Leitartikel

Der Weg aus der Krise: Debatten statt Aktionismus

| Lesedauer: 3 Minuten
Peter Wenig
Peter Wenig ist Autor des Abendblatts.

Peter Wenig ist Autor des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Im Umgang mit der Coronakrise braucht es mehr Selbstkritik und eine Streitkultur. Wir müssen raus aus dem politischen Wachkoma.

Zur Hollywood-Inszenierung fehlten nur noch Top-Gun-Jacken und Pilotenbrillen. Entschlossen und doch betont lässig inspizierten am Dienstag Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und sein CSU-Parteifreund Andreas Scheuer die Fracht, die aus der Boeing 777 geladen wurde. „Wir haben geliefert“, verkündete dann der Verkehrsminister voller Stolz auf dem Rollfeld, das gewellte Haar für die Kameras sorgsam geordnet. Mag der Stress in diesen Coronatagen noch so groß sein, Zeit für den Empfang von acht Millionen Atemmasken aus China muss einfach sein.

Nun provoziert jede Krise den Reflex, medienwirksam den Kümmerer zu geben. Gerhard Schröder stapfte 2002 in Gummistiefeln durch verheerende Elbfluten zum hauchdünnen Wahlsieg im Kanzlerduell gegen Edmund Stoiber. Scheuer hätte man indes nach seinem Mautdesaster nicht in der ersten Reihe der Anticoronakämpfer erwartet.

Der Spitzenrang in Sachen Selbstgefälligkeit gebührt Sebastian Kurz. Als Österreichs juveniler Kanzler erste Coronalockerungen verkündete, strotzte er vor Eigenlob. Dass am 14. April kleinere Geschäfte wieder öffnen dürften, sei nur seinem Krisenmanagement zu verdanken. „Wir haben schneller und restriktiver reagiert“, sprach Kurz. Was mögen bei diesen Worten die Coronainfizierten aus halb Europa gedacht haben, die sich das Virus einhandelten, weil Österreich den Coronahotspot Ischgl viel zu spät dichtmachte?

Das Ausmaß der Corona-Katastrophe hat uns alle überrollt

„Mehr Demut wagen“, wäre in diesen Krisenzeiten für viele Spitzenpolitiker eine gute Lösung. Etwa gegenüber Pflegekräften und Ärzten, die wir seit Wochen mit unzureichender Schutzkleidung an die Virenfront schicken, weil die Bundesregierung ihre bereits 2012 erstellte Risikoanalyse für ein Pandemie-szenario sträflich ignorierte. Auch das jahrelange Dilettieren bei dem Versuch, Gesundheitsdaten einheitlich digital zu speichern, rächt sich nun bitter: Viele Intensivmediziner müssen sich nun über Arztbriefe und kopierte Krankenhausakten beugen, um nach Vorerkrankungen ihrer Patienten zu fahnden.

Damit kein Missverständnis entsteht: Das Ausmaß dieser Katastrophe hat uns alle überrollt. Und wer binnen Stunden über Kontaktsperren, Schließung von Geschäften und das Hochrüsten von Kliniken entscheiden muss, kann nicht jedes Detail berücksichtigen.

Doch nun, in der zweiten Phase, wo es um den Weg aus der Krise geht, helfen weder bajuwarische Machtdemonstrationen noch schleswig-holsteinischer Aktionismus wie bei den grotesken Grenzkontrollen. Und auch die ständigen Appelle, ja nicht zu früh über Exit-strategien zu reden, mögen gut gemeint sein, sind aber dennoch falsch.

Wir müssen raus aus dem politischen Wachkoma

Denn wir müssen raus aus dem politischen Wachkoma. Reden. Diskutieren. Hinterfragen. Warum können Baumärkte selbst für private Kunden öffnen, während Buchhandlungen nur ausliefern dürfen? Sind Tapeten etwa systemrelevanter als Buchseiten? Wieso dürfen auf dem Friedhof Ohlsdorf durch die Beschränkung auf sechs Trauergäste oft nicht einmal mehr die Enkelkinder die Oma, den Opa auf dem letzten Weg begleiten, während viele andere Hamburger Friedhöfe 20 Teilnehmer bei Beerdigungen erlauben?

Mit welchem Recht schicken wir die Kassiererin acht Stunden ins Virenrisiko-Center und verbieten ihr zugleich den Gang mit ihren Kindern zum Spielplatz? Wie verhindern wir, dass Pflegeheimbewohner an gebrochenen Herzen sterben, weil wir sie durch Besuchsverbote schützen wollen? Und wie schaffen wir es, dass Gastronomen und Kulturschaffende, die unser Leben erst reich machen, wirtschaftlich irgendwie überleben?

Aus dieser Katastrophe führt kein Königsweg, kein Patentrezept. Und genau deshalb brauchen wir die Debatte.

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