Leitartikel

Rücktritt des HSV-Präsidiums offenbart mehrere Dinge

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Henrik Jacobs ist Reporter im Sportressort des Hamburger Abendblatts.

Henrik Jacobs ist Reporter im Sportressort des Hamburger Abendblatts.

Foto: Marcelo Hernandez

Marcell Jansen sowie seine Vizepräsidenten Thomas Schulz und Moritz Schaefer ziehen die Konsequenzen. Nun sind die Mitglieder am Zug.

Hamburg. 

Die Reaktionen waren einhellig, als das Abendblatt am Dienstagabend um 19.51 Uhr via Twitter exklusiv den Rücktritt des gesamten HSV-Präsidiums vermeldete. „Auch als Tabellenführer muss so viel Zeit sein, noch ein Chaosverein zu bleiben“, schrieb User James Zabel. Timo_S04 meinte: „Da will wohl jemand seinen Status als größter Chaos-Club Deutschlands zurück.“ Käpt’n Chaos sagte: „Der HSV musste langsam nachlegen. Schalke ist ja fast vollends davongeeilt.“ Und Vertikalpass schrieb in Versalien: „WAS FÜR EIN CHAOSCLUB!“

Die Rückkehr des Chaosclubs – so in etwa konnte man die allgemeine Stimmungslage im Netz zusammenfassen, nachdem Präsident Marcell Jansen sowie seine Vizepräsidenten Thomas Schulz und Moritz Schaefer nach einem wochenlangen Machtkampf die Konsequenzen gezogen und in ihrem festgefahrenen Richtungsstreit endlich eine klare Entscheidung herbeigeführt hatten.

Rücktritt des HSV-Präsidiums war der logische Schritt

Was viele Fans des HSV zunächst nicht verstanden haben: Der Rücktritt des Präsidiums ist nicht die Rückkehr in frühere Chaos-Zeiten, sondern war der logische Schritt und bietet die Chance, sich vom noch immer tief verwurzelten Image des Chaosclubs zu befreien. Chaos wäre auf den HSV zugekommen, wenn tatsächlich mehrere Tausend Mitglieder in einer digitalen Versammlung über den Abwahlantrag des Ehrenrats gegen Thomas Schulz abgestimmt hätten.

Ein einmaliges Vorgehen, das die Juristen schon in der Planung der außerordentlichen Mitgliederversammlung vor zahlreiche Unabwägbarkeiten gestellt hat. Die Schlagzeilen wären dem HSV nicht nur in Hamburg sicher gewesen, hätte es bei der digitalen Abstimmung technische Probleme gegeben. Das Chaos wäre programmiert gewesen.

Der Rücktritt des Präsidiums war daher zum Wohle des Vereins die einzige Chance, weiteren Schaden vom HSV fernzuhalten. Gleichzeitig zeigen die Reaktionen auch, dass die meisten Mitglieder offenbar gar nicht verstanden haben, worum es in diesem Richtungsstreit eigentlich ging. Zu komplex waren die vielen Fragen rund um die Rolle des Beirats, des Ehrenrats oder auch des Aufsichtsrats. Oder wie ein Twitter-User schrieb: „Irgendwer muss mir jetzt sagen, ob Boldt und Mutzel bleiben.“

In Struktur und Satzung des HSV besteht Reformbedarf

Ja, Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel bleiben beim HSV. Und nein, der Rücktritt des Präsidiums hat keinen Einfluss darauf, ob in der Mannschaft des Zweitliga-Tabellenführers nun Unruhe aufkommen könnte und die gute Ausgangslage im Aufstiegskampf erneut verspielt wird.

Und doch hat der monatelange Streit in der Vereinsführung gleich mehrere Dinge offenbart. Zum einen, dass in der Struktur und der Satzung des Vereins erheblicher Reformbedarf besteht. Zu undurchsichtig war das Vorgehen des Ehrenrats, zu mächtig erscheint die Rolle des Beirats. Das neue Präsidium muss klare Strukturen schaffen, um neue Machtkämpfe zu verhindern.

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Zum anderen sollten die Mitglieder die Erkenntnis gewonnen haben, dass sie trotz der Ausgliederung 2014 noch immer großen Einfluss darauf haben, in welche Richtung die HSV Fußball AG steuert, und welche Reformen der Club auf den Weg bringen muss. Der zurückgetretene Thomas Schulz bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Kommt so zahlreich wie möglich zur Mitgliederversammlung. Dort habt ihr die Möglichkeit, zu gestalten und mitzuwirken.“

Schulz hat recht: Die Mitglieder haben die große Chance, auf der nächsten Versammlung ein neues Präsidium zu wählen und die Zukunft des HSV entscheidend mitzugestalten. Sie haben jederzeit die Chance, Einfluss darauf zu nehmen, ob beim HSV Ruhe einkehrt – oder irgendwann wieder Chaos regiert.

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