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Durch dünn und dick: Wer braucht schon Diäten?

Lesedauer: 7 Minuten
Laura Kosanke
Melodie Michelberger im Abendblatt- Podcast "Das Geschlecht der Anderen" über das Thema: "Kurvig, aber glücklich: Wer braucht schon Diäten?"

Melodie Michelberger im Abendblatt- Podcast "Das Geschlecht der Anderen" über das Thema: "Kurvig, aber glücklich: Wer braucht schon Diäten?"

Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Niemand braucht die, sagt Melodie Michelberger. Im Abendblatt-Podcast „Das Geschlecht der Anderen“ spricht sie über „Body Politics“.

Hamburg. Schön, gesund und diszipliniert – wer will das nicht sein? Autorin Melodie Michelberger (44) kritisiert, dass dünnen Menschen diese Adjektive zugesprochen werden, dicken aber nicht. Im Abendblatt-Podcast „Das Geschlecht der Anderen“ spricht sie über ihre Magersucht, den Schönheitswahn und ihren Fettaktivismus.

Hamburger Abendblatt: Warum hast du kein Problem damit, wenn dich andere Menschen „dick“ nennen?

Melodie Michelberger: Wow, gleich so eine Frage. „Dick“ war für mich viele Jahre ein Körperzustand, den ich unbedingt vermeiden wollte. Ich habe wirklich lange Zeit Diäten gehalten und sehr exzessiv Sport gemacht, um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich irgendwann sage, dass ich dick bin – und jetzt freue ich mich, dass mein Körper da ist und dass ich mich dick nenne. Im Endeffekt ist es nur ein Adjektiv. Aber in unserer Gesellschaft wird es meistens in einem negativen Kontext verwendet. Wir sagen nicht: „Mensch, du siehst ja gut aus. Du bist ja schön dick.“ Wir sagen: „Mensch, du bist ja schön schlank. Du hast ja abgenommen.“ Dadurch hat dieses Wort etwas extrem Negatives.

Bist du mit deinem Körper glücklich?

Auf jeden Fall. Ich froh, dass mein Körper immer noch da ist, dass er mich durch mein Leben begleitet und ich mit meinem Körper zusammen schöne Sachen erleben kann. Ich bin meinem Körper vor allem sehr dankbar.

Das war nicht immer so. In deinem Buch erzählst du, wie deine Mutter dir im Alter von sieben Jahren einen Rock ausreden wollte mit der Erklärung: „Dein Hintern ist dafür zu dick.“ Das hat dein Figurbewusstsein geprägt. Wieso?

Das war der erste Moment, in dem mir gesagt wurde, dass mein Körper ein Problem ist und es Kleidungsstücke gibt, die ich nicht tragen darf. Der Moment hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt, weil er ein Vorher und Nachher markiert: Davor war ich ein glückliches, selbstbewusstes, eher wildes Mädchen. Ich bin auf Bäume geklettert, habe mich mit meinen Brüdern geprügelt und nie darüber nachgedacht, dass mein Körper falsch aussieht und deshalb nicht richtig ist. Danach wurde ich meinem Körper gegenüber misstrauisch und habe gespiegelt bekommen, dass er nicht einfach nur Körper sein kann. Sondern dass ich aktiv etwas tun, ihn zu verändern muss, weil er zu dick ist.

Wenn du könntest, was würdest du deinem jüngeren Ich in diesem Moment mitgeben?

Ich würde dieses Mädchen umarmen und ihm sagen: „Geh deinen Weg und versuch, nicht auf das zu hören, was Andere dir sagen. Du bist gut genug, genauso wie du bist. Trag den Rock und trag alles andere, was du tragen willst. Warte nicht darauf, dass das schöne Leben losgeht, weil deine Figur einer bestimmten Form entspricht.

Der Schönheitswahn hat dich damals erst diät- und sportabhängig, dann magersüchtig gemacht. Wieso?

Auf der einen Seite waren da die Kommentare meiner Eltern oder meines Umfelds. Sie haben mir gesagt: „Du musst aufpassen! Du wirst zu dick.“ Der dicke Körper, das war etwas, was ich unbedingt vermeiden wollte. Das war ein Feindbild. Mit zwölf bin ich in die erste Diät reingerutscht. Meine Mutter und meine Tate hatten immer diese Wochenhefte für Frauen, auf denen immer irgendwelche Diäten auf dem Cover sind: „Drei Kilo in elf Tagen“ oder „Acht Kilo in neun Tagen“. Das war das Nonplusultra für mich, etwas Erstrebenswertes. Ich dachte, jede Frau muss so aussehen, um sich verlieben zu können oder einen bestimmten Job zu bekommen. Das Schönheitsideal hat mich zusätzlich belastet und meinen Eindruck verstärkt, dass ich genauso sein muss.

Wann hast du den Schlussstrich gezogen?

Ich wünschte, ich hätte irgendwann selbst einen Schlussstrich gezogen. Der Schlussstrich kam zu mir. Durch diese Dauerdiäten habe ich viele Jahre Raubbau an meinem Körper betrieben. Bis vor ein paar Jahren habe ich meine Essstörung nicht überwunden. Mein ganzer Tag drehte sich nur darum. Vor acht Jahren hatte ich dann einen Burnout. Das war eine sehr schwierige Zeit: Mein Freund hat Schluss gemacht. Ich habe meinen Job verloren. Alles war weg. Mein Therapeut hat immer wieder gefragt, für was ich meinem Körper dankbar bin. Irgendwann saß ich da und war total genervt, dass er mir schon wieder diese Frage gestellt hat. Dann meinte ich, dass ich eigentlich ganz schön dankbar bin, dass mein Körper immer noch da ist – obwohl ich so scheiße zu ihm war. Das war eine neue Perspektive auf meinen Körper und wie ich mit mir umgehe.

Daraufhin wurdest du Fettaktivistin. Ist dein offenes Dicksein eine Kampfansage?

Auf jeden Fall.

An wen?

An das Patriarchat, weil Frauen nach diesem Gedankengut das Beiwerk sind. Sie sollen schön sein. Und an das kapitalistische System. Das wäre ein riesiger Wirtschaftszweig, wenn von heute auf morgen 50 Prozent der Bevölkerung sagen würden: „Mir reicht es jetzt.“ Ich kaufe mir nicht irgendwelche Sachen, um meinen Körper zu optimieren.

Wer einen bestimmten Fettanteil überschreitet, sollte aber eine Diät erwägen. Sonst steigt das Risiko, an Diabetes, Asthma oder am Herzen zu erkranken.

Ich finde es spannend, dass ich immer wieder mit dem Thema Gesundheit konfrontiert werde. Ich glaube, in dem Moment, in dem Menschen nicht den ganzen Tag mit dem Gefühl durch den Tag gehen, dass sie falsch sind und etwas verändern müssen. In dem Moment gehen sie glücklicher und gesünder durchs Leben und geben dem Körper das, was er braucht. Natürlich gibt es Menschen, die ernähren sich nicht gesund. Aber es gibt genauso viele dicke Menschen, die sich genauso gut bewegen wie dünne Menschen. Ich würde mir wünschen, dass wir das loskoppeln: Nicht jeder dicke Mensch ist krank und nicht jeder dünne Mensch ist gesund.

Dann braucht niemand eine Diät?

Niemand. Jedenfalls nicht, um den Körper zu verändern. Klar, wenn jemand einer Krankheit entgegensteuern will, zum Beispiel Gicht… Das meine ich nicht. Ich meine Diäten wie „Drei Kilo in fünf Tagen“ oder „Acht Kilo in neun Tagen“. Die Diäten brauchen wir nicht. Es gibt keine einzige Diät auf der Welt, die so funktioniert – sonst würde es nicht jeden Tag neue Diäten geben.

Die offizielle Buchpremiere findet am Dienstag, den 16. Februar, online statt. Zeise Kinos ist der Veranstalter. Anmeldungen auf www.zeise.de/film/2465.