Episode 12

Henrik Falk: "Car to go und Moia sind erst der Anfang"

Der Hamburger Hochbahn-Chef stellt jedes Jahr 200 Busfahrer ein, doch das autonome Fahren könnte schon bald alles verändern.

Hamburg. Das letzte, was ein Hamburger Busfahrer oder eine Hamburger Busfahrerin gebrauchen können, ist ein Chef, der mit ihnen über Autonomes Fahren spricht. Henrik Falk (48), Vorstandsvorsitzender der Hochbahn, macht das trotzdem und ganz bewusst: „Wir müssen uns jetzt Gedanken über mögliche berufliche Alternativen für die Betroffenen machen. Auch wenn völlig offen ist, ob autonomes Fahren sich durchsetzt“, sagt er im Abendblatt-Podcast „Entscheider treffen Haider“. Falk ist seit 2016 Chef des zehntgrößten Hamburger Unternehmens, hat seinen Vertrag bis 2023 verlängert – und rechnet damit, dass ab 2030 keine privaten Pkw mehr in der Innenstadt fahren.

Das sagt er im Podcast über…

… den Begriff Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV):

„Einer der großen Marketingfehler meiner Branche ist, dass wir uns als Öffentlichen Personennahverkehr bezeichnen. Das klingt nach Beamtendasein und vermittelt null Sex-Appeal. Heute würde man sagen: Ich bin in der Sharing-Mobility-Branche – das klingt schon ganz anders.“

… seine Arbeitsweise:

„Ich habe keinen Computer mehr, ich mache das alles übers Handy. Am Schreibtisch sitze ich maximal eine halbe Stunde am Tag.“

... über schwierige Gespräche mit Busfahrern:

„Mir ist klar: Wenn sie Busfahrer oder Busfahrerin geworden sind, haben sie in ihrem Leben auf alles gewartet, aber nicht auf autonomes Fahren. Aber das ist nun einmal ein absolutes Zukunftsthema, und deshalb habe ich natürlich auf mehreren Versammlungen mit meinen Fahrerinnen und Fahrern darüber gesprochen. Dabei habe ich zwei Fragen gestellt. Erstens: Glaubt irgendjemand bei der Hochbahn, dass sich autonomes Fahren weltweit nicht durchsetzt, weil wir es in Hamburg doof finden? Und zweitens: Was machen wir jetzt, um frühzeitig berufliche Alternativen für möglicherweise Betroffene zu entwickeln? Wenn ich jetzt wüsste, dass wir in zehn Jahren keine Fahrer mehr benötigen, müsste ich von heute an nur noch Fahrer einstellen, die 55 Jahre oder älter sind.

… Personal in Bussen und Bahnen:

„Momentan sieht ja meine Realität so aus, dass wir einerseits über autonomes Fahren reden, andererseits jedes Jahr 200 Busfahrer und Busfahrerinnen einstellen. Aber selbst wenn sich das autonome Fahren durchsetzen sollte, bin ich fest davon überzeugt, dass unsere Kunden Mitarbeiter im Bus sehen und nicht nur von Technik umgeben sein wollen. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass der heutige Busfahrer künftig vielleicht zum Service-Mitarbeiter wird, zu einer Art Stewardess für Busse.“

… die betriebswirtschaftliche Seite des autonomen Fahrens:

„Ich glaube nicht, dass wir dadurch stark Personalkosten sparen. Und ob sich autonomes Fahren durchsetzt, ist aus meiner Sicht völlig offen. Denn gerade im ÖPNV spielt der Faktor Mensch eine wichtige Rolle. Der Fahrer ist ein wesentliches Element für das Image der Hochbahn.“

… über privaten Verkehr in der Innenstadt:

„Den wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Es wird sich bis 2030 ein Sharing-Biotop bilden, eine Mischung aus dem klassischen ÖPNV mit einer viel engeren Taktung und den neuen Mobilitätsangeboten: Car to go und Moia sind erst der Anfang. Dazu werden noch so viele andere Möglichkeiten kommen, dass man ein eigenes Auto nicht mehr braucht. Es wird für jede Lebenssituation ein ÖPNV-Angebot geben, man kann alles über sein Handy buchen – und das Wort Fahrplan existiert nicht mehr.“

… die Gefahren der neuen Mobilitäts-Angebote:

„Wir müssen aufpassen, dass die schöne neue Sharing-Welt nicht dazu führt, dass die Zahl der Fahrten steigt. Das kann man in Nordamerika sehen, wo die Menschen heute für Wege, die sie früher zu Fuß gemacht haben, Uber nutzen. Das kann ja nicht das Ziel sein. Wir müssen mit weniger Fahrzeugen mehr Mobilität erzeugen.“

… über den Verkehr in Hamburg:

„Ich habe da eine große Gelassenheit. Gab es denn irgendwann mal eine Zeit, in der irgendjemand mit der Verkehrssituation in Hamburg oder in einer anderen Großstadt zufrieden war? Es gibt da eine einfache Wahrheit: Wenn ich mich vernünftig um meine Infrastruktur kümmere, dann muss es immer Baustellen oder Streckensperrungen geben. Das ist ätzend, das hat keiner gern, aber dazu gibt es keine Alternative. Außer, man lässt die Infrastruktur verfallen.“

… über das komplizierte Tarifsystem:

„Als ich nach Hamburg kam, war die erste Frage, die man mir gestellt hat: Haben sie eigentlich das Tarifsystem der Hochbahn verstanden, und wenn ja: Ist es einfacher als in Berlin? Und ich habe geantwortet: Ich habe weder das Tarifsystem in Hamburg noch das in Berlin verstanden. Leider gibt es weltweit keine gerechten Tarifsysteme. Aber ab 2020 müssen sich unser Fahrgast darum nicht mehr kümmern, weil das Handy dann erkennt, wo er ein- und aussteigt, und den günstigsten Tarif berechnet.

… über kostenfreien ÖPNV:

„Ja, das könnte man machen. Wir nehmen im Moment pro Jahr 850 Millionen Euro – also den Preis einer Elbphilharmonie – von unseren Kunden ein. Uns als Hochbahn könnte es egal sein, woher wir das Geld bekommen, ob von den Fahrgästen oder von der Stadt, also aus Steuermitteln. Für mich ist aber die spannende Frage dahinter: Was will man mit kostenfreiem ÖPNV erreichen? Ich glaube nicht, dass jemand, der heute überzeugter Autofahrer ist, auf den ÖPNV umsteigt, nur weil der nichts kostet ist. Der Preis ist für den Verzicht auf das Auto nicht das Hauptthema. Viel wichtiger ist, dass wir radikal die ÖPNV-Angebote ausbauen. Am besten so, dass niemand mehr einen Fahrplan braucht, weil Busse und Bahnen ständig fahren.“

… über die Veränderung der Unternehmenskultur:

„Wenn der oder die Vorstandsvorsitzende über Kulturveränderung spricht, muss man genau hinsehen: Wie handelt er oder sie eigentlich selbst? Hat er oder sie klare Prämissen in seiner Führung? Bei mir sind das Zeit, Offenheit, Angstfreiheit. Zeit heißt: Für die Themen, die mir wichtig sind, muss ich mir Zeit nehmen. Offenheit heißt: Bin ich wirklich für andere Vorschläge offen, oder wird am Ende alles so gemacht, wie der Chef es will? Angstfreiheit ist mir am wichtigsten: Trauen sich meine Leute frühzeitig zu mir zu kommen, wenn etwas schief läuft? Größter Verstoß ist: Vor anderen Leuten jemanden niederzumachen. Wenn Sie das tun, ist es mit der Unternehmenskultur schnell vorbei.“