Hamburg

Altonaer Künstler bangen um ihr buntes Viertel

Das Gelände an der Bernstorffstraße 117: In dem Hinterhof sind mehr als 100 Handwerker, Künstler und Kleinunternehmer zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen

Foto: Klaus Bodig / Klaus Bodig / HA

Das Gelände an der Bernstorffstraße 117: In dem Hinterhof sind mehr als 100 Handwerker, Künstler und Kleinunternehmer zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen

Die Musiker von Fettes Brot proben hier, Rocko Schamoni ist da und viele andere Kreative. Ein neuer Eigentümer macht ihnen Sorgen.

Hamburg.  Hinter dem bunten Schild „Viva La Bernie“ am Eingangstor zur Bernstorffstraße 117 brodelt es. Die Mieter fürchten um ihre Existenz, seitdem der Hinterhof in Altona an einen Investor verkauft wurde. „Die verstehen überhaupt nicht, was sie gekauft haben“, sagt Ralf Gauger, Sprecher der Hofgemeinschaft, über die beiden Investoren aus Berlin.

Es ist nicht irgendein Hinterhof. Die Band Fettes Brot hat ihr Studio hier, der Künstler Rocko Schamoni eine Werkstatt. Es ist eine gewachsene Gemeinschaft von mehr als 100 Menschen. Handwerker, die Kleinbetriebe führen, Künstler, die Ateliers haben, und Bewohner. Wer muss weichen, wer darf bleiben?

Altmieter gegen Neuinvestoren: In der Bernstorffstraße geht es nicht nur um höhere Mieten, sondern um die Identität einer Gemeinschaft. Was wiegt höher: das Grundbedürfnis, in einem sozialen Umfeld wohnen zu können, oder die Renditeerwartungen eines Investors? Der Musiker und Schriftsteller Rocko Schamoni, der jetzt auch um seine Werkstatt fürchtet, sagt: „Die Frage ist, ob man dem Druck des Geldes standhalten kann, denn dieser Druck wird immer höher.“

Mietkosten könnten sich verdreifachen

Ralf Gauger ist der größte Mieter auf dem Hof. Seit 25 Jahren führt er dort einen Baubetrieb mit 20 Angestellten. „Ich bin zu den Eigentümern gegangen, weil wir wissen wollten, ob wir hier eine Zukunft haben.“ Eine konkrete Antwort habe ihm der neue Eigentümer nicht gegeben. „Der sieht nur Excel-Tabellen. Das Wort Gemeinschaft kommt da nicht vor.“

Der alte Eigentümer, ein Hamburger Geschäftsmann, sei anders gewesen. Er habe viel laufen lassen, Mieten nie erhöht. So konnte hier ein Biotop wachsen. Im Sommer hängen Girlanden im Hof, dann wird gefeiert. Aus seinem Bürofenster sieht Gauger die Werkstatt von Schamoni. Der Künstler (Dorfpunks) hat eine eigene Töpferwerkstatt. Schamoni schätzt den Platz, in „direkter Nachbarschaft zu Freunden und Leuten, deren Arbeit ich mag“.

Wie Matthias Strelow. Der 60-Jährige mit den halblangen, silbergrauen Haaren. Eine enge Wendeltreppe führt zu den Räumen, in denen er seine Praxis für Homöopathie hat. Helles Licht fällt durch die Dachluken. Alles selbst ausgebaut. „Der alte Eigentümer hat gesagt, macht mal, und hat uns die Miete nicht weiter erhöht“, erzählt Strelow. „Im Gegenzug haben wir ihm den Bau instand gehalten.“

„Jetzt geht es um unsere Existenz“, sagt er und erzählt, dass sein Gewerbemietvertrag gerade ausläuft. Der neue Eigentümer bietet nun einen Zeitvertrag für vier Jahre zu einer deutlich höheren Miete an. Bisher zahlte Strelow wundersame drei Euro, jetzt soll die Miete auf sieben Euro steigen und dann jedes Jahr um 1,50 Euro auf zehn Euro. Seine Mietkosten würden sich so mehr als verdreifachen.

Mehreren Mietern Kündigung angedroht

Andere Mieter werden wegen der Mieterhöhungen wohl ausziehen. Sie können sich ein Atelier oder eine Werkstatt zu Marktpreisen nicht leisten. Mehreren Bewohnern wurde eine Kündigung angedroht, weil ihre Gebäude offiziell nur als Gewerbeeinheiten gelten. Der Druck des Geldes, sagt Schamoni, zerstöre die Innenstädte, „bis nichts mehr von den alten gewachsenen menschlichen und letztlich auch architektonischen Strukturen erhalten ist“. Am schlimmsten sei die Unsicherheit darüber, was aus dem Areal werden soll.

Anfang März in Berlin. Im Café des Waldorf Astoria Hotels sitzt Christoph Reschke und trinkt Ingwer-Tee. Man hört ihm seine Hamburger Herkunft an, er ist in der Hansestadt aufgewachsen. Ihm gegenüber sitzt Alexander Möll. Reschke und Möll sind die neuen Eigentümer der Bernstorffstraße 117.

Sie sind die Deutschland-Chefs von Hines, einem weltweit tätigen Immobilienunternehmen aus den USA. In Berlin hat Hines das Berliner Sony Center, den Alexanderplatz und Gebäude am Pariser Platz entwickelt. „Wir haben das rein privat gekauft“, versichert Christoph Reschke. „Mit Hines hat das nichts zu tun. Uns hat die Mikro- und Makrolage sehr gut gefallen.“ Reschke und Möll gründeten mit ihren Lebenspartnerinnen die AC Immobilieninvest GmbH.

Über die Firma kauften sie das Grundstück. Wussten die beiden, worauf sie sich einlassen? „Es ist uns gesagt worden, dass es eine intakte Gemeinschaft ist. Das haben wir bei der ersten Besichtigung noch klarer wahrgenommen.“ Damals hatten Gauger und die anderen Mieter Schilder aufgestellt, dass sie sich gegen einen Ausverkauf des Hofes wehren. Sie sehen dennoch keinen Anlass, die Mieter als Gemeinschaft zu sehen: „Das sind zwei verschiedene Welten. Unsere Vertragspartner sind die einzelnen Mieter. So werden wir das auch weiterhin halten.“

Eigentümer planen keinen schnellen Verkauf

Ein Luxusumbau sei rechtlich nicht möglich, und einen schnellen Verkauf planen sie nach eigener Aussage auch nicht. „Wenn sich ein konkreter Plan entwickeln würde und sich eine mittlere oder größere Maßnahme ergeben sollte, wird das auch vorher kommuniziert.“

Die Bernie117 ist ein Stück Identität, nicht nur für Rocko Schamoni, die Bands, die Handwerker, die Bewohner. Auch für Altona. Auf einer Facebook-Seite gibt es über 1000 Unterstützer, darunter der Künstler Heinz Strunk. Diese Woche haben die Mieter den beiden Eigentümern ein Kaufangebot geschickt. Sie bieten mehrere Millionen Euro. Ihre Gemeinschaft ist ihnen was wert. Sie wollen darauf antworten, sagt Miteigentümer Alexander Möll.

Mittlerweile beschäftigt sich auch die Politik mit dem Grundstück. Der Bezirk Altona hat beschlossen: Für das Gebiet rund um die Bernstorffstraße soll eine „Städtebauliche Erhaltungsverordnung“ auf den Weg gebracht werden. Geht diese durch, muss der „Milieucharakter“ erhalten bleiben. Jede größere Änderung müssten die Eigentümer erst vom Bezirk genehmigen lassen.

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