Thalia Theater Premiere

"Die Blechtrommel": Aus der Zeit gefallen

Die Schauspielerinnen Barbara Nüsse und Gabriela Maria Schmeide (r.) im Thalia Theater in der "Blechtrommel" nach dem Buch von Günter Grass

Die Schauspielerinnen Barbara Nüsse und Gabriela Maria Schmeide (r.) im Thalia Theater in der "Blechtrommel" nach dem Buch von Günter Grass

Foto: dpa

Wacker spielt Barbara Nüsse den alternden Oskar Matzerath. In der "Blechtrommel" am Thalia Theater ist der Höhepunkt aber der vorgelesene Text von Günter Grass.

Hamburg. Die Geschichte von Oskar Matzerath, der als Dreijähriger beschließt, nicht mehr zu wachsen und der sich mit seiner Trommel vor dem Zugriff der Erwachsenen schützt, hat Günter Grass ironisch-distanziert als Bildungsroman mit dem Titel „Die Blechtrommel“ geschrieben. Sie hat ihm den Literatur-Nobelpreis eingetragen. Filmregisseur Volker Schlöndorff hat „Die Blechtrommel“ so wunderbar verfilmt, dass es ihm einen „Oscar“ eingetragen hat. Nun aber soll der Stoff anscheinend dringend noch auf eine Theaterbühne, die des Thalia Theaters.

Obwohl dort in dieser Spielzeit bereits ein anderer bedeutender deutscher Roman, „Die Deutschstunde“, fürs Theater eingerichtet worden ist. Gibt es nicht mehr genug Stücke? Wohl kaum. Regisseur Luk Perceval hat sich also den lebensprallen, geschichtsträchtigen Roman „Die Blechtrommel“ für seine Inszenierung vorgenommen, um ihn nun am Thalia Theater als graumäusige Version eines Ausgestoßenen und Verstörten zu erzählen. Sechs Schauspieler singen oder verstecken sich hinter der weißen Wäsche, die Annette Kurz ins Zentrum ihres Bühnenbildes hängt. Barbara Nüsse spielt den altgewordenen Oskar, der in einer Nervenheilanstalt die Geschichte seines Lebens, seiner Ablehnung erzählt.

Leider bleiben ihr nicht viele Varianten, meist muss sie traurig gucken und sauertöpfisch vorne rechts an der Rampe mit umgehängter Trommel stehen. Wie lebendig und lebensprall Grass’ Text dagegen ist, hört man lange Zeit über die Tonanlage, dort, wo der junge David Hofner wunderbar moduliert und bildhaft den Roman vorliest. Aber was ist das für ein Theaterabend, an dem ein von einem Kind im Off vorgelesener Text das herausragende Ereignis ist? Kein aufregender, kein anregender jedenfalls. Zu Beginn singt das Ensemble „An der Saale hellem Strande“, am Schluss „Ist die schwarze Köchin da“. „Was soll das?“ hätte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki dazu wohl gesagt. Diese Frage blieb offen. Denn der Roman und auch dessen Verfilmung bieten so viel mehr. Günter Grass musste sich am Ende auf der Bühne verbeugen. Wenigstens das.