Digitale Sprechstunde

Parkinson: Wer zittert, ist schon fünf Jahre krank

Lesedauer: 5 Minuten
Vanessa Seifert
Prof. Peter Paul Urban ist Chefarzt der Neurologie in der Asklepios Klinik Barmbek.

Prof. Peter Paul Urban ist Chefarzt der Neurologie in der Asklepios Klinik Barmbek.

Foto: Michael Rauhe

Lange vor den typischen motorischen Störungen zeigt sich die Erkrankung mit ganz anderen Symptomen.

Hamburg.  Dieses Zittern! Der sogenannte Tremor fällt wohl den meisten sofort ein, wenn es um die Parkinson-Erkrankung geht. „Doch nur ein Drittel, maximal die Hälfte der Patienten, zeigt dieses Symptom auch tatsächlich“, sagt Professor Dr. Peter Paul Urban. Mittlerweile sei zudem bekannt, dass der jeweilige Patient schon fünf bis zehn Jahre (!) erkrankt sei, ehe sich die ersten motorischen Beschwerden, zu denen das Zittern zählt, zeigen. „Parkinson wird daher oft nicht so schnell diagnostiziert, weil die Frühsymptome eben völlig uncharakteristisch sind“, erklärt der Neurologie-Chefarzt von der Asklepios Klinik Barmbek in einer neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

So könnten Patienten im Frühstadium der Erkrankung oftmals plötzlich schlechter riechen, seien mitunter depressiv verstimmt, litten unter einseitigem Schulterschmerz und/oder einer besonderen Schlafstörung. „Diese tritt während der Traumphase auf. Normalerweise bewegen sich dann bei geschlossenen Lidern nur unsere Augen, es handelt sich um das sogenannte Rapid Eye Movement“, so der habilitierte Neurologe. Bei Parkinsonpatienten dagegen sei in dieser Phase der gesamte Körper angespannt, nicht selten würden die Erkrankten schreien und wild um sich schlagen. „Der Betroffene selbst merkt das in der Regel nicht, der Bettnachbar dafür umso mehr.“

Ursache ist noch ungeklärt, doch es gibt Vermutungen

Diese Schlafstörung weist ebenso wie ein verändertes Schriftbild (Buchstaben werden immer kleiner), ein schlurfender Gang und eine zunehmend starre Mimik auf eine Parkinson-Erkrankung hin. Doch was ist die Ursache für diese bekannte Erkrankung des Nervensystems? „Leider wissen wir das noch nicht“, sagt der renommierte Parkinsonexperte, der unter anderem mehrere Jahre in Folge als „Topmediziner“ in der Ärzteliste des Magazins „Focus“ aufgeführt war.

In der Regel sei Parkinson eine Erkrankung, die Menschen jenseits des 60. Lebensjahres treffe, etwas häufiger Männer als Frauen. Doch es gebe auch Patienten, die in sehr jungem Alter erkrankten, wie beispielsweise einst der Schauspieler Michael J. Fox („Zurück in die Zukunft“). „Bei jungen Patienten liegt oft eine genetische Ursache vor, die man über eine Mutationsanalyse klären kann.“ Bei älteren Patienten gehe man von einer genetischen Disposition aus.

Zusätzlich könnten aber auch Umweltgifte ein Faktor sein. „Es gibt Studien aus den USA, die zeigen, dass Farmer, die eigenes Brunnenwasser konsumierten und dadurch mit Pestiziden in Berührung kamen, wahrscheinlicher erkrankten als Großstädter.“ Allerdings reiche dies allein als Erklärung nicht aus: „Denn 1817, als der Londoner Hausarzt James Parkinson die wesentlichen Symptome der Erkrankung entdeckte, gab es diese Pestizide nicht.“

Medikamente unterdrücken die Symptome erfolgreich

Wie wird Parkinson diagnostiziert? „Es gibt keine Laborwerte, keinen bildgebenden Befund. Diese Detektivarbeit ist es für mich, die den Fachbereich der Neurologie so spannend macht“, sagt Professor Urban, der in seiner Geburtsstadt Mainz studiert hat. Meist werde die Erkrankung über den L-Dopa-Test bestätigt. Dabei wird dem Patienten eine Testdosis eines typischen Parkinsonmedikaments verabreicht, das den Dopaminmangel ausgleicht. „Wenn wir sehen, dass dadurch das Zittern abnimmt und sich Gang und Schriftbild deutlich verbessern, dann unterstützt dies die Diagnose einer Parkinson-Erkrankung.“

Behandelt werde in der Regel mit Medikamenten, aber auch Physiotherapie, Ergotherapie, Musiktherapie und Logopädie (bei verwaschener Sprache) spielten eine entscheidende Rolle. „Dabei ist es natürlich wichtig, dass der Patient sich täglich 30 Minuten Zeit nimmt und die Übungen zuhause trainiert. Das muss ein Ritual sein wie Zähneputzen“, sagt der Mediziner, der mit seiner Frau, einer Richterin, drei Kinder hat.

Eine weitere, seltener genutzte Möglichkeit der Therapie sei die sogenannte tiefe Hirnstimulation, ein neurochirurgischer Eingriff, bei dem über ein Loch in der Schädeldecke zwei Sonden ins Gehirn eingesetzt werden. „Über einen Schrittmacher werden dann überaktive Nervenzellen gehemmt, der Tremor auf diese Weise unterdrückt.“

Antikörper sind ein neuer Ansatz in der Therapie

Überhaupt habe sich in der Forschung in den vergangenen Jahren viel getan, sagt der Chefarzt, der mit seinem Team in Barmbek jedes Jahr rund 4000 neurologische Patienten behandelt. In naher Zukunft rechne er mit Ergebnissen zur „Impfstrategie“: Diese richte sich gegen alpha-Synuclein, ein Eiweiß, das auch bei Gesunden in den Nervenzellen vorkommt, bei Parkinsonpatienten jedoch verklumpt und nicht mehr abgebaut werden kann.

Diese alpha-Synuclein-Aggregate werden von Zelle zu Zelle transportiert, wodurch die Krankheit fortschreitet. Antikörper sollen die Weitergabe verhindern. „Wir können Parkinsonpatienten schon jetzt sehr, sehr gut helfen, aber das ist ein viel versprechender Ansatz, um früh gegenzusteuern.“

Digitale Sprechstunde

„Die digitale Sprechstunde“ ist die erfolgreiche Gesundheits-Gesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Seit mehr als einem Jahr erklärt jede Woche ein Experte im Gespräch mit Vanessa Seifert ein Krankheitsbild, informiert über Vorsorge und Therapie. Die aktuelle Folge und alle bisherigen Episoden hören Sie kostenfrei auf www.abendblatt.de/digitale-sprechstunde/.

In der nächsten Folge am kommenden Donnerstag geht es aus aktuellem Anlass um Covid-19.