der langjährige Züricher Zootierarzt bis heute ein väterlicher Freund für mich.

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

Werde glücklich!

Wer war beziehungsweise ist Ihr Vorbild?

An einer Person möchte ich das gar nicht festmachen. Aber ich habe noch kaum jemanden kennengelernt, von dem ich nicht lernen konnte.

Was haben Ihre Lehrer/Professoren über Sie gesagt?

Per muss seine Spontaneität zügeln (so stand es schon in meinem Zeugnis der ersten Klasse).

Wann und warum haben Sie sich für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?

Irgendwann während meines MBA habe ich gemerkt, dass ich alles, was ich höre, im Kopf auf Edding anwende… Da wusste ich, dass ich mir irgendwann wünsche, im Unternehmen zu arbeiten. Bis es dann soweit war, vergingen allerdings noch einige Jahre.

Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?

1. meine Familie,

2. mein Vater,

3. Herr Kallenberg, unser langjähriger Aufsichtsratsvorsitzender,

4. Herr Lohausen, mein erster – sehr erfahrener – Kollege im Vorstand.

Auf wen hören Sie?

Grundsätzlich höre ich jedem zu. Ob ich auf sie oder ihn höre, hängt davon ab, ob mich die Argumente überzeugen.

Was sind Eigenschaften, die Sie an Ihren Chefs bewundert haben?

1. Authentizität,

2. Vertrauen und Verantwortung übertragen,

3. Sich wirklich für den Menschen interessieren.

Was sollte man als Chef auf keinen Fall tun?

Meinen, dass man etwas Besseres ist.

Was sind die Prinzipien Ihres Führungsstils?

Authentisch sein, Vertrauen und Verantwortung übergeben, mich wirklich für die Menschen interessieren.

Wie wichtig war/ist Ihnen Geld?

Ich tue mich immer schwer, diese Frage zu beantworten. Ich hatte das Glück, mein Leben in finanzieller Sicherheit verbringen zu dürfen. Dann zu sagen, mir sei es nicht wichtig, wäre anmaßend denen gegenüber, die dieses Glück nicht haben.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Authentisch sein, Vertrauen und Verantwortung annehmen und geben, sich wirklich für die Menschen interessieren.

Worauf achten Sie bei Bewerbungen?

Ob jemand authentisch ist, Vertrauen und Verantwortung annehmen und geben kann, sich wirklich für die Menschen interessiert.

Duzen oder siezen Sie?

Wir haben bei Edding vor einigen Jahren auf das „Du“ umgestellt. Ich war gar nicht so ein großer Verfechter davon, dann allerdings überrascht, dass es sich sehr positiv auf Kultur und Miteinander bei Edding ausgewirkt hat.

Was sind Ihre größten Stärken?

Ich denke, ich bin so gut wie immer authentisch, ich vertraue und kann Verantwortung übertragen (kann aber noch besser werden), ich interessiere mich wirklich für die Menschen.

Was sind Ihre größten Schwächen?

Mangelnde Ordnung. Mein Büro sieht katastrophal aus. Und leider geht dadurch auch manchmal etwas verloren…

Welchen anderen Entscheider würden Sie gern näher kennenlernen?

Tierische Entscheidungsträger! Die Leitstute einer Zebraherde, den Fisch im Schwarm, der die Richtung ändert, den Silberrücken einer Gorillagruppe. Ich beneide Dr. Dolittle darum, die Tiersprache zu sprechen.

Was würden Sie ihn fragen?

Woher weißt du, was zu tun ist? Zweifelst du jemals?

Was denken Sie über Betriebsräte?

Die Mitarbeiter am Unternehmertum zu beteiligen, ist sehr wertvoll für jedes Unternehmen. Über welche Gremien das geschieht, ist letztlich nicht so wichtig. Den größten Wert habe ich erlebt, wenn der Fokus weniger auf die Einhaltung von formalen Rechte und Pflichten und mehr auf die individuelle strategische Situation des Unternehmens gelegt wurde. Dann wird die Unternehmung eine gemeinsame Sache von Mitarbeitern und Unternehmensführung, was eine große Kraft entfaltet.

Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?

Heute, gestern, ständig. Heute habe ich zum Beispiel meiner Tochter zu Unrecht einen Vorwurf gemacht. Hätte ich mal besser recherchieren sollen…

Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?

Im Endeffekt waren viele dabei, die sich im Nachhinein als wertvoll herausgestellt haben. Erstmal etwas zu studieren, was mich einfach interessiert hat. Mich nach der ersten Absage nochmal bei meiner Wunschuni in den USA zu bewerben. Einem Freund im mittleren Osten bei dem Aufbau eines Unternehmens zu helfen. Und noch einige mehr.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Das zähle ich nicht, schwankt auch. Meist zwischen 0 und 168.

Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?

Schwankt ebenfalls. In der Woche selten mehr als 6, am Wochenende, im Urlaub oder auf dem Flug nach Buenos Aires auch mal 14.

Wie gehen Sie mit Stress um?

Meistens recht entspannt. Leider manchmal aber auch mit vermehrtem Süßigkeitenkonsum.

Wie kommunizieren Sie?

Inhaltlich manchmal noch nicht klar genug. Kanaltechnisch am liebsten Face-to-Face oder schriftlich (digital und analog). Nicht so gern am Telefon.

Wieviel Zeit verbringen Sie an ihrem Schreibtisch?

Ich arbeite dran, dass es jedes Jahr weniger wird. Aber Fragebögen wie dieser machen mir da manchmal einen Strich durch die Rechnung.

Wenn Sie anderen Menschen nur einen Rat für ihren beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?

Immer authentisch bleiben.