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Türkei-Krise: Deutsche Sender stoppen Podolski-Spot

Das sind die Streitpunkte im deutsch-türkischen Verhältnis

Deutschland und die Türkei sind Partner, zumindest offiziell. Denn die Beziehungen zwischen Berlin und Ankara sind schon seit Monaten angespannt. Von Menschenrechte über Auftrittsverbote - das sind die wichtigsten Konfliktpunkte.

Das sind die Streitpunkte im deutsch-türkischen Verhältnis

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Als Außenminister Gabriel vor Investitionen in der Türkei warnte, lief im TV Werbung genau dafür auf Hochtouren. Die wird nun gestoppt.

Berlin.  Jetzt ist Schluss mit dem Spot von Fußballer Lukas Podolski. Er schießt in deutscher Fernsehwerbung vorerst keine Tore mehr für seinen früheren Verein Galatasaray Istanbul. Und er sagt auch nicht mehr im TV: „Come to Turkey, discover your own story“.

N-TV und N24 haben am Donnerstag entschieden, umstrittene Werbespots mit dem Fußballer und mit Wirtschaftsbossen nicht mehr zu zeigen. Beide Sender bestätigten unserer Redaktion das Aus. Bereits am Dienstag war eine Zeitungsanzeige abgelehnt worden.

Damit endet eine großangelegte wochenlange Werbekampagne der Vereinigung türkischer Exporteure unter der Schirmherrschaft der Erdogan-Regierung vorzeitig. Das dürfte auch eine Erleichterung sein für einige Weltkonzerne, die wegen ihrer Beteiligung an der Kampagne zunehmend unter Druck gerieten. Ford, Toyota, Fiat-Chrysler, Samsung, Nestlé, Vodafone, Unilever und noch ein paar weitere Schwergewichte hatten mitgespielt.

Donnerstag: Gabriel warnt, Weltkonzerne werben

Am Donnerstag hatten die Spots im Umfeld der Pressekonferenz von Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) zu einer bizarren Situation geführt: Der Minister hatte erklärt, wieso Deutschland Investitionen in der Türkei nicht mehr für sicher hält und die Absicherung von Krediten auf den Prüfstand stellt . Zugleich liefen davor und danach in den Analysen seines Auftritts Werbeunterbrechungen mit den Imagefilmen, in denen die Türkei-Chefs der Weltkonzerne vom Wirtschaftsstandort Türkei schwärmten.

Vielen Zuschauern fiel das auf, die Kritik wuchs auch mit Verweis auf die unter fadenscheinigen Gründen inhaftierten Deutschen, wie etwa der Journalist Deniz Yücel und der Menschenrechtler Peter Steudtner.

Eine Sprecherin von RTLs Vermarktungsfirma IP Deutschland, die auch die Werbezeiten bei N-TV verkauft, sagte unserer Redaktion: „Nachdem sich die politische Lage in den letzten beiden Tagen grundlegend verändert hat und der Bundesaußenminister inzwischen vor Investitionen in der Türkei öffentlich warnt, halten wir eine weitere Ausstrahlung der Kampagne für nicht sinnvoll.“

Keine höhere Taktung zur Gabriel-Pressekonferenz

N24-Sprecherin Kristina Faßler äußerte sich ähnlich: „Auch wenn wir klar zwischen Programm und Werbung trennen, ist es uns auch wichtig, unser Publikum in Anbetracht der neuesten Entwicklungen nicht zu irritieren.“ Für WeltN24 ist auch der Journalist Yücel tätig, der seit mehr als 150 Tagen in der Türkei inhaftiert ist.

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Die Spots wurden nicht gezielt zu der Pressekonferenz ausgestrahlt, auch wenn manche Zuschauer das so vermuteten. „Es gab am Donnerstag weder eine höhere noch eine geringere Frequenz des Spots. Diese waren schon geplant, als noch niemand von der Pressekonferenz wusste“, sagte Faßler. Seit Mitte Juni liefen sechs verschiedene Spots, nach Informationen unserer Redaktion seither in der gleichen hohen Frequenz.

Kampagnen-Idee von türkischem Minister

Die Idee zu der Kampagne hatte der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci aber schon vor mehr als einem Jahr. Kurz nach dem gescheiterten Putschversuch hatte er damit viel Unterstützung gefunden. Nestlé Deutschland erklärt, die Kampagne sei für eine Veröffentlichung im Oktober 2016 geplant gewesen. Das wäre lang vor dem Referendum über mehr Machtfülle für Erdogan gewesen, zu Zeiten auch, als noch deutlich weniger Menschen in der Türkei entlassen und in Haft waren.

Gestartet wurde die Kampagne aber erst Ende März diesen Jahres. Zum Start meldete die Zeitung „Daily Sabah“ Ende März, dass die Kampagne sich über ein Jahr erstrecken soll. Die Türkische Vereinigung exportierender Unternehmen (TIM) als Organisator wolle mit „Discover the potential“ (Entdecke das Potenzial) in den sieben Ländern Deutschland, USA, Russland, Großbritannien, Italien und den Vereinigten Arabischen Emiraten 500 Millionen Menschen erreichen soll.

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Nestlé stieg nach vier Wochen aus

Nestlé stieg als erstes Unternehmen aber schon einen Monat später wieder aus. „Ende April 2017 haben wir bekanntgegeben, dass wir unsere Teilnahme an der Kampagne bis auf Weiteres gestoppt haben“, sagte ein Sprecher unserer Redaktion. In Deutschland war einmalig eine Anzeige in der „Zeit“ erschienen. „Auf den Veröffentlichungstermin hatten wir keinen Einfluss“, sagte der Sprecher.

Ein mit Felix Allermann, CEO von Nestlé Türkei, produzierter Werbefilm findet sich aber zumindest im Youtube-Kanal von TIM weiterhin. Und Allermann und Nestlé fanden sich dann am Dienstag auch plötzlich als Anzeigenmotiv in Sozialen Netzwerken wieder.

Der „Tagesspiegel“ lehnte den Abdruck dieser Anzeige ab, wie Chefredakteur Lorenz Maroldt auf Twitter schrieb. Zuvor war die „SZ“ für eine andere Anzeige aus der Türkei heftig kritisiert worden.

Wenig Verständnis bei Fans für Podolski-Werbung

Vorgelegt wurde der „Tagesspiegel“-Chefredaktion das Motiv mit dem Zusatz, es solle „so oder so ähnlich erscheinen“, so Maroldt zu unserer Redaktion. Nestlé wäre allerdings mit einer Veröffentlichung nicht einverstanden gewesen. „Der seit April bestehende Stopp gilt nach wie vor“, hieß es aus dem Unternehmen.

Nestlé war für die Beteiligung an der Kampagne kritisiert worden. Das Unternehmen bekam aber ungleich weniger Kritik und Öffentlichkeit ab als Fußballer Podolski. Über dessen Beteiligung hatten sich Fans immer wieder enttäuscht geäußert.

Deutsche Unternehmen hatten abgelehnt

Podolski ist das einzige deutsche Gesicht der Kampagne. Deutsche Unternehmen waren angefragt worden, hatten aber abgesagt, wie die FAZ berichtete. Daimler hätte demnach wie etwa Siemens Gesicht zeigen dürfen für den Wirtschaftsstandort Türkei, tauchte dann aber laut „Zeit“ auch auf einer Liste terrorverdächtiger Unternehmen auf.

„Anbiedern an Erdogans Türkei“ hatte die FAZ zum Engagement der übrigen Konzerne getitelt. Sie hatte auch spekuliert, mit dem Werbefeldzug wollten die Unternehmen vor allem eigene Investitionen retten.

Es gibt aber auch eine andere Sicht. Natürlich seien die Spots vor der Ausstrahlung geprüft worden, erklärt N24. Bedenken habe es nicht gegeben. Zum einen stehe mit TiM eine Organisation dahinter, die vergleichbar sei mit den Industrie- und Handelskammern in Deutschland.

Zum anderen könne man auch kein Interesse daran haben, dass es der Wirtschaft in der Türkei schlecht geht. „Das schadet zuallererst den ganz normalen Menschen in der Türkei, von denen ein sehr großer Teil mutig gegen Erdogan gestimmt hat“, sagte N24-Sprecherin Faßler.

TiM hat auf eine Anfrage unserer Redaktion noch nicht geantwortet.

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