Fragebogen für Entscheider

Verlängert NDR-Intendant Lutz Marmor bis 2026?

Heute füllt den Fragebogen NDR-Intendant Lutz Marmor aus. Er wirkt nicht wie einer, der demnächst in Rente gehen will.

Hamburg. Es ist einer begehrtesten Arbeitsplätze, die es in Hamburg gibt. Jahreseinkommen rund 350.000 Euro, Dienstwagen mit Fahrer, direkte Kontakte zu wichtigen Politikern, Einfluss auf Sendungen wie die „Tagesschau“ oder die „Tagesthemen“. Wer Intendant des Norddeutschen Rundfunks ist, gehört automatisch zu den mächtigsten Medienmachern der Republik. Aktuell hat diesen Job Lutz Marmor, genauer gesagt seit Januar 2008. Doch weil der Intendant in diesem Jahr 65 wird und weil sein zweiter Sechsjahresvertrag im Januar 2020 ausläuft, stellt sich in den nächsten Monaten automatisch die Frage: Kommt ein neuer? Oder macht der alte weiter?

Besuch auf dem NDR-Gelände am Rothenbaum. Der Intendant hat hier ein großes Büro mit eigenem Sanitärbereich und weitem Blick. Weiter unten senden zum Beispiel NDR Info und NDR 90,3. Hoch oben sitzt Lutz Marmor an einem langen Konferenztisch und spricht darüber, wie es so ist, im zwölften Jahr Chef einer der wichtigsten öffentlich-rechtlichen Anstalten zu sein. Um es vorwegzunehmen: Es klingt nicht danach, als freue er sich auf den Ruhestand. „Mein Job ist so vielfältig, er macht mir so viel Spaß, dass ich auch 160 Stunden pro Woche arbeiten könnte, wenn das ginge.“ Aktuell kommt er so auf 80 Stunden, in Hamburg gibt es das geflügelte Wort: „Egal, wo du hinkommst, Lutz Marmor ist schon da.“ Er treffe halt gern Menschen, sei gern unter Leuten, sagt der Intendant dazu, und dass er jemand sei, „der notfalls zu lange bleibt. Bei mir gilt das Motto: ganz oder gar nicht“.

Was heißt das für die Frage, wer nach dem Januar 2020 NDR-Intendant wird? Könnte er sich vorstellen, eine weitere Amtszeit an die bisherigen zwei zu hängen? „Das halte ich offen“, sagt Lutz Marmor im Abendblatt-Podcast „Entscheider­ treffen Haider“. Und: „Ich habe das nicht selbst zu entscheiden.“ Natürlich wisse er, dass es potenzielle Nachfolger im eigenen Haus und auch bei anderen Sendern gibt, „aber die zu benennen ist nicht meine Aufgabe“. Das würden die Gremien des NDR machen, der Verwaltungs- und der Rundfunkrat, die sich 2008 für Marmor als Nachfolger von Jobst Plog entschieden, der seit 1991 an der Spitze des NDR gestanden hatte.

Der Fragebogen

Nicht wenige hatten Lutz Marmor damals prophezeit, dass es eine schwere Nachfolge werden würde. Plog hatte ein Image irgendwo zwischen Lichtgestalt und Sonnenkönig, er war eine Institution in Hamburg und in der deutschen Medienwelt. Marmor, der Kölner, ist schon vom Habitus ein anderer. „Ich bin bis heute ein Junge aus dem Leben geblieben.“ Einer, der genauso gern arbeitet wie feiert, einer, der kaum Erholungspausen braucht. Und einer, der für seinen NDR, für die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kämpft wie wenige. Er sei ein fairer, aber unangenehmer Gegner, sagen Manager aus Verlagen, die ihn aus den Hoch-Zeiten des Streits um die „Tagesschau“-App kennen. Marmor ahnt, was mit dem „unangenehm“ gemeint ist: „Ich gebe niemals auf. Ich habe Verständnis für andere Positionen, aber auch Spaß an Aus­einandersetzungen.“

Ja, er sei ein Kämpfertyp, er glaubt, dass das aus seiner Basketballzeit kommt. Lutz Marmor war Spieler, Trainer und Schiedsrichter und hat, rückblickend, damals viel von dem gelernt, was er später im Leben als Führungskraft brauchte. „Als Schiedsrichter musste ich schnell Entscheidungen treffen, dazu stehen und Kritik aushalten. Das ist persönlichkeitsbildend“, sagt er. Als Trainer habe er unterschiedliche Interessen zusammenbringen müssen und Gespür für Menschen entwickelt. Und schließlich: „Ich wollte immer gewinnen, und ich wollte immer gerecht sein.“

Er brennt für das Programm

Das ist bis heute so. Der Intendant lässt Ärger schon einmal spontan und deutlich raus, doch er brüllt niemanden an. Man hat nicht viel Zeit, ihn von einer Idee zu überzeugen, „aber erst mal habe ich ein weites Herz“. Entscheiden müsse er am Ende sowieso allein, „ein Küchenkabinett habe ich nicht“ (siehe Fragebogen). Und klar, er ärgert sich wie jede Führungskraft über Fehler. „Aber ich bin völlig entwaffnet, wenn jemand zu mir kommt, und sagt: Ich habe einen Fehler gemacht.“ So wie eine Kollegin, die wichtige Unterlagen versehentlich an einen falschen E-Mail-Verteiler gesendet hatte. Kann passieren, sollte aber nicht. „Sie hat mir den Fehler sofort gebeichtet, was ich als ein Zeichen von Stärke empfunden habe“, sagt Marmor. „Wenn jemand einen Fehler macht, ändert das nichts an der grundsätzlichen Wertschätzung einer Person.“

Was macht der Intendant, was der Verwaltungs- und Rundfunkrat? Die Frage ist nach dem Gespräch spannender als vorher, auch, weil Lutz Marmor tatsächlich nicht wie ein bald 65-Jähriger wirkt. Und auch nicht wie einer, der sich groß Gedanken über ein Leben nach dem NDR gemacht hat. Er habe immer für das Programm gebrannt, erzählt er, und tue das weiterhin: Wenn er sich am Feierabend entspannen will, setzt er sich, man ahnt es, vor den Fernseher.

Ansprüche sind gestiegen

„Ich verstehe inzwischen auch von Journalismus viel, finde die Zusammenarbeit mit Chefredakteuren hoch­interessant.“ Einfacher seien die Arbeitsbedingungen beim NDR nicht geworden, auch wenn Marmor die Situation seines Senders „natürlich nicht mit privatwirtschaftlichen Medienunternehmen vergleichen will“. Aber er habe Stellen sozialverträglich abbauen müssen, statt mehr als 4000 hat der NDR jetzt 3400. Gleichzeitig seien die Ansprüche an die Qualität der journalistischen Arbeit gestiegen. Früher habe es bei schlechten oder fehlerhaften Beiträgen den Satz gegeben: Das versendet sich. „Heute versendet sich gar nichts mehr“, sagt Marmor. Das ist Herausforderung und Ansporn zugleich.

Dass permanent Politiker beim Intendanten anrufen und sich über das Programm beschweren, bleibt dagegen irgendetwas zwischen übler Nachrede und gezielter Provokation von Kritikern des öffentlich-rechtlichen Systems. „So etwas passiert extrem selten“, sagt Marmor. Es gebe zwar zunehmend Programmbeschwerden, aber die kämen deutlich häufiger aus der Wirtschaft als aus der Politik.

Er könne sich in zwölf Jahren nur an drei Beschwerden von Ministerpräsidenten erinnern, und die seien alle öffentlich geworden. Und überhaupt: „Es wäre undenkbar, dass ich die Veröffentlichung einer Geschichte verbiete, weil ein Politiker bei mir anruft. Das wissen die – und versuchen es deshalb gar nicht erst.“

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