Abendblatt-Serie

100 Fragen des Lebens: Was ist Schicksal?

Keine Folge mehr verpassen - jetzt kostenlos abonnieren auf:

In diesem Teil geht es darum, ob wir unser Leben selbst gestalten oder eine höhere Macht das Sagen hat. Ist am Ende alles Zufall?

Hamburg. Liegt der Verlauf unseres Lebens in unseren eigenen Händen – oder in der einer höheren Macht? Ist etwa alles vorherbestimmt, was uns widerfährt? Mit dem Schicksal jedenfalls fühlen sich die meisten Menschen konfrontiert, wenn etwas Schlimmes passiert oder der Tod naht, wissen die Medizinethikerin Dr. Katharina Woellert und der Buddhismus-Experte Prof. Michael Zimmermann.

Glauben Sie persönlich an das Schicksal?

Prof . Michael Zimmermann: Eigentlich nicht. Ich denke, auch wenn man teilweise von anderen Menschen abhängt, liegt unser Leben weitgehend in unseren eigenen Händen. Vielleicht ist manchmal Glück dabei, aber an ein vorgegebenes Schicksal glaube ich nicht

Frau Dr. Woellert, Sie sind als klinische Ethikern am UKE tätig. Wie begegnet Ihnen das Schicksal in Ihrem Alltag?

Dr. Katharina Woellert: Die Patienten, die bei uns versorgt werden, sind häufig mit schweren medizinischen Problemen konfrontiert. In solchen Situationen stellt sich uns als Menschen die Frage, ob das ein schicksalhaftes Ereignis ist, und wir müssen dazu eine Haltung entwickeln. In allem Bemühen um Heilung spielt oft das Schicksalhafte eine Rolle, auch weil vieles außerhalb des eigenen Einflussbereiches liegt oder nicht ganz zu verstehen ist. Bei meiner Tätigkeit in der Beratung der Patienten geht es immer um die Leitfrage: Was soll ich tun? Das verbinden viele mit: Soll ich mich meinem Schicksal fügen oder soll ich es in meine Hand nehmen?

Was ist denn überhaupt Schicksal?

Woellert: Für mich ist das Schicksal das Unverfügbare – das, was außerhalb unseres Einflussbereiches liegt. Dahinter stehen unterschiedliche Vorstellungen von der Macht, die über das Unverfügbare regiert. Im Gesundheitsbereich stellt sich die Frage, inwieweit Gesundheit oder Krankheit etwas mit Schicksal zu tun haben oder ob wir sie maßgeblich beeinflussen können.

Immerhin die Hälfte der Deutschen glaubt einer Umfrage zufolge an das Schicksal. Die Macht, die unsere Lebenswege lenkt – damit verbinden viele religiöse Vorstellungen.

Zimmermann: Ja. Wenn es um das geht, was außerhalb unseres Einflusses liegt, kommen wir schnell in den Bereich der Religion. Jede Religion versucht ja, eine Antwort auf genau diese Fragen zu geben: Warum passiert etwas? Warum passiert es mir? Die höhere Macht kann göttlich sein, im Buddhismus gibt es das jedoch nicht, da geht es eher um das, was wir als Karma bezeichnen.

Erklären Sie das mal kurz.

Zimmermann: Karma beschreibt, dass alles eine Ursache und eine Wirkung hat. Alles, was wir als Gutes empfangen oder als Schlechtes erleiden müssen, hat eine Ursache in der Vergangenheit – in früheren Leben, an die wir uns nicht erinnern können. Was wir jetzt tun, beeinflusst unsere Zukunft – vielleicht in einem späteren Leben. Auch andere Religionen wie das Christentum und der Islam versuchen, Antworten zu geben auf diese großen Lebensfragen.

Die vielen Todesfälle in der amerikanischen Präsidentenfamilie Kennedy, die manchen als Fluch erscheint; der Lastwagenfahrer, der wenige Meter vor der eingestürzten Brücke in Genua mit seinem Fahrzeug zum Stehen gekommen ist – ist das Schicksal oder Zufall? Ist der Schicksalsglaube vielleicht nur eine Überhöhung des Zufalls?

Woellert: Es gibt Phänomene, die können wir zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht verstehen, wir können aber von der Annahme ausgehen, dass sie grundsätzlich verstehbar sind. Das treibt ja beispielsweise die Medizin an. Sie geht davon aus, dass alles oder zumindest sehr vieles möglich ist, auch wenn wir derzeit noch nicht genau wissen, wie. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Es gibt etwas, das unverfügbar bleiben wird. Zu dem müssen wir eine Haltung entwickeln.

Zimmermann: Mal rein als Ideengeschichtler gesprochen: Wenn Sie die ersten Schriften des Buddhismus studieren, die schon in vorchristlicher Zeit entstanden sind, ist in ihnen stärker von Zufall, Wahrscheinlichkeiten und naturwissenschaftlichen Erklärungsansätzen die Rede: Wenn du zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort gehst, ist es wahrscheinlich, dass dir dies oder jenes widerfährt. In der späteren Entwicklung des Buddhismus wird mehr und mehr mit Karma argumentiert, sodass am Ende kaum noch etwas karmisch unbedeutsam wäre. Da gibt es eine Hinwendung zum Schicksal. Religionswissenschaftlich ist es interessant, dass die Schicksalsgläubigkeit zugenommen hat.

Entbindet uns der Glaube an die Schicksalhaftigkeit ein Stück weit auch von der Notwendigkeit, unser Leben selbst zu gestalten?

Zimmermann: Im Buddhismus gibt es einen radikalen Weg: Sie können jederzeit aus ihrem alltäglichen Leben aussteigen und Mönch oder Nonne werden, alles hinter sich lassen und nach dem Erwachen streben, nach dem Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburt. Das wäre der Ausstieg aus dem Schicksal.

Ist es für Menschen ein tröstlicher Gedanke, im Schicksal geborgen zu sein oder ein beängstigendes Gefühl des Ausgeliefertseins?

Zimmermann: Eher tröstlich. In Thailand gibt es eine Fernsehsendung, in der die Zuschauer Mönche danach fragen können, warum ihnen oder ihren engsten Angehörigen etwas Bestimmtes widerfahren ist. Dann erklärt der Mönch, das liegt daran, dass diese Person vor 300 Jahren in einem anderen Leben dieses oder jenes getan hat. Ich glaube, das hat eine sehr beruhigende Wirkung. Ob es stimmt oder nicht, es hat einen tröstlichen Effekt. Das ist im Christentum, im Islam und im Hinduismus nicht gänzlich anders. Der Mensch braucht Modelle, mit denen er sich das erklären kann, was ihm widerfährt.

In der antiken Sagenwelt, in den Geschichten von Ödipus oder Odysseus, scheinen die Protagonisten in ihren Handlungen frei und unternehmen alles, um ihrer schicksalhaften, von Orakeln prophezeiten Bestimmung zu entkommen, nur um dann gerade durch ihr Handeln dieses Schicksal selbst zu verwirklichen. Das zeigt, wie alt die Befassung mit dem Spannungsverhältnis zwischen Schicksal und freiem Willen ist.

Zimmermann: Das stimmt. Im frühen Buddhismus gibt es immer diesen Doppelaspekt: Einige Dinge kann man erklären, andere sind schicksalhaft. Mitgedacht war also auch die Idee, dass wir unser Leben selbst gestalten und bestimmen können.

Und heute? Ist alles Schicksal, oder kann man seinen eigenen Lebensweg maßgeblich beeinflussen?

Woellert: Etwas holzschnittartig gesehen, gibt es drei Möglichkeiten: Ich bin meinem Schicksal ausgeliefert wie an eine über mich herrschende Macht. Die zweite: Ich kann mein Schicksal zwar nicht ändern, aber es steht in meiner Macht, mich dazu zu verhalten, und dadurch stehen mir verschiedene Optionen offen. Die dritte Möglichkeit besteht darin, das vermeintliche Schicksal als eine Herausforderung zu begreifen und als Aufforderung, das, von dem ich noch nicht weiß, wie ich es ändern kann, zu ergründen. Ich persönlich mag nicht entscheiden, welche die richtige ist. Mir begegnet das in meinem Beruf, wenn Menschen mit einer schweren Diagnose konfrontiert sind und sich fragen, welche Therapie sie nutzen möchten angesichts der Belastung, die damit verbunden ist. Die Frage, wie man sich als schwer erkrankter Mensch begreift, spielt mit den Möglichkeiten, das Unveränderbare hinzunehmen, aber gleichzeitig seine eigene Haltung zu entwickeln.

Wie beraten Sie in so einer Situation?

Woellert: Manchmal wendet sich ein Behandlungsteam, manchmal aber auch Angehörige der Patienten an mich mit der Fragestellung: Was ist hier das moralisch Richtige im Hinblick auf das, was medizinisch möglich ist? Zum Beispiel bei lebenserhaltenden Maßnahmen im fortgeschrittenen Stadium einer schweren Krankheit, weiteren Formen von Chemotherapie oder Operationen, deren Erfolgsaussicht ungewiss ist, die aber mit starken Belastungen verbunden sein dürften. Da stellt sich Ärzten, Patienten und deren Angehörigen die Frage: Ist das noch richtig, was wir hier tun? Das ist der Moment, in dem auch das Schicksalhafte ins Spiel kommt und die Frage, ob wir uns an dem, was das Schicksal uns vorgegeben hat, orientieren müssen.

Was sagen Sie denen?

Woellert: Ich sage, dass ich das nicht generell beantworten kann, sondern nur für mich selbst wüsste. Meine Aufgabe besteht darin, sie in der Suche nach der richtigen Antwort zu begleiten, anzuleiten und Hilfestellungen zu geben. Spannend finde ich, dass es so viele verschiedene Modelle gibt, die im Grunde alle mit derselben Grundfrage arbeiten, Unerklärliches oder sehr Gravierendes doch erklärbar zu machen. Und manchmal treffen sie aufeinander. So sagt in der Beratung beispielsweise die eine Person: Ich kann nicht entscheiden, ob mein Angehöriger weiter behandelt werden soll oder nicht, auch wenn ich juristisch dazu bevollmächtigt bin. Das hat eine göttliche Instanz zu entscheiden. Dieser Grundhaltung steht vielleicht eine andere gegenüber: Es gibt Therapieoptionen; wir können ihre Chancen und Belastungen gegenüberstellen und uns fragen, was der Patient selbst gewollt hätte. Das führt häufig zu Konflikten, hinter denen unterschiedliche Auffassungen stehen von Schicksal. Wenn wir gerade nicht in einer so einschneidenden Situation sind, können wir das ganz gut besprechen und unsere unterschiedlichen Positionen miteinander aushandeln, aber nicht dann, wenn es ernst wird und uns ganz existenziell betrifft.

Entscheiden sich religiöse Menschen anders?

Woellert: Nein, das kann man nicht verallgemeinern. Es gibt Menschen, die bezeichnen sich als religiös, würden in solch einschneidenden Momenten aber nicht von einer göttlichen Instanz sprechen, andere tun das. Es ist nicht so, dass Menschen eines bestimmten Glaubens sich immer ähnlich verhalten. Das ist eine ganz individuelle Geschichte.

Zimmermann: Das sehe ich auch so. Da löst es sich von den philosophischen Religionen, die wir im Kopf haben. Wenn es individuell wird, sieht es anders aus, was den Tod angeht. Es ist schön, eine Religion oder Philosophie zu haben, und sich zu sagen, es macht nichts, wenn ich sterbe, ich werde ja wiedergeboren. Wenn sich der Tod nähert, wünscht man sich vielleicht doch noch zusätzliche Tage, Monate oder Jahre.

Beeinflusst unsere innere Haltung unser Schicksal? Gerade in der Medizin gibt es die Vorstellung, dass die eigene Einstellung – Optimismus und positives Denken – den Krankheitsverlauf beeinflussen könnte.

Woellert: Interessanter ist für mich die Frage, was sich daraus für eine Verantwortung ergibt. Gerade im Gesundheitsbereich habe ich ja Einfluss: Ich kann mich sehr gesund ernähren, nicht zu viel trinken, mit dem Rauchen aufhören, oder ich entscheide mich dafür, weiter zu rauchen und Extremsport zu machen, setze mich also dem Risiko aus. Damit wirke ich ja auf das ein, was man als Schicksal beschreiben könnte. Ergibt sich daraus im Umkehrschluss eine Verantwortung von jedem Einzelnen, sorgsam mit der eigenen Gesundheit umzugehen? Und woraus begründet sich die Verantwortung? Aus einer höheren moralischen Ordnung? Oder aus den knappen Ressourcen im Gesundheitswesen? Diese Frage stellt sich nicht nur am Ende, sondern auch am Anfang des Lebens. Habe ich eine Pflicht zur Pränataldia­gnostik? Ich könnte erfahren, ob dem ungeborenen Leben in mir gewisse Schicksalsschläge drohen. Dann könnte ich mich dazu verhalten, einen Abbruch vornehmen oder pränatal therapeutisch tätig werden.

Da spielen die Eltern dann selbst Schicksal.

Woellert: Genau. Früher setzt sogar die Pre-Implantiv-Diagnostik an. Vor der Einnistung des Eis haben wir die Möglichkeit, auf genetischer Ebene Erkenntnisse zu gewinnen, die lange im Bereich des Schicksals angesiedelt waren. Da stellt sich die Frage: Haben wir die Pflicht, dies zu tun, oder sollten wir es lassen?

Wenn die Welt von Naturgesetzen regiert wird, wo bleibt da das Schicksal?

Woellert: Darauf gibt es so viele Antworten wie Menschen am Tisch, weil sie in der Perspektive des Einzelnen gründen. Wer sehr naturwissenschaftlich geprägt ist, hat möglicherweise eine andere Antwort als derjenige, der es damit nicht so hat. Eine größere Rolle als früher spielt heute auf jeden Fall die Vorstellung vom freien Willen, von der Möglichkeit, dass wir uns zum Schicksal verhalten. Das ist eine gar nicht so alte Vorstellung, die aber nicht mehr wegzudenken ist.

Schicksal ist für uns eine Herausforderung, und wir finden unsere individuellen Antworten – heute anders als im Mittelalter, weil wir einfach in einer anderen Welt leben.

Zimmermann: Wir verankern Schicksal und Glück heute zudem viel stärker als früher im Bereich des geistigen Wohlbefindens. Das stand im Mittelalter überhaupt nicht im Vordergrund. Da ging es darum, ob man in wohlhabenden Umständen lebte oder arm war, genug zu essen hatte – materielle Aspekte standen deutlich im Vordergrund.

Heute sehen wir das zumindest in den Industrieländern anders. Man kann arm sein, aber glücklich und umgekehrt reich und unglücklich. Die Vorstellung von Schicksal und Glück ist heute deutlich vielschichtiger als früher. Das psychische Wohlbefinden hat insgesamt für uns einen viel größeren Stellenwert.