Kommentar

Schule und Corona: Vorbereitungen sind erbärmlich

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des in Berlin produzierten­ Magazins „Cicero“.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des in Berlin produzierten­ Magazins „Cicero“.

Foto: Cicero

Während die Bundesliga für den Saisonstart ein durchdachtes Konzept vorlegt, versagt die Politik bei einem wichtigeren Thema kläglich.

Hamburg. Corona entblößt, entblättert und fördert die Dinge zutage. Manchmal auch die offensichtlichen. Zum Beispiel, dass es sich beim Fußball hierzulande um eine Art Grundrecht handelt. Schon zu Beginn der Pandemie wurde nur wenigen betroffenen Bereichen eine ähnlich hohe Aufmerksamkeit gewidmet wie der Frage, was denn dieses verdammte Virus für die Bundesliga bedeutet. Und das, obwohl schon damals klar war, dass alle Stadien mit Sprechgesängen und Menschen, die sich bei Toren in die Arme fallen, ein maßgeblicher Treiber bei der Verbreitung von Sars-Cov-2 waren.

Bald schon wurde ein Corona-Spielbetrieb wieder ermöglicht, um den Fans am Bildschirm das Sonnabendsritual zu ermöglichen. Und den Clubs die Einnahmen aus den TV-Rechten zu sichern. Als Fußballabstinenzler, zu denen ich gehöre, konnte man da schon gehörig staunen über die Wirkmacht dieses Sports. Er scheint in Deutschland systemrelevant zu sein.

Insofern war es nur folgerichtig, dass die Bundesligavereine und ihr Verband für den Start der neuen Saison ein Konzept vorlegen würden, demzufolge der Spielbetrieb wieder inklusive Publikum aufgenommen werden könnte. Die Fußballmanager haben ihre Hausaufgaben gemacht und sich für den Saisonstart etwas Durchdachtes einfallen lassen.

Schulbeginn: Ratlosigkeit ist ein bundesweites Phänomen

Für die Politik und einen ganz anderen Saisonstart kann man das leider nicht sagen. Bundesland für Bundesland werden nun die Schulen wieder öffnen, und obwohl dieser Schulbeginn nicht unverhofft kommt wie vor Monaten die Seuche selbst, sind die Vorbereitungen auf diesen großen Corona-Feldversuch erbärmlich. Es mag von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein, aber Rat- und Orientierungslosigkeit sind ein bundesweites Phänomen unter den Betroffenen.

Maske im Klassenzimmer oder nicht? Verkleinerte Klassen oder nicht? Wie soll das gehen bei einem geschrumpften Lehrerkontingent, weil viele mit einem Attest wedeln? Wer dieser Tage mit Lehrern und auch Eltern spricht, trifft auf eine Mischung aus Wut und Ohnmacht. Dabei sind Kinder noch schwerer zu disziplinieren als Fußballfans im Torrausch.

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Es war einfach, seinerzeit beim Beginn der Pandemie, die Schulen zu schließen. Die Folgen wurden auf die Schultern der Eltern gelegt, die das seither gestemmt haben. Es wäre eine politische Bringschuld, nein: eine Selbstverständlichkeit, diesen Helden des neuen Corona-Alltags zum Ende der Sommerferien ein schlüssiges Konzept zu präsentieren. Stattdessen erweist sich von der Kultusministerkonferenz über die Schulämter bis in die einzelnen Einrichtungen hinein das System Schule als dysfunktional.

Der Schulbetrieb ist ein notwendiges Wagnis

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister hat erklärt, dass von den getesteten Urlaubsheimkehrern etwa 2,5 Prozent das Virus aus den Ferien mitbringen. Alarmierend ist auch der Umstand, dass die täglichen Fallzahlen des Robert-Koch-Instituts wieder vierstellig geworden sind.

In diesem zeitlichen Kontext ist der Schulbetrieb ein Wagnis, ein notwendiges Wagnis, aber ein Wagnis, das penibler­ Vorbereitung bedurft hätte und klarer Kommunikation auf allen Kanälen. Es geht um essenzielle und existenzielle Dinge. Die Bildung unserer Kinder, die kollektive Gesundheit der Gesellschaft und darum, die Wirtschaft vor einem zweiten verheerenden Lockdown zu bewahren. Bisher hat sich die Politik auf Bundes- wie Landesebene in Deutschland gut geschlagen im Kampf gegen Corona. In der Frage eines wieder einigermaßen normalen Schulbetriebs aber hat sie kläglich versagt.