Abendblatt-Serie

100 Fragen des Lebens: Können wir das Klima beherrschen?

Ein Umweltökonom und ein Klimaforscher sprechen darüber, wie sich der Anstieg der Erderwärmung begrenzen lässt.

Hamburg. Um höchstens zwei Grad soll sich die Erde noch erwärmen, wohlgemerkt im Vergleich zur vorindus­triellen Zeit – darauf hatte sich die globale Staatengemeinschaft 2015 in Paris geeinigt. Dieses Ziel sei nicht ambitioniert genug, erklärten vor Kurzem Hunderte Klimaforscher. Bei einer Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad würden wahrscheinlich nahezu alle Korallenriffe weltweit absterben, das grönländische Eis und Teile des antarktischen Eises würden unwiederbringlich verloren gehen. Die Erde dürfe sich möglichst nur noch um maximal 1,5 Grad erwärmen. Um das zu erreichen, seien „nie da gewesene“ Maßnahmen nötig. Aber: Wie weit reicht unser Einfluss, wozu sind wir technisch und sozial in der Lage? Es gibt durchaus Grund für Optimismus, sagen die Forscher Grischa Perino und Detlef Stammer.

Unsere Stadt erlebte in diesem Sommer eine ungewöhnlich starke und lange Hitzewelle. Solche Belastungen könnten durch den Klimawandel zunehmen. Macht Ihnen das Angst?

Grischa Perino: Früher waren solche Sommer in Hamburg und Norddeutschland nicht zu erwarten. Die jüngsten Ereignisse lassen sich nicht ignorieren. Es wird nicht bei diesem einen Super-Sommer bleiben.

Detlef Stammer: Man sollte eigentlich nicht zu viel Angst haben und zu viel über Angst sprechen. Aber diese Phänomene müssen uns zu denken geben. Anderswo kommt es etwa zu Waldbränden in Folge von Hitze und Trockenheit. Und es gibt vieles mehr, was mit der globalen Erderwärmung zusammenhängt – das sind tatsächlich Ereignisse, die mir Angst machen.

Das Klima wird oft mit dem Wetter verwechselt. Worin besteht der Unterschied?

Stammer: Das Klima ist etwas sehr Langfristiges – im Gegensatz zum Wetter, mit dem der kurzfristige Zustand der Atmosphäre gemeint ist. Eigentlich muss man von einem Klimasystem sprechen, zu dem die Atmosphäre, der Ozean, das Eis und die Erdoberfläche gehören, einschließlich ihrer statistischen Eigenschaften. In diesem Klimasystem gibt es bei der globalen Durchschnittstemperatur eine eindeutige Entwicklung: Es ist schon heute fast ein Grad wärmer als vor der Industrialisierung.

Der Weltklimarat spricht von einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit, dass die Erderwärmung überwiegend vom Menschen gemacht ist. Bedeutet das nicht auch, der Mensch kann die Erderwärmung wieder rückgängig machen?

Stammer: Der Mensch kann dazu beitragen, die Erderwärmung abzuschwächen. Aber das Klima lässt sich von uns nicht beherrschen, sondern nur beeinflussen. Bisher bestand dieser Einfluss des Menschen hauptsächlich darin, Kohlendioxid (CO2) auszustoßen. Die erhöhte Konzentration von CO2 in der Atmosphäre und der dadurch verursachte Treibhauseffekt sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass wir eine globale Erderwärmung erleben.

Was Sie sagen, bedeutet im Umkehrschluss: Je weniger CO2 sich in der Atmosphäre befände, desto geringer wäre der Treibhauseffekt. Können wir nicht einfach CO2 herausnehmen?

Stammer: Es gibt bisher nur Pilotversuche, um Treibhausgase wie CO2 wieder einzufangen und damit zu sogenannten negativen Emissionen zu kommen. Am vielversprechendsten erscheint es derzeit, CO2 direkt bei der Erdölgewinnung, der Erdgasproduktion und aus Abgasen von Kraftwerken aufzufangen und es dann in den Boden zurückzupumpen. Diese als Carbon Capture and Storage (CCS) bezeichnete Technik ist allerdings umstritten, weil wir bisher nicht genau wissen, wie sich das dauerhaft unterirdisch gespeicherte CO2 im Boden auswirkt.

Es gibt auch den Ansatz, den Ozean mit bestimmten Stoffen anzureichern, sodass er mehr CO2 aufnehmen könnte. Was ist davon zu halten?

Stammer: Der Ozean nimmt ohnehin schon viel CO2 auf. Hätten wir den Ozean und die Landoberfläche nicht, gäbe es 50 Prozent mehr CO2 in der Atmosphäre und 50 Prozent mehr Erderwärmung. Wir wissen, dass allein durch das bisher aufgenommene CO2 der ph-Wert des Ozeans sinkt. Das heißt, der Ozean wird immer saurer, der Sauerstoffgehalt nimmt ab, mit negativen Folgen für viele Organismen. Es gibt die Idee, CO2 einzufangen, indem man das Wachstum von Plankton anregt, das CO2 speichert. Das hieße aber auch, dass im Ozean mehr Nährstoffe und Sauerstoff verbraucht werden. Wie sich das auswirkt, müssen wir durch Forschungen überhaupt erst einmal verstehen. Die Konsequenzen können immens sein, nicht nur lokal, sondern global.

Perino: Es gibt weitere Ansätze, Treibhausgase einzufangen. Man baut Pflanzen an für die Energiegewinnung, die während des Wachstums der Atmosphäre CO2 entziehen. Beim Verbrennen würde dieses wieder freigesetzt. Um das zu verhindern, soll das CO2 aus den Abgasen herausgefiltert und dann irgendwo deponiert werden.

Können wir nicht einfach viele Bäume pflanzen, die ja CO2 aufnehmen und in Sauerstoff umwandeln?

Stammer: Im Prinzip ja – und das würde auch helfen, der Atmosphäre CO2 zu entziehen. Aber Berechnungen zufolge kann dieser Effekt nie so stark werden, dass er alleine ausreichen würde, um den Anstieg der globalen Erderwärmung stark zu begrenzen.

Perino: Sehr viel kurzfristiger wirken würde es womöglich, wenn man gezielt reflektierende Partikel in der Stratosphäre freisetzen würde, um die Sonneneinstrahlung zu reduzieren und die Erde künstlich zu kühlen. Ob das funktioniert, muss sich aber auch erst durch Forschungen noch herausstellen. Dieser Ansatz geht stärker in die Richtung, das Klima zu beherrschen.

Alle Eingriffe, die Sie beide beschreiben, bezeichnet man im weitesten Sinne als Geoengineering. Kommen wir überhaupt ohne solche Maßnahmen aus, um den Anstieg der Erderwärmung nennenswert zu begrenzen?

Perino: Nein, zumindest ohne die Rückgewinnung von CO2 wird es nicht funktionieren. Bereits in den Szenarien des Weltklimarats, die darauf abzielen, die Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, sind negative Emissionen schon berücksichtigt.

Stammer: Wenn wir ein 1,5-Grad-Ziel erreichen wollen, bekommen wir das erst recht nicht hin, ohne aktiv CO2 aus der Atmosphäre zu entziehen. Das gilt umso mehr, weil der CO2-Ausstoß derzeit überhaupt nicht sinkt, sondern vielmehr derart weiter zunimmt, dass es ohne zusätzliche Maßnahmen höchstens gelingen würde, die Erwärmung auf 2,5 oder drei Grad zu begrenzen.

Die Experten

Detlef Stammer ist Physikalischer Ozeanograph und Klimaforscher. Er arbeitet an Aspekten der Klimavariabilität und von Klimavorhersagen. Nach seinem Studium in Kiel und Honolulu promovierte er in an der Universität Kiel und forschte danach am Massachusetts Institut of Technologie (MIT) in Cambridge und an der Universität von Kalifornien in San Diego. 2003 kam er an die Universität Hamburg, wo er seit 2011 Direktor des universitären Forschungszentrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit ist.
Grischa Perino ist Umweltökonom und erforscht insbesondere die Wirkung verschiedener klimapolitischer Instrumente. Er studierte Volkswirtschaftslehre in Bonn, Freiburg und am University College London und promovierte in Heidelberg. Danach lehrte er an der University of East Anglia und der University of Cambridge in Großbritannien, bevor er 2013 einem Ruf an die Universität Hamburg folgte.

Warum ist der CO2-Ausstoß weiterhin so hoch?

Stammer: Wir haben zum Beispiel unsere Braunkohleverbrennung noch nicht abgeschafft, die eine der größten Dreckschleudern ist. Der Verkehr wächst, basiert aber weiterhin hauptsächlich auf Verbrennungsmotoren.

Perino: Die Weltwirtschaft produziert sowohl Güter als auch Wohlstand. Geschieht dies weiterhin mit alten Technologien, wird der CO2-Ausstoß zunehmen. Kohlekraftwerke durch Windkraft zu ersetzen, das funktioniert nur schrittweise. Wir können derzeit zwar Atomkraftwerke abschalten, aber nicht gleichzeitig auch noch sämtliche Kohlekraftwerke, sonst lässt sich unsere Energieversorgung nicht gewährleisten. Es bleibt noch viel zu tun.

Was müssen wir noch tun?

Perino: Wir sollten stärker auf öffentliche Verkehrsmittel und Elektroautos setzen und das Fahrradfahren fördern. Wir müssen sparsamer mit Energie umgehen. Wir sollten unseren Fleischkonsum erheblich reduzieren, weil Rinder, Schweine und Hühner eine ganze Menge Methan produzieren, das wie CO2 zum Treibhauseffekt beiträgt. Grundsätzlich sollten wir stärker darüber nachdenken, was ein gutes Leben für uns ausmacht, was wir dafür wirklich brauchen – und worauf wir verzichten können.

Aber wir stellen doch schon so vieles um und vollziehen in Deutschland die Energiewende.

Stammer: Wir sind dabei, aber solange wir nicht fertig sind, geht das mit den Emissionen so weiter. Und das betrifft ja nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt.

Perino: Ein Kernproblem des Klimawandels ist, dass mehrere Milliarden Menschen gleichzeitig zur globalen Erderwärmung beitragen. Selbst wenn Deutschland es schaffen würde, CO2-neutral zu leben, wäre der Effekt global gesehen sehr klein. Die große Frage ist: Wie schaffen wir es, dass alle Menschen etwas gegen den Klimawandel tun?

Stammer: CO2 bleibt sehr lange in der Atmosphäre. Selbst wenn wir gar kein CO2 mehr ausstoßen, wird die Erderwärmung zunächst zunehmen, der Meeresspiegel wird weiter steigen, die Polkappen werden stärker abschmelzen. Es wird wohl noch über Jahrhunderte zu Veränderungen kommen, als Reaktion auf das, was bisher passiert ist. Deshalb müssen wir als Gesellschaft bedenken: Was immer wir heute tun, es hat langfristige Konsequenzen.

Was entgegnen Sie jemandem, der sagt: Es hat doch eh keinen Zweck mehr?

Stammer: In Deutschland haben wir immerhin schon ein Drittel unserer Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umgestellt. Auch in China gibt es eine starke Bewegung hin zu alternativen Energien. Viele Staaten denken darüber nach. Das sind gute Nachrichten.

Perino: Wir könnten alle Autos verbieten, die Verbrennungsmotoren haben. Aber noch würden viele Menschen sagen: Das ist es uns nicht wert. Wenn wir künftig allerdings überdenken, was bisher unumstößlich schien, haben wir eine gute Chance.

Stammer: Schon in fünf Jahren kann viel Gutes passieren. Vor Kurzem gab es etwa die Nachricht, dass in Cottbus die Stadtwerke auf Braunkohle verzichten und bis 2022 ein Gaskraftwerk bauen wollen. Das macht mich optimistisch. Käme es auch an einigen anderen Orten zu solchen Entscheidungen, könnte es unter Umständen sehr schnell gehen mit dem Verzicht auf Braunkohle in ganz Deutschland.