Sorge der Bauherren

Verhindert die Bezirkspolitik Wohnungsbau in Hamburg?

Ein Wohnungsbauvorhaben in der HafenCity, in dem Stadteil entstehen zahlreiche neue Gebäude

Ein Wohnungsbauvorhaben in der HafenCity, in dem Stadteil entstehen zahlreiche neue Gebäude

Foto: Christian Charisius / dpa

Die Zahl der fertiggestellten Wohnungen in Hamburg ist um fast 20 Prozent zurückgegangen. Dafür gibt es mehr Neubauprojekte.

Hamburg.  Die Mitgliedsunternehmen des Landesverbands Nord des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) haben im vergangenen Jahr in Hamburg 2924 Wohnungen fertiggestellt. Das sind rund 20 Prozent weniger als noch 2016. Damals waren es 3624 Wohneinheiten.

„Der leichte Rückgang ist kein Anlass zur Beunruhigung. Denn 2015 war die Zahl der Baubeginne rückläufig, das schlägt sich jetzt natürlich auf die Fertigstellungen nieder“, sagt Sönke Struck, Vorstandsvorsitzender des BFW-Landesverbands Nord.

In Schleswig-Holstein konnte eine leichte Steigerung verzeichnet werden: 1210 Wohnungen wurden fertiggestellt, das sind 66 mehr als 2016. Doch laut Struck ist auch für Hamburg ein Aufwärtstrend zu erwarten. So wurde im Jahr 2017 mit dem Bau von 4754 neuen Wohnungen begonnen – 403 mehr als 2016.

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Interessant: Im vergangenen Jahr wurde für 3165 Wohnungen eine öffentliche Förderung bewilligt. Davon entfallen 37 Prozent auf private Investoren, 39 Prozent auf die Saga, 18 Prozent auf die Wohnungsbaugenossenschaften und sechs Prozent auf Kirchen und Stiftungen.

In Hamburg wird dringend Wohnraum benötigt. Das Ziel ist es, 10.000 Baugenehmigungen pro Jahr zu erteilen – im vergangenen Jahr waren es sogar 13.411. Doch die Realisierung ist eine Herausforderung für die Bauherren: „Es wird ein immer größeres Pro­blem, Unternehmen zu finden, die den Bau der Wohnungen umsetzen. Das gilt für alle Gewerke, der Markt ist ausgereizt“, sagt Struck.

Das liege an der großen Nachfrage nach Bauleistungen. Außerdem würden sich Projektentwicklungen in die Länge ziehen, weil eben kein Bauunternehmen gefunden werden könne, das den Auftrag zeitnah ausführe, sagt Struck weiter.

Bezirkspolitiker haben besondere Wünsche

Doch das scheint nicht der einzige Grund: „Die Bezirkspolitiker sorgen mit überzogenen Forderungen immer wieder dafür, dass Projekte deutlich länger in ihrer Umsetzung dauern oder sogar auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt werden müssen“, sagt Struck.

Das Problem kennt auch Stefan Wulff, BFW-Nord-Vorstandsmitglied und Geschäftsführer der Otto Wulff GmbH. Das Hamburger Traditionsunternehmen gehört zu den größten Projektentwicklern der Stadt: „Es werden uns immer neue Steine in den Weg gelegt und das führt dazu, dass Bauvorhaben oft zu einem langwierigen Prozess werden.“

Wulff nennt Beispiele: „Bei einem Wohnungsbauvorhaben im Bezirk Wandsbek wollte die Bezirkspolitik begrünte Dächer und dann auch noch Solaranlagen auf dem Dach. Das ist eine absurde Forderung, denn Grün und Solaranlagen können nicht gemeinsam realisiert werden.“ Außerdem versuche die Bezirkspolitik in Hamburg teilweise die Anzahl der Wohnungen zu reduzieren, obwohl vom Platz her deutlich mehr Wohnungen realisiert werden könnten.

Initiativen verhindern oftmals Wohnraum

Auch die Hamburger Aug. Prien Projektentwicklung verwirklicht zahlreiche Neubauvorhaben. Geschäftsführer Jan Petersen, der ebenfalls Mitglied im BFW Nord Vorstand ist, sagt: „Es gibt Beispiele, da fordert die Bezirkspolitik plötzlich einen Anteil von 50 Prozent geförderten Wohnungsbau, obwohl der Anteil im Vertrag des Bündnisses für das Wohnen eindeutig mit 30 Prozent geregelt ist. Doch dann rechnet sich das für einen Investor nicht mehr und wieder müssen die Bürger auf dringend benötigten Wohnraum länger warten.“

Wenn in Hamburg die Planungen für größere Bauvorhaben bekannt werden, bildet sich nicht selten auch eine Initiative, die das Projekt verhindern will: „In manchen Stadtteilen binden wir die Nachbarn vor Ort bereits in einem frühen Stadium mit ein. Das heißt, wir laden zu Informationsveranstaltungen ein, bei denen die Bürger ihre Ideen mit einbringen können und versuchen so, dass gar nicht erst Konflikte aufkommen“, sagt Petersen.

Experte wagt eine Prognose für Hamburg

Unterdessen stellte der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA) das Frühjahrsgutachten 2018 des Rates der Immobilienweisen vor. Dabei wurde auch die Situation in Hamburg untersucht: „Die Zeiten der stürmischen Entwicklung der Wohnungsnachfrage sind in München, Berlin und Stuttgart zu Ende gegangen. In Hamburg, Frankfurt, Köln und Düsseldorf ist dies bislang nicht der Fall, aber eine Abschwächung ist auch hier gut möglich“, sagte Professor Harald Simons, Vorstand der Empirica AG, der im Frühjahrsgutachten die deutschen Wohnungsmärkte analysiert.

Der Experte sagte weiter: „Für München, Berlin sowie Stuttgart sehe ich meine letztjährigen Prognosen bestätigt, hier rechne ich weiterhin mit einem Kaufpreisrückgang. Für Hamburg, Köln und Düsseldorf sind die Aussichten bislang uneinheitlich.“

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