Singapur

Bodewein und Senzel: Das gemischte Doppel des NDR

Lena Bodewein und Holger Senzel mit Sohn Johnny im Garten des NDR an der Rothenbaumchaussee

Lena Bodewein und Holger Senzel mit Sohn Johnny im Garten des NDR an der Rothenbaumchaussee

Foto: Michael Rauhe / HA

Lena Bodewein und Holger Senzel teilen sich als erstes Ehepaar eine Korrespondentenstelle bei der ARD – in Singapur.

Hamburg. Das Casino des NDR an der Rothenbaumchaussee hat nichts Exotisches an sich. Tischreihen zwischen Fensterfront und Essensausgabe. Dennoch gehört nicht viel dazu, sich in einen Science-Fiction-Film zu versetzen: Lena Bodewein und Holger Senzel, nach langem Aufenthalt in den Weiten des Alls wieder zurück in der Basis. Lächelnde Kollegen, freundliche Begrüßungen. „Schaut ihr nachher noch vorbei?“ Man denke sich schräge Musik und uniforme Kostümierung dazu: Fertig ist das „Starlight Casino“ aus „Raumpatrouille Orion“.

Senzel und Bodewein sind in der Welt der ARD das erste Ehepaar, das sich eine Korrespondentenstelle teilt. Seit April 2016 leben sie in Singapur und berichten für alle ARD-Radiosender. Mit dabei: Sohn Johnny, sieben Jahre alt. Genau genommen ist also in Singapur kein Korrespondentenpaar, sondern eine Korrespondentenfamilie im Einsatz. Wer die drei erzählen hört, dem kommt es seltsam vor, dass die „alte Tante ARD“ in den bald schon 70 Jahren ihrer Existenz erst jetzt darauf gekommen ist, ein Paar zu engagieren. „Es ist eine Win-win-Situation“, findet Holger Senzel. „Zum Leben mit Familie ist Singapur großartig.“

Gestandene Hörfunkjournalisten

Und die ARD findet es wahrscheinlich großartig, zwei gestandene Hörfunkjournalisten vor Ort zu haben. Bodewein (44) und Senzel (59) haben als Zeitungsjournalisten begonnen. Er ist schon früh zum Hörfunk gewechselt, war lange Chefreporter bei der Rundfunk-Nachrichtenagentur in Bonn. 1992 ging er zum NDR. Leiter des Reportage-Ressorts, Auslandskorrespondent in London, Chef der Auslandsberichterstattung: Da ist im Laufe der Jahre einiges an Erfahrung zusammengekommen.

Sie hat die Kölner Journalistenschule absolviert und dann für „Handelsblatt“, „Süddeutsche“ und „Tagesspiegel“ geschrieben. 2003 wechselte sie als Volontärin zum NDR. Ab 2008 war sie Korrespondentin in New York. 2011 kehrte sie nach Hamburg zurück und arbeitete im Bereich Gesellschaft und Bildung bei NDR Info.

Jetzt Singapur

Und jetzt also Singapur. 5,6 Millionen Einwohner. Rund 10.000 Kilometer von Hamburg entfernt. Im Norden liegt Malaysia, im Süden Indonesien. Eine saubere Welt, eine regulierte Welt. Seit der Staatsgründung regiert die People’s Action Party. Bei der letzten Parlamentswahl bekam sie fast 70 Prozent, ist also eine Art Mega-CSU. Bodewein und Senzel, beide mit Humor ausgestattet, spielen sich bei der Beschreibung dieses seltsamen Staats die Bälle zu. „In der U-Bahn könnten Sie wahrscheinlich eine Blinddarm-OP ausführen“, sagt er, „weil es soooo sauber ist“, sagt sie. „Es ist so wie in Deutschland, aber perfekter“, sagt er und lächelt. „Viel perfekter“, sagt sie.

3 Fragen

„Als wir jetzt in Hamburg gelandet sind, sind uns zwei Dinge aufgefallen“, sagt er. „Ist das hier schmuddelig, und warum ist unser Gepäck noch nicht da?“ „In Singapur kommt man durch die Passkontrolle und sieht jemanden, der die Blätter der Topfpflanzen poliert, jedes einzeln“, sagt sie und lächelt. „20 Minuten nach der Landung ist das Gepäck da. Der Flughafen hat ein entsprechendes Gelöbnis abgelegt.“ Dieses Gelöbnis nicht einzuhalten käme in dem mehrheitlich aus Chinesen bestehenden Stadtstaat einem Gesichtsverlust gleich. Wenn doch einmal Kritik geübt werden muss in diesem Staat der strengen Regeln, dann auf eine sehr indirekte Weise.

Andere Sitten

Ein Beispiel. Die Familie bewohnt eine Apartment in einer Wohnanlage. Zu den Regeln gehört es, die Schuhe vor der Wohnungstür auszuziehen und in einen dort stehenden Schrank zu stellen. Gäste des Paares hatten die Schuhe vor den Schrank gestellt. Die Hausverwaltung nahm den Fauxpas zum Anlass, ein Rundschreiben ohne Namensnennung zu formulieren, in dem die grundsätzliche Bedeutung von Ordnung und der entsprechende Passus der Hausordnung betont wurden. „Der Eingangsbereich ist die Visitenkarte der Wohnung!“

Noch ein Beispiel. Homosexualität ist offiziell verboten, weil sie religiöse Gefühle verletzen könnte. Sie wird aber nicht verfolgt. Im Vielvölkerstaat Singapur will man unbedingt Harmonie bewahren. Also gibt es zwar so etwas wie eine Christopher-Street-Day-Parade. Aber sie wird reguliert. Denn sie war der Regierung zu groß geworden. „Homosexuelle, die aus dem Ausland kommen, dürfen nun nicht mehr mitmarschieren, sondern nur noch zugucken“, sagt er. „Es gibt genau zugewiesene Zuschauerbereiche, die man auch nicht verlassen darf“, sagt sie.

Reguliertes Leben

Es ist ein reguliertes Leben, das auch Unbehagen erzeugen kann. „Johnny kann sich in Singapur nicht so frei bewegen wie hier“, sagt Lena Bodewein. „Er kann nicht einfach mal losgehen und Freunde besuchen. Die Straßen sind da alle so breit wie die Willy-Brandt-Straße. Jeder Besuch bei einem Freund muss organisiert werden. Auch die Klassenlehrerin muss informiert werden.“

„Das sehe ich anders“, sagt er. „Ich fühle mich nicht unfrei in Singapur. Es ist sicherlich keine Demokratie. Aber im Alltag spürt man das nicht. Es gibt eine Menge Regeln. Aber viele sind vernünftig. Die Regel, dass man die Leute erst aussteigen lässt und dann einsteigt, könnte hier auf den Hafenfähren auch gern befolgt werden.“ Die drei wohnen, wenn sie nicht in Singapur sind, in Finkenwerder. Die Fähren sind da ein häufig genutztes Transportmittel.

Singapur ist nicht für die Ewigkeit

Aber jetzt greift Johnny ein. Er sagt: „Eine Regel ist unvernünftig: dass man in der U-Bahn nicht essen und nicht trinken darf.“ „Doch, die Regel ist in Ordnung“, sagt seine Mutter. „Manchmal werden ja stinkende Sachen gegessen, und Getränke kann man verschütten, und das klebt dann.“ „Und was ist mit Wasser?“, fragt Johnny – ganz kritischer Journalist.

Singapur ist natürlich nicht bis ins Letzte erklärbar. Aber es ist ja auch nicht für die Ewigkeit. Fünf Jahre soll der Korrespondenteneinsatz dauern. Fast die Hälfte ist rum. „Johnny sagt immer: Wir wohnen in Hamburg. In Singapur sind wir nur auf Dienstreise“, sagt Bodewein.

„In Singapur hat man immer 30 Grad, Tag und Nacht, das ganze Jahr“, sagt Senzel. „Hier merke ich: Es wird abends kühl. Und morgens mache ich die Fenster auf, und die Luft ist frisch.“ Er freut sich darauf, mit seinem Boot auf der Elbe zu schippern. Sie freut sich darauf, Freunden und Verwandten näher zu sein. Ihre Eltern sind schon über 80.

Großer Aufgabenbereich

So klein der Stadtstaat ist, so groß ist der Aufgabenbereich der beiden Journalisten: Südostasien. Für 14 Länder sind sie zuständig, darunter Australien, die Philippinen, Thailand, Kambodscha, Osttimor und Papua-Neuguinea. Reiche Länder, bitter arme Länder. Längst nicht jeden Staat haben sie gesehen. Die Arbeit besteht auch darin, sich einfach auf dem Laufenden zu halten über das, was politisch im Berichtsgebiet passiert. Im wöchentlichen Wechsel ist mal sie, mal er im Einsatz. Stringent durchhalten lässt sich das nicht. Als sich der US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un in Singapur trafen, waren beide im Einsatz. Trump haben sie nicht zu sehen bekommen, man arbeitete im entfernt liegenden Pressezentrum.

Manchmal ist die Themenfindung auch von Überraschungen geprägt. „Bei den zwölf Jungs, die in der Höhle in Thailand festsaßen, habe ich anfangs gedacht: Ja, kann man beobachten, aber es ist wohl eher ein regionales Thema“, sagt Senzel. „Und wenn Deutschland nicht so früh bei der WM ausgeschieden wäre und wenn die Berliner Koalition geplatzt wäre, dann hätte dieses Thema wohl auch eine andere Karriere gemacht.“ Aber dann wurde es die ganz große Karriere – und Senzel brach, als die Rettungsaktion startete, den Familienurlaub auf Java ab. Seine Frau hatte gesagt: „Das musst du machen. Du liebst doch die Aktuell-Hektik.“ Er machte es. Von Singapur aus. In der Höhle ist er nie gewesen. „Die Anreise hätte zu lange gedauert.“ 80 bis 100 Live-Beiträge hat er in zwei Tagen hergestellt.

Unverständliche Angst vor dem Fremden

Wie nach einer langen Reise mit einem Raumschiff blicken die Korrespondenten bisweilen verwundert auf das, was sich in der Zwischenzeit in der Heimat getan hat. Zum Beispiel die Debatte über Flüchtlinge. „Vieles kommt mir sehr absurd vor“, sagt er. „Diese Angst vor dem Fremden verstehe ich immer weniger. Es liegt doch nicht an der Herkunft. Es gibt überall grandiose Leute und Vollpfosten.“

Lena Bodewein drängt zum Aufbruch. Das Paar hat noch einen Termin bei NDR Info. Sie sollen erzählen, wie das so ist, draußen im Weltall. Aber Johnny findet, dass da am Ende des Gesprächs mit dem Abendblatt noch etwas fehlt. „Warte“, sagt er – und packt seine Radiostimme aus: „Das waren“ – Kunstpause – „Johnny Senzel, Holger Senzel und Lena Bodewein aus“ – Kunstpause – „Deutschland.“

Nächste Woche: Gerhard Kirsch, Landesvor­sitzender der Gewerkschaft der Polizei