Leitartikel

Corona-Impfstoff in Sicht!

Lars Haider ist Chefredakteur  des Hamburger Abendblatts 

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts 

Foto: Andreas Laible

Warum wir auf ein Ende der Corona-Pandemie hoffen dürfen – und aufpassen müssen.

Hamburg. Es ist noch gar nicht lange her, da sorgte ein Positionspapier auf der Internetseite des Robert-Koch-Instituts (RKI) für Verwirrung: Darin war zu lesen, dass die Behörde mit einem Impfstoff gegen Corona schon in diesem Herbst rechnet und man deshalb unverzüglich mit der Planung entsprechender Impfkampagnen in Deutschland beginnen müsse.

Doch kaum hatten die ersten Medien darüber berichtet, zog das RKI das Papier zurück und behauptete, es habe sich dabei um eine veraltete Einschätzung gehandelt. Das wiederum ließ Experten stutzig werden, weil die Behörde sich in der Vergangenheit immer sehr zurückhaltend zum Thema Impfstoff geäußert hatte, den man, wenn überhaupt, frühestens im kommenden Jahr erwartete. Ein neues Positionspapier wurde angekündigt, das nicht kam – und um das Chaos perfekt zu machen, verkündete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wenig später, er sei optimistisch, dass „in den nächsten Monaten und spätestens Anfang kommenden Jahres“ ein Impfstoff zur Verfügung stehen werde.

Impfkampagnen der Bundesländer

Heute ahnen wir: Das Positionspapier des RKI dürfte nicht veraltet, sondern einfach zu früh veröffentlicht worden sein. Inzwischen sind die Bundesländer, auch Hamburg, aufgefordert worden, sich sofort an Impfkampagnen zu machen, selbst Oberkritiker Karl Lauterbach von der SPD hat keinen Zweifel mehr daran, dass einer oder mehrere Impfstoffe in den nächsten Monaten, spätestens aber zum Anfang des Jahres 2021 kommen. Bleibt die Frage, was das Hin und Her des RKI sollte.

Die Antwort führt uns in die Tiefen der öffentlichen Kommunikation in Pandemiezeiten, die verständlicherweise nicht einfach und manchmal nicht so transparent ist, wie man sich das als Bürger wünscht. Denn offenbar weiß man an verantwortlicher Stelle schon länger, dass ein Impfstoff in für unmöglich gehaltener Rekordgeschwindigkeit kommt, im besten Fall bereits in diesem Herbst. Vielleicht hatte man Zweifel, ob es richtig ist, das der Bevölkerung offensiv in Zeiten in Aussicht zu stellen, in denen die Infektionszahlen wieder deutlich nach oben gehen. Motto: Wenn alle wissen, dass der Impfstoff bald kommt, werden noch mehr Menschen bei der Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln nachlässiger.

Aufmerksamkeit gegenüber Virus darf nicht nachlassen

Tatsächlich ist es vernünftig, die Spannung im Volk hochzuhalten, die Aufmerksamkeit gegenüber dem Virus darf nicht nachlassen. Und trotzdem darf das nicht dazu führen, Mut machende Erkenntnisse zu unterdrücken. Dazu gehört sowohl die Entwicklung eines Impfstoffes als etwa auch die Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO, dass Europa mit großer Wahrscheinlichkeit an einem zweiten Lockdown vorbeikommen wird.

Schluss sein muss im Übrigen auch mit der permanenten Diskussion über eine vermeintliche zweite Welle, die leider auch von einigen Medien betrieben wird. Die Welt ist weit von einer zweiten Welle entfernt, weil sie sich immer noch in der ersten befindet. Die Infektionszahlen steigen seit Monaten an, haben erst in den vergangenen Tagen so etwas wie ein (sehr, sehr hohes) Plateau erreicht. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck hat recht, wenn er von einer „Dauerwelle“ spricht, die von Land zu Land nur deshalb stärker zu spüren ist, weil die Eindämmungsmaßnahmen so unterschiedlich sind.

Soll heißen: Wer etwa die AHA-Regeln verdrängt oder in Risikogebiete reist, wird mit einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen bestraft. So einfach ist das, das hat nichts mit einer zweiten Welle zu tun, sondern schlicht mit unserem Verhalten. Also: Jetzt bitte nicht nachlassen und immer daran denken: Der Impfstoff ist in Sicht!