Altona-Altstadt

Stadteigene Firma lässt Wohnhaus leer stehen

Andree Wenzel ist ein ehemaliger Mieter des Hauses an der Schillerstraße und beklagt den Verfall des Gebäudes

Andree Wenzel ist ein ehemaliger Mieter des Hauses an der Schillerstraße und beklagt den Verfall des Gebäudes

Foto: Klaus Bodig / HA

„Mieter helfen Mietern“ kritisiert Saga, weil Sanierung stockt. Amt erteilt Baugenehmigung erst nach 26 Monaten.

Hamburg.  Die Schillerstraße in Altona-Altstadt ist eine kleine Wohnstraße, von der viele nur träumen können: Gründerzeithäuser, schöne Hinterhöfe, der Bahnhof ganz in der Nähe, und die Elbe ist nicht weit. Auch der Bürgermeister wohnt hier gleich um die Ecke. Nur das Haus Nummer 16 passt nicht ins hübsche Bild, jedenfalls bei näherem Hinsehen: Einige Fenster stehen trotz eisiger Kälte immer offen, der Putz bröckelt an der klassizistischen Fassade des unbewohnten Hauses herab. Leerstand mitten im begehrten Altona!

Ein Spekulationsobjekt könnte man meinen. Ein Vorwurf, der bei Leerständen immer wieder privaten Vermietern gemacht wird. Doch das 1860 erbaute und denkmalgeschützte Gebäude gehört der städtischen Wohnungsgesellschaft Saga. Bereits 2012 drängte das öffentliche Unternehmen die Mieter zum Auszug, obwohl die dort gerne wohnen bleiben wollten. 2015 zogen fast alle der Bewohner aus, darunter Familien mit kleinen Kindern. 2016 gab die letzte Mieterin auf.

Nachbarn sorgen sich

Seitdem herrscht dort Leerstand. Und offensichtlich gibt es in der Nachbarschaft Sorgen, dass das Haus verfällt. „Bei uns hat sich in jüngerer Zeit die Beschwerdelage deutlich erhöht“, sagt der Anwalt Marc Meyer vom Verein „Mieter helfen Mietern“, der die Bewohner des Hauses in den vergangenen Jahren beraten hatte.

Der Jurist Meyer ist als engagierter Mieterschützer bekannt und streitet sich oft mit Miethaien und Spekulanten. Gerade bewussten Leerstand prangert er angesichts der starken Nachfrage in Hamburg immer wieder an. „Dies hier ist aber besonders ärgerlich, weil es die Stadt selbst ist“, sagt er.

Verein fordert rasche Sanierung

Erst werde die Sanierung angekündigt, dann werde das Haus unbewohnbar gemacht. Ein solches Vorgehen kenne man sonst nur von „rabiaten Vermietern“, die aus spekulativen Interessen einen Abriss erzwingen wollen. Meyer: „Warum die Saga mit einem unter Denkmalschutz stehenden Haus so umgeht, ist nicht nachvollziehbar.“

Der Verein „Mieter helfen Mietern“ fordert daher nun eine rasche Sanierung, wie er am Donnerstag mitteilte. Der Leerstand sei unter „rechtlichen und sozialen Aspekten“ unerträglich. Die Saga als Spekulant? Das Wohnungsunternehmen wehrt sich gegen solche Vorwürfe und spricht von einem „komplexen Vorhaben“, bei dem der besondere Charakter des Gründerzeithauses erhalten bleiben soll und deshalb ein umfangreicher Abstimmungsprozess erforderlich sei. Und das brauche eben auch viel Zeit.

Ersatzwohnungen angeboten

Solche umfangreichen Baumaßnahmen seien zudem nur in einem unbewohnten Zustand möglich. Man habe daher allen Mietern Ersatzwohnungen und auch eine Rückkehr angeboten – wovon jetzt aber nur zwei von acht Mietparteien Gebrauch machen würden. Im Übrigen sei der bauliche Zustand des Gebäudes so schlecht, dass zwischenzeitlich eine Feststellung der Unbewohnbarkeit beim Bezirksamt beantragt wurde – was sich aber mit dem Auszug der Mieter erübrigt habe.

Wie marode zum Teil die Bausubstanz sei, habe sich nach Angaben der Saga auch gezeigt, als Handwerker eine Zwischendecke geöffnet hatten. Und dabei sei ein „hohes Schadensbild“ festgestellt worden. Die relative lange Leerstandszeit erklärt die Saga aber auch mit der langen Genehmigungsdauer beim zuständigen Bauamt im Bezirk. So wurde die Baugenehmigung der Saga zufolge bereits im Dezember 2015 eingereicht. Aber erst jetzt, am 9. Februar, sei die endgültige Genehmigung erteilt worden.

„Auf uns wurde richtig Druck ausgeübt“

Nun soll Ende des Jahres mit den Arbeiten begonnen werden, um später dann alle acht Wohnungen wieder zu vermieten. Die Geschichte von Auszug und Ersatzwohnungen klingt jedoch etwas anders, wenn man mit ehemaligen Mieterin spricht. „Auf uns wurde richtig Druck ausgeübt, man kam sich vor wie bei einem Miethai“, sagte eine Mieterin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Auch der 54 Jahre alte Andree Wenzel wohnte mit Frau und kleinen Kindern in dem alten Haus an der Schillerstraße. Günstig mit 760 Euro warm in einer Dreizimmerwohnung, der Kindergarten gleich gegenüber und eine nette Hausgemeinschaft sorgten für ein wohliges Umfeld. Die Wohnung selbst sei völlig in Ordnung gewesen, sagt er. Warum die Saga plötzlich so dringend sanieren wollte, sei aus Mietersicht nicht zu verstehen gewesen.

Ja, ihm seien Ersatzwohnungen angeboten worden, die aber seien völlig ungeeignet gewesen, sagt er. Wenzel suchte schließlich selbst, doch im begehrten und zentralen Altona fand die Familie nichts. Jetzt wohnen die Wenzels in Lurup – weit weg von den früheren Nachbarn. Nur zum Kindergarten brachte er seine Kinder noch eine Weile an die Schillerstraße: „Ein Graus zu sehen, wie das schöne Haus immer weiter verfällt“, sagt er.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.