Neujahrsempfang 2007

Die Rede von Abendblatt-Chefredakteur Menso Heyl

Sehr geehrter Herr Bürgerschaftspräsident Röder, sehr geehrter Herr Bürgermeister von Beust, lieber Herr Dr. Döpfner, liebe Freunde des Hamburger Abendblatts,

herzlich willkommen zum ersten Neujahrsempfang nach Erhöhung der Mehrwertsteuer.

Manche sagen, die drohende 19 hat noch schnell für einen Konsumschub gesorgt. So stark, dass böse Zungen lästern, Wirtschaftsminister Glos sei der Meinung: "Jo, wenn dös so guad funktioniert, machen mers halt nächstes Jahr gleich noch amoal!"

Aber Scherz beiseite. Die Trendwende des Jahres hat die deutsche Wirtschaft geschafft. Sie wächst so stark wie lange nicht mehr. Zeitweise ist die Zahl der Arbeitslosen unter die Vier-Millionen-Marke gesunken. So etwas hat Deutschland lange nicht erlebt.

Die öffentlichen Haushalte entsprechen zum ersten Mal wieder den europäischen Kriterien. Beim Haushalt geht Hamburg einen besonders guten Weg.

Einer der Gründe für den allgemeinen Aufschwung mag ja sein, dass inzwischen jeder jeden Job annehmen muss.

Axel Schulz hat’s schon versucht mit Boxen!

Und wenn Sie noch einen Beweis wollen:

Wenn es den Deutschen besser geht, werden sie offensichtlich öfter krank. Im letzten Jahr sind die krankheitsbedingten Fehlzeiten von 10,3 wieder auf 10,6 Tage gestiegen.

Okay, ich verzichte ab sofort auf kleine Gemeinheiten. Lassen Sie uns die Situation der Besserung genießen. Schauen wir für einen Augenblick auf den kleinen metallenen Kofferanhänger, der unserer Einladung zu diesem Empfang beilag. Da steht Aufbruch drauf. Da wo Aufbruch steht, gehört Ihr Name rein.

Denn, machen wir uns nichts vor. Das Reformprojekt Deutschland ist lange nicht fertig. Es gibt eine Sozialdebatte quer durch die Parteien. Die soziale Schere geht tatsächlich immer weiter auf. Die Skepsis gegenüber der Demokratie war laut Umfragen noch nie so groß wie jetzt.

Hier in Hamburg und auch hier in diesem Saal - gibt es aber Menschen, die begriffen haben, dass man dagegen etwas tun muss, Helden, die dafür seit Langem arbeiten. Sie kommen aus allen Schichten des Volkes. Drei Beispiele nenne ich dafür:

Zum Ersten lebt in Hamburg - einer der reichsten Regionen Europas ein exklusiver Kreis von Bürgern, die über außergewöhnlich viele Mittel verfügen und als Mäzene davon auch unglaubliche Summen an die Gesellschaft zurückgeben. Ihren Namen muss ich gar nicht nennen, aber zum Glück sind sie Hamburger!

Zweitens gibt es hier unter anderem eine mittelständische Drogeriekette, die mit einer eigens gegründeten Stiftung im Zusammenwirken mit ihren Kunden seit Jahren Kinder und Jugendlichen in Not hilft. Wer so etwas tut, verdient die Anerkennung aller!

Zum Dritten lebt hier in Hamburg eine angestellte Friseurin, die am Klostertor wohnt und vor einem Jahr in unserem Abendblatt von den Nöten der Kinder in Jenfeld liest. Und die daraufhin von ihren wöchentlich fünf Arbeitstagen einen ganzen Arbeitstag dem Kinderhilfsprojekt "Arche" spendet. Sie mag es nicht, wenn man Wirbel um sie macht. "Ich bin doch nur die Mittwochs-Ehrenamtliche", sagt sie. Aber die überzeugte Christin sagt auch solche Sätze: "Ich ernte hier tiefes Glück und Selbstbestätigung, und ich sehe, wie glücklich und zufrieden die Kinder in dem Jahr geworden sind. Wir sind hier ihre Ersatzfamilie."

Bürger wie diese Stefanie Neumann sind das größte Bollwerk gegen die Gefahr einer Spaltung unserer Gesellschaft!

Alle drei Hamburger Beispiele stehen mit einem Heer von Ehrenamtlichen für den Gemeinsinn der Bürgergesellschaft, die es zu stärken gilt. Der Staat das weiß heute jeder muss sich zurücknehmen, sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren. Er muss den Bürger ernst nehmen, mit ihm zusammengehen, statt dem Bürger Geld und Verantwortung abzunehmen.

Wir brauchen eine gesunde, intakte Zivilgesellschaft.

Denn der häufig zitierte Satz, Politik verdirbt den Charakter, stimmt nicht. Er ist einfach falsch. Wahr ist, schlechte Charaktere verderben die Politik. Und schlechte Charaktere können auch alle anderen Bereiche verderben Medien und Wirtschaft eingeschlossen.

Der im Juli nach fünf Jahren Tätigkeit abgelöste Vorstandschef des US-Pharmakonzerns und Viagra-Herstellers Pfizer erhält von dem Unternehmen Bargeld und Wertpapiere im Gesamtwert von fast 200 Millionen Dollar. 300 000 Dollar allein für "ungenutzten Urlaub".

Das ist eine unwirkliche Dimension, die keiner begreift. Ein solcher Verlust an Bodenhaftung darf in Deutschland nicht Schule machen.

Bodenhaftung ist Voraussetzung für Konsens. Gesellschaft lebt von Konsens.

Ebenfalls gilt der große Satz des Volkswirtschaftlers John Maynard Keynes: "Die Hälfte der Wirtschaft ist Psychologie." Ob wir das alle schon begriffen haben?

Zugegeben, gerade wir von der Presse rutschen gern schnell über Probleme hinweg. Wie war das denn neulich mit dem Gammelfleisch? Alle machten sich Sorgen. Geschehen ist wenig. Und doch: Das Problem gilt längst als gegessen.

Ethik in der Wirtschaft, Maßstäbe in der Politik, Werte in den Medien - glauben Sie mir, auch Chefredakteure tun sich manchmal schwer mit diesen Dingen. Aber wenn wir wirklich Aufbruch wollen, dann brauchen wir gerade diesen festen Boden.

Bei ganz schwierigen Fragen gehe ich schon mal in den ersten Stock unseres Verlagsgebäudes, in unseren Konferenzraum, dorthin, wo die Bilder meiner Chefredakteurs-Vorgänger in Öl an der Wand hängen. "Was würdet ihr tun?", frage ich.

Wilhelm Schulze, Otto Siemers, Martin Saller, Werner Titzrath, Klaus Korn und Peter Kruse antworten dann: "Geh’ einen Hamburger Weg!"

Als guter Hamburger Weg gilt es, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selber zu helfen. Wenn die soziale Schere sich öffnet, müssen wir wir alle gemeinsam - die Menschen in die Lage versetzen, am Aufbruch unserer Wirtschaft teilzuhaben. Drei Dinge gehören für mich dazu: Erstens besonders für kommende Generationen Bildung, Bildung, Bildung.

Ich wünschte mir, dass die Hamburger Politik und Gesellschaft angesichts der Erfolge in anderen Bereichen in diesem Jahr hier noch mehr erreicht.

Hamburg hat die Mittel dazu. Denn wir und das sind diesmal Hamburgs Politiker haben unseren Stadthaushalt in Ordnung gebracht, aus eigener Kraft!

Woanders allerdings gibt es Groß-Kommunen, in denen sich die Gewählten genau so verhalten wie die, von denen sie gewählt werden wollen. Wenn das Geld nicht reicht, erwarten sie mehr, gehen sogar vor das Verfassungsgericht und sind zum Glück dabei auf die Nase gefallen. Und das ist gut so!

So ein bisschen erinnern mich solche Politiker an die Titanic. Voller Hoffnung auf den Klimawandel scheinen sie zu denken: Die Eisberge, denen wir entgegenfahren, die schmelzen schon noch weg.

Machen wir es also auf unsere eigene Art! Und dazu gehört zweitens: Solidarität.

Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen hat das vorgedacht, als sie in ihrer Adventsansprache eine Solidarität zwischen Hamburger Stadtteilen einforderte. Diese Solidarität sollte aktiv und verantwortlich gelebt werden in Schulen und Vereinen, in Gemeinden und Verbänden sagte sie. "Also Hochkamper wissen sich mit Hohenfeldern verbunden, Eidelstedter mit Eilbekern, Rothenbaum mit Rothenburgsort".

Das ist ein typisch Hamburger Gedanke. Und so kommen wir auf drittens, und das wird Sie vielleicht überraschen: Typisch Hamburg ist auch seine Kultur, seine kulturelle Vielfalt. Sie ist nicht nur konstitutiv für die Identität unserer Stadt, sondern sie ist auch Voraussetzung für das Wachsen Hamburgs. Sie schafft Zugewinn an Lebensqualität und Lebensfreude. Sie entwickelt sich zum Magneten für Lebensströme in einer globalisierten Welt. Nicht umsonst sind wir die älteste existierende und funktionierende Stadtrepublik überhaupt. Das muss auch so bleiben.

Letztes Jahr wurde hier an dieser Stelle davon gesprochen, dass in unserer Stadt Kinder aufs Gröbste vernachlässigt werden. Dass die Gemeinschaft mithelfen muss. Wir hatten hier eine Initiative 2006 ausgerufen. Ich kann Ihnen heute sagen: Sie, die hier stehen und die anderen Leser des Hamburger Abendblattes, haben inzwischen fast eine halbe Million Euro zu den Familien und Einrichtungen gebracht, die Hilfe am meisten benötigen. Auch das ist Aufbruch. Unser Aufbruch!

Es gibt vieles, was unsere Stadt zusammenhält. Darauf dürfen wir auch stolz sein.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesundes und wunderbares neues Jahr.