Wissenschaft

100 Fragen des Lebens: Was ist Freiheit?

Ein Historiker und ein Philosoph von der Universität Hamburg sprechen über Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Handelns.

Hamburg. Freiheit – ein großes Wort, das gern in Schlagern vorkommt oder Gedichten. Aber was bedeutet der Begriff in Zeiten von Handy und Internet? Und wie hat er sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt? Waren die Menschen früher unfreier als heute? Und müssen wir politische Freiheit derzeit besonders verteidigen? Der Historiker Prof. Markus Friedrich und der Philosoph Stephan Schmid geben Antworten.

Alle Menschen streben nach Freiheit, das eint uns in westlichen Gesellschaften. Aber was bedeutet Freiheit? Der Begriff reicht von der Meinungsfreiheit über die Willensfreiheit bis zur Wissenschaftsfreiheit oder Religionsfreiheit. Ganz klassisch bedeutet es wohl erst einmal, ohne Zwang handeln und zwischen mehreren Möglichkeiten wählen zu können, oder?

Stephan Schmid: Ja, das ist ein erster guter Schuss. Um Freiheit geht es immer dann, wenn Menschen die Fähigkeit haben zu handeln, aber die Frage ist, ob sie auch die Möglichkeit dazu besitzen. Da gibt es mehrere Beschränkungen. Politische Freiheit wird begrenzt, wenn es an Rechten fehlt. Handlungsfreiheit wird beschränkt, wenn es an physischen Fähigkeiten fehlt, also weil jemand beispielsweise gefesselt ist.

Muss man nicht auch innere und äußere Freiheit unterscheiden? Es gibt ja äußere Faktoren, die unsere Freiheit beschränken, aber sind wir auch innerlich unfrei?

Schmid: Ja. In der Philosophie findet das seine Entsprechung in der Unterscheidung zwischen Handlungs- und Willensfreiheit.

Markus Friedrich: Wobei sich die Vorstellung von der Innerlichkeit des Menschen in der Geschichte sehr verändert hat. Das, was wir unter dem Selbst, dem Subjekt, verstehen, hat es in historischer Perspektive nicht immer so gegeben, wie das für uns heute selbstverständlich erscheint.

"Das war ein Auf und Ab"

Nicht?

Friedrich: Die Vorstellung, dass der Mensch ein nur auf sich selbst bezogenes Individuum sei, das frei entscheiden könne und nur sich selbst gegenüber Rechenschaft schuldig ist, hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. In den vergangenen 500 Jahren hat sich die Vorstellung dramatisch verändert. Die Losung „Du musst sein, wer du wirklich bist“ verbindet sich für uns heute eng mit dem Begriff der Freiheit. Selbstverwirklichung ist aber eine Kategorie, die Menschen früher nicht zugänglich war.

Stark verändert hat sich historisch auch die Frage, was Zwänge sind und wie sie bewertet werden, welche Zwänge als dramatisch empfunden werden und welche nicht. Heutzutage ist die Toleranzschwelle dafür ja sehr niedrig.

War sie früher höher?

Friedrich: Das war ein Auf und Ab. Wenn man über Freiheit spricht, muss man erst einmal definieren, was überhaupt als Zwang empfunden wurde.

Wie frei waren Menschen denn vor 500 Jahren? Wie wurden Zwänge empfunden, und welche Zwänge gab es objektiv?

Friedrich: Man darf sich die Geschichte nicht als Einbahnstraße vorstellen, nach dem Motto: Früher waren die Menschen objektiv unfrei, weil es Sklaverei oder Leibeigenschaft gab, und heute sind die Menschen frei. Das wäre viel zu einfach. Manche Prozesse, die uns Freiheitsräume beschert haben, brachten uns zugleich Unfreiheit. Entwicklungen, die uns beispielsweise Meinungs- oder Pressefreiheit beschert haben, hängen zusammen mit der Entstehung und Ausgestaltung des Staates, der an anderen Stellen wiederum Beschränkungen mit sich brachte. So ist die Regulierung heute in vielen Bereichen sehr viel größer als vor 500 Jahren. Tatsächlich leben wir im durchreguliertesten Zeitalter, das es jemals gab. Nie bestanden in Politik und Wirtschaft so viele Gesetze, Normen und Praktiken. Es gab also dialektische Prozesse, die auf der einen Seite mehr Freiheit und auf der anderen mehr Unfreiheit mit sich brachten.

Bauern mit vielen Rechten

Wobei die Leibeigenschaft beispielsweise die Freiheit doch stark eingeschränkt hat, oder?

Friedrich: Innerhalb der Leibeigenschaft wurde viel verhandelt, das Konzept war flexibler, als wir es uns lange vorgestellt haben. Die Bauern hatten im späten Mittelalter und der Frühen Neuzeit viele Rechte und auch Möglichkeiten, diese Rechte wahrzunehmen und Widerstand zu artikulieren.

Schmid: In politischer Hinsicht hatten die Leibeigenen wenig Freiheit, weil sie wenig Rechte hatten. Aber in anderer Hinsicht hatten sie große Freiheiten, weil die Rechte beispielsweise nicht durchgesetzt wurden oder es keine Polizei gab. Heute hat eine Arbeiterin, die dem freien Markt ausgesetzt ist, bestenfalls alle Rechte dieser Welt, aber das hilft ihr nicht, wenn sie in der Realität keine Möglichkeit hat, diese Rechte durchzusetzen.

Welche Rolle spielen denn ökonomische Bedingungen für Freiheit?

Schmid: Armut ist insofern ein Problem, als es die Wahrnehmung von bestimmten Freiheiten oder Rechten unterminieren kann, die man den Menschen eigentlich zubilligen möchte. So fehlen die ökonomischen Möglichkeiten, diese Rechte auch wahrzunehmen.

Friedrich: Historisch gibt es die Vorstellung, dass der Verzicht auf Reichtum, also der Rückzug aus der Welt, die Freiheit erhöht – wie im Mittelalter beispielsweise bei Franziskus. Da geht es aber nicht um Selbstverwirklichung im modernen Sinne, sondern die Freiheit von weltlichen Bindungen dient der Unterwerfung unter Gott. So wurden in der längsten Phase der abendländischen Geschichte Freiheit und Unterwerfung nicht unbedingt als Gegensatz verstanden.

Wie hat sich der Freiheitsbegriff im Laufe der Jahrhunderte entwickelt? Heute denkt man da ja in der Tat schnell an Selbstverwirklichung.

Friedrich: In der Geschichte war nicht unser heutiger Begriff von Freiheit als ein universelles Gut vorherrschend. Stattdessen war Freiheit immer auf bestimmte Segmente bezogen. Deshalb war von Privilegien – als einzelnen Rechten für bestimmte Gruppen – die Rede und das Zusammenleben war von Hunderten dieser einzelnen Rechte geprägt. Eine universelle Vorstellung von Freiheit setzt sich erst in der Frühen Neuzeit, vermutlich in der Aufklärung, flächendeckend durch.

Schmid: Freiheit war zunächst ein Privileg weniger, ohnehin nur von Männern. Ausgehend von der politischen Freiheit differenzierte sich der Begriff aus. In der Spätantike im Übergang zum Mittelalter wurde der Freiheitsbegriff internalisiert, plötzlich wurde Willensfreiheit ein Thema – die Instanz in uns drin, die sich frei entscheidet.

Es geht um den Willen

Erst ging es also mehr um äußere, heute eher innere Freiheit?

Schmid: Ja, aber das klingt so, als sei innere Freiheit ein Lifestyle-Problem, wenn alle externen Zwänge überwunden sind. Dagegen spricht, dass sich schon im Mittelalter Vorstellungen von der inneren Freiheit entwickeln. Man begann sich zu fragen, welche Bedingungen für äußere Freiheit erfüllt sein müssen. Etwa so: Äußere Freiheit gibt es nur, wenn wir Rechte haben, aber diese Rechte muss man auch ausüben können. Dafür müssen wir uns entscheiden können – und da kommt man auf den Willen.

Friedrich: Die Frage der inneren Freiheit war viele Jahrhunderte lang sehr virulent, im religiösen und moralphilosophischen Sinne. Im Reformationszeitalter ging es darum, wie die Freiheit zu Gott theologisch zu denken ist und ob sich daraus politische, soziale und weltliche Konsequenzen ergeben. Für die Menschen früher war es kein Lifestyle-Problem, ob sie innerlich frei sind, sondern da hing das Seelenheil dran.

Menschen wollen frei sein zu tun, was sie möchten. Aber die Frage ist, woher diese Wünsche stammen und ob sie uns nicht vorgegeben werden, beispielsweise durch Werbung oder Moden oder unsere Mitmenschen. Woher wissen wir, wann unsere Wünsche authentisch sind?

Friedrich: Ich sehe nicht, dass der Mensch entweder nur frei ist oder nur beeinflusst wird. Es gibt natürlich starke äußere Einflüsse – Werbung, Medien und viele andere. Die äußeren Einflüsse bestimmen nach meiner Vorstellung die Grenzen des Spielfeldes. Aber auf diesem Spielfeld hat dann jeder die Möglichkeit, unterschiedlich zuzugreifen. Jeder ist durch Werbung beeinflusst, aber der eine kauft ein Produkt und der andere nicht. Das ist in gewissem Sinne eine Manifestation von Freiheit.

Schmid: Authentische Wünsche – darunter kann man Wünsche verstehen, die zu mir passen. Wann ist das der Fall? In der Philosophie gibt es den Vorschlag: Was eine Person ausmacht, ist das, was diese Person über sich und ihr Leben in ihrer Geschichte erzählt. Das Narrativ, das ich mir zu meinem Leben zurechtlege. Ein Wunsch passt also zu mir, wenn ich ihn auf plausible Weise in meine Lebensgeschichte einfügen kann. Natürlich werden gewisse Wünsche durch Werbung induziert. Das heißt aber nicht automatisch, dass dieser Wunsch deswegen nicht authentisch ist, wenn ich diesen durch Werbung hervorgerufenen Wunsch auf kohärente Weise in meine Lebensgeschichte einfügen kann.

Heute haben immer mehr Menschen das Gefühl, dass sie beispielsweise das Handy eigentlich unfrei macht. Sind wir wirklich frei, wenn riesige Internetunternehmen immer mehr über uns wissen und unsere Wünsche durch Algorithmen steuern?

Schmid: Erst mal wird die Werbung durch Algorithmen gesteuert, ob die Wünsche das dann auch werden, liegt an uns selbst. Wichtig wäre, den Menschen beizubringen, kritisch mit diesen Angeboten umzugehen und zu lernen, dass man sich nicht alles, was angeboten wird, als Wunsch zu eigen machen muss.

Was ist mit dem Spannungsverhältnis von Freiheit und Sicherheit? Immer wieder gibt es den Impuls, die Freiheit zugunsten der Sicherheit einzuschränken.

Schmid: Sicherheit ist wichtig, um die Verwirklichung von Freiheit zu ermöglichen. Politische Freiheit wird durch Rechte garantiert. Man braucht die Möglichkeit, diese Rechte wahrzunehmen. Damit man das kann, braucht es einen Rahmen, der durch Sicherheit gegeben wird. Wenn ich nirgendwohin gehen kann, weil ich Angst habe, Opfer eines Anschlags zu werden, dann unterminiert das meine Freiheit. Also: Wir brauchen Sicherheit als Rahmen dafür, um gewisse Rechte wahrzunehmen. Die interessante Frage ist: Wie garantieren wir diese Sicherheit, ohne zu viele der Rechte zu beschränken, die uns politische Freiheit verschaffen? Es kommt auf das Maß an.

Friedrich: Bei solchen Abwägungen wird immer eine Hierarchie der Werte gesetzt. Wie viel Freiheit, wie viel Sicherheit, was ist jetzt gerade wichtiger? Das entscheiden Gesellschaften jedoch unter ihren jeweiligen Rahmenbedingungen für sich unterschiedlich. Das kann nicht am Reißbrett entwickelt werden.

Freiheit ist ideengeschichtlich auch als die Freiheit verstanden worden, das moralisch Richtige zu tun – zum Beispiel von Immanuel Kant.

Schmid: Absolute Entscheidungsfreiheit gilt vielen als Kern aller Freiheiten. Egal, wie viele gute Gründe ich für etwas habe, ich kann immer das Gegenteil davon tun. Dagegen wendet sich Kant. Echte Freiheit besteht für ihn eben nicht darin, gegen alle Vernunft zu handeln, sondern aus Einsicht in die guten Gründe das Richtige zu tun.

Wir glauben heute, dass unsere Freiheit da endet, wo die des Nächsten beginnt.

Friedrich: Das klingt zwar plausibel, löst aber im Einzelnen das Problem nicht. Denn wann beginne ich, Ihre Freiheit zu beschränken?

Vielleicht, wenn ich Nichtraucherin wäre und Sie in meiner Gegenwart rauchen würden.

Friedrich: Und wenn Sie Nicht-Wassertrinkerin wären und ich würde in Ihrer Gegenwart Wasser trinken?

Dann nicht, denn das würde mich ja nicht körperlich beeinträchtigen.

Friedrich: Aber welche Rolle soll der Körper für die Bestimmung von Freiheit haben? In meinen Augen ist das nicht eindeutig und grundsätzlich festgelegt, denn für die Frage, wo die Freiheit des einen endet und die des Nächsten beginnt, gibt es keine klaren, von vornherein geltenden Kriterien. Was ist beispielsweise mit der Freiheit der nächsten Generation? Ich finde diese Faustregel zwar plausibel, aber inhaltsleer. Weil sie so tut, als wüssten wir, wo die Grenze zwischen der Freiheit des einen und des anderen ist.

Muss politische Freiheit derzeit besonders verteidigt werden?

Friedrich: Es gibt schon eine Reihe von konkreten Freiheiten, die ich verteidigt sehen möchte – die Meinungsfreiheit beispielsweise oder die Freiheit von Homosexuellen. Mindestens ebenso wichtig, wie den Katalog vieler einzelner Freiheiten zu verteidigen, finde ich es aber, dass wir die freie Debatte verteidigen, in der wir uns darüber verständigen, welche Freiheiten uns wichtig sind. In unserer westlichen Welt haben wir die Möglichkeit, offen und ohne physischen Zwang darüber zu reden, ob es beispielsweise die Freiheit zur Abtreibung geben sollte oder die Freiheit, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Was wir verteidigen müssen, ist vor allem auch unsere Art und Weise, darüber nachzudenken, was wir als Freiheit sehen und wo wir Kompromisse schließen wollen.

Schmid: Freiheit verteidigen heißt zweierlei: das Set an Freiheiten oder Rechten verteidigen, für die wir lange gestritten haben, aber auch die Bedingungen zu verteidigen, unter denen es erst möglich ist, sie wahrzunehmen. Aber so, dass man nicht beispielsweise Freiheit und Sicherheit gegeneinander aufwiegt. Man muss verstehen, dass beides nur im Paket zu bekommen ist und wir beides verlieren, wenn wir anfangen, das eine gegen das andere auszuspielen.

Die Experten

Prof. Dr. Markus Friedrich ist Professor für Europäische Geschichte und seit 2013 an der Universität Hamburg. Sein Schwerpunkt liegt auf der Frühen Neuzeit, gemeinhin definiert als Zeit zwischen der Entdeckung Amerikas 1492 und der Französischen Revolution 1789. Er interessiert sich besonders für Religionen und die Entwicklung des Christentums in dieser Phase sowie für Wissensgeschichte.

Prof. Dr. Stephan Schmid ist seit 2016 Professor für Philosophiegeschichte an der Universität Hamburg. Sein Schwerpunkt liegt im Bereich der Philosophie des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Besonders interessiert sich der 37-Jährige für Themen der Metaphysik und der Erkenntnistheorie.