Nicht meckern – machen

Dorfbewohner in Niedersachsen reparieren ihre Straße selbst

Die Anwohner von Wüppels pflastern ihre Klinkerstrasse kurzerhand selbst neu. Im Frühjahr gehen die Arbeiten weiter

Die Anwohner von Wüppels pflastern ihre Klinkerstrasse kurzerhand selbst neu. Im Frühjahr gehen die Arbeiten weiter

Foto: Privat

Warum Wüppels in Niedersachsen nicht 500 Jahre auf die Sanierung seiner Dorfstraße warten wollte und selbst Hand anlegte.

Wüppels.  Sie konnten sich ausrechnen, wann das was werden würde mit ihrer Straße. In einem halben Jahrtausend ungefähr. Peter Ahmels berichtet, die Gemeinde Wangerland (Kreis Friesland) habe einen Straßensanierungsbedarf in Höhe von 100 Millionen Euro. Der Jahresetat dafür liege bei 200.000 Euro. „Es dauert also 500 Jahre, bis sie damit durch sind.“ Ahmels verzieht keine Miene, nur sein rechter Mundwinkel zuckt. Alle anderen in der Runde feixen.

Friesen sind geduldige Leute. Aber so lange wollten sie dann doch nicht warten. Deswegen haben die Bürger des Dorfes Wüppels, das zu Wangerland gehört, ihre Werkzeuge und Maschinen zusammengesammelt und sich selbst darangemacht, ihre Dorfstraße zu sanieren. Jetzt sitzen sie bei Peter Ahmels in der Küche und sind stolz auf ihre bisherigen drei Arbeitseinsätze, denen nach der Winterpause weitere folgen werden. Nicht nur der Straße hat das genützt, auch der Gemeinschaft. „Wir duzen uns jetzt alle“, sagt Johann Georg, einer der Nachbarn.

Wüppels wurde 1350 erstmals erwähnt

Wüppels liegt noch hinter Wilhelmshaven. Kurz bevor man in die Nordsee fahren würde, etwa in Höhe Hooksiel, muss man links abbiegen. Wüppels wurde 1350 erstmals erwähnt, hat um die 160 Einwohner und noch einen echten Dorfkern mit Kirche und Dorfkrug und Pastorei. Man sagt nicht Pfarrhaus hier im Norden, man sagt Pastorei.

Da, wo man links abbiegt, beginnt die Straße, die 500 Jahre auf ihre Sanierung hätte warten müssen, wären die Wüppelser nicht so, wie Wüppelser nun mal sind: Sie haben nicht nur einen trockenen Humor, sie verfügen auch über Eigensinn und sind praktisch veranlagt. Deswegen war es gar nicht schwer, sie zu überzeugen, als Peter Ahmels mit der Idee ankam, das Straßenproblem einfach anzupacken.

An Peter Ahmels’ Tisch sitzt an diesem Tag eine muntere Runde, außer Johann Georg sind das dessen Frau Angela Georg, Michael Ruwisch, Marko Harms, Enno Jüngling und Gerd Hobbie. Ahmels’ Mutter Renate ist auch dabei, etwas später trifft Ehefrau Elisabeth ein. Die Truppe, die als „Streetworker“ (Angela Georg) im Einsatz war, war noch größer, die Altersspanne reichte von 20 bis 87 Jahren. Der mit den 87, das ist Gerd Hobbie. „Hobbie mit ie“, sagt er, „nicht wie das, was Spaß macht.“ Er grinst.

Zuerst die Stellen der Straße, die am tiefsten abgesackt waren

Die Wüppelser Straße ist 1,6 Kilometer lang und besteht aus unglasierten Klinkern, quer zur Fahrtrichtung eingesetzt, schmale Seite nach oben. Sieht nicht so langweilig aus wie die üblichen Gemeindestraßen aus Asphalt oder Beton. Genau so eine hätten die Wüppelser aber bekommen, wenn sich die Gemeinde Wangerland zur Sanierung entschlossen hätte: Was Kommunen anfassen, muss ja heute billig sein. Und es wird am Ende dennoch teuer wegen all der Umstände, die so eine gemeindliche Straßenbautruppe machen muss, mit ihren Arbeitszeiten und Ausschreibungen. Und dann, sagt Peter Ahmels, wären die Anlieger mittels Straßenausbaubeiträgen ziemlich zur Kasse gebeten worden.

Obwohl: Es wäre ja erst in 500 Jahren gewesen.

Wie auch immer: Sie haben sich erst mal die Stellen der Straße vorgenommen, die am tiefsten abgesackt waren und wo bei Regen das Wasser steht. Denn diese großen Löcher sind ja auch gefährlich, selbst Ortskundige können sich verschätzen: „Meine Tochter hat da mal eine Ölwanne gelassen“, erzählt Enno Jüngling. Nur Marko Harms, der Bauer ist und einen hochbeinigen Geländewagen fährt, lacht und sagt, er könne die Straße immer noch bewältigen, selbst mit Tempo. Er hat natürlich trotzdem mit angepackt. Denn 50 bis 60 Autos führen da an einem halben Tag schon durch, berichtet Harms, die hat er selbst gezählt: „Da war ich am Pflügen und hatte Zeit.“

Jetzt gibt es in Wüppels einige Straßenbauexperten

Früher war das bloß ein schmaler Schlackeweg, dann kamen 1963 die Steine obendrauf, 560.000 Stück, grob geschätzt. Die Mitte hat gut gehalten, an den Rändern wurde es kritisch. Die Wüppelser haben die Klinker hochgenommen und den Schotter erneuert, unten Kies in einer Körnung bis zu 32 Millimetern, dann eine Schicht mit Sand feinerer Körnung bis zu 4 Millimetern, da werden die Steine hineingelegt. Ganze Steine, halbe Steine, Viertelsteine, mit dem Hammer zurechtgeklopft, wie es gerade nötig war. „Dafür haben wir Trümmerfrauen gesorgt“, sagt Angela Georg. Am Schluss Brechsand drüber zum Einrütteln. Beruflich machen die Wüppelser alles Mögliche, vom Tischler bis zum Beamten – gibt es auch Straßenbauexperten? „Jetzt schon“, sagt Michael Ruwisch.

Sie haben jeweils die halbe Straßenbreite saniert, man musste ja noch durchkommen. Inzwischen sind die gröbsten Macken beseitigt. Weitere Stellen folgen kommendes Jahr.

Peter Ahmels schätzt, dass sie bis 2020 zu tun haben. Dann ist erst einmal Ruhe: „Wenn das gut verlegt ist“, sagt Gerd Hobbie mit ie, „hält es 100 Jahre.“ Angela Georg beugt sich vor: „Dann kann man uns für anderes buchen.“

Der Bauhof muss die Straße abnehmen

Lange war unklar, ob die Gemeinde Wangerland akzeptiert, dass Anwohner eine Straße sanieren – wegen möglicher Regressforderungen bei Unfällen. Inzwischen, sagt Bürgermeister Björn Mühlena, sei das geprüft: Wenn der Bauhof die Straße abnimmt, ist alles in Ordnung. Und Mühlena freut sich über die Eigeninitiative. Kein Wunder bei seinem kommunalen Schuldenstand.

Apropos Geld: Insgesamt wird der Spaß, den die Sanierung gemacht hat und noch machen wird, rund 8000 Euro an Material kosten, was ja ein Spottpreis ist. Übernimmt die Gemeinde wenigstens diese Summe? „Wir arbeiten dran“, sagt Peter Ahmels. „Wir prüfen“, sagt der Bürgermeister.

Medien-Aktion

„Nicht meckern, machen“ ist ein Projekt des Hamburger Abendblatts mit dem Radiosender NDR Info, der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“, den „Kieler Nachrichten“ und der „Ostsee-Zeitung“ in Rostock. Alle Medien hatten ihre Leser und Hörer aufgerufen, Personen, Initiativen oder Vereine vorzuschlagen, die im Norden etwas bewegt haben, von denen eine Jury sechs ausgewählt hat. Diese Geschichten können Sie bis Sonnabend täglich in den Zeitungen lesen sowie bei NDR Info um 7.50 und 9.50 Uhr und auf abendblatt. de/nicht-meckern hören.