Inzestfall Amstetten: Österreichische Polizei überzeugt

Fritzl muss Komplizen gehabt haben

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Die österreichischen Behörden glauben, dass jemand aus der Familie des mutmaßlichen Kinderschänders von dem Verbrechen gewusst hat. Grund ist ein anonymer Hinweis.

Amstetten/Wien. Die österreichische Polizei geht davon aus, dass der Inzest-Täter Josef Fritzl einen Mitwisser in seiner unmittelbaren Umgebung gehabt haben muss. Der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Franz Polzer, sagte: "Irgendjemand aus dem (familiären) Umfeld musste das wissen". Diese Person habe die Polizei vermutlich in der vergangenen Woche "vertraulich" darüber informiert, dass Fritzl zusammen mit seiner Tochter Elisabeth und deren zwei Söhnen die todkranke Tochter in der Klinik von Amstetten besuchen würde. Dort wartete nach dem anonymen Hinweis jedoch schon die Polizei.

Fritzl, der ein umfassendes Geständnis abgelegt hat, werde in dieser Woche nicht mehr verhört, teilte die Staatsanwaltschaft St. Pölten heute mit. Nach Angaben einer Nachrichtenagentur sei eine Befragung des 73-Jährigen erst wieder in der kommenden Woche geplant. Sein Verteidiger hatte heute erklärt, er habe seinem in Untersuchungshaft sitzendem Mandanten geraten, vorläufig keine Aussage mehr zu machen. Fritzl wird beschuldigt, seine heute 42 Jahre alte Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in ein Kellerverlies eingesperrt und sexuell missbraucht zu haben.

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Wie Polzer im ORF-Fernsehen am Dienstagabend erläuterte, gibt es Hinweise, dass der 73-Jährige die Gefangenschaft seiner Tochter schon vor Monaten beenden wollte. Fritzl habe seiner Tochter offenbar zur Jahreswende 2007/08 einen Brief an seine eigene Familie diktiert, in dem er sie ankündigen ließ, sie wolle in diesem Sommer mit ihren Kindern nach Amstetten zurückkehren.

In Amstetten haben am Dienstagabend mehrere hundert Menschen mit einem "Lichtermeer" ihre Solidarität mit den Opfern der Verbrechen ausgedrückt. Mehr als 200 Menschen waren trotz strömenden Regens zu der Demonstration erschienen, zu der auch die Kirchen aufgerufen hatten. Veranstaltet wurde das "Lichtermeer" von einer nach den Ereignissen spontan von zwei Müttern gegründeten Initiative "Menschlich berührte Bürger".

Der Fall in Amstetten zeigt aus Sicht der Stuttgarter Opferinitiative Melina alle Merkmale eines geschlossenen Inzest- Systems. "Der Täter will Kontrolle und Macht über andere, wobei er sich gezielt Schwächere aussucht", sagte die Vereinsvorsitzende Ulrike Dierkes in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der Inzest erzeuge ein geschlossenes System der Kommunikation und des Handelns, in dem den Opfern die Außenwelt als schlecht dargestellt werde. "Dazu ist gar kein Verlies notwendig."

Die Opfer von Amstetten dürfen nach Ansicht des Kriminologen Christian Pfeiffer nicht an der "Neugier der Welt" zerbrechen. Ihre Gesichter müssten anonym bleiben, sagte der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse".

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( dpa )