Sportplatz-Kolumne

Warum die Hamburg Towers absteigen dürfen

Das Interesse am Wilhelmsburger Basketballclub ist trotz acht Heimniederlagen ungebrochen. Jetzt muss der „Elbdome“ kommen.

Als im April vergangenen Jahres Marvin Willoughby, Sportchef und Gesellschafter der Hamburg Towers, sinnierte, welche Folgen ein möglicher Aufstieg in die Basketball-Bundesliga haben könnte, fürchtete er: „In der Zweiten Liga haben wir zwölf von 15 Heimspielen gewonnen, in der Bundesliga könnte sich das umdrehen. Wie reagieren dann unsere Zuschauer auf den ausbleibenden Erfolg? Macht es nicht viel mehr Spaß, egal in welcher Spielklasse, regelmäßig zu gewinnen, als viel öfter zu verlieren?“

Zehn Monate später, nach der geglückten Versetzung in die Basketball-Bundesliga und dort 18 absolvierten Spielen (von 32), haben die Towers erste Antworten auf Willoughbys Sinnfragen geliefert. Von den gemutmaßten drei Heimsiegen sind die Wilhelmsburger weiter weit entfernt, sie verloren alle acht Auftritte in ihrer edel-optics.de Arena. Der neunte Versuch steht Sonnabend gegen den Tabellenvierten Crailsheim an.

Der Spaß an den anfangs nicht immer, inzwischen aber immer öfter erst­ligareifen Darbietungen, und das ist auch eine für Willoughby überraschende Erkenntnis, ist dem Publikum bislang nicht verloren gegangen. Die Halle war mit 3400 Besuchern stets voll besetzt, am Sonnabend ist sie es auch; saisonübergreifend sind das nun 23 ausverkaufte Begegnungen in Folge. Zwar liegt der Rekord des NBA-Clubs Dallas Mavericks, der seit 18 Jahren 818-mal hintereinander offiziell alle 19.842 Eintrittskarten absetzte, noch nicht in Wurfweite, ein Anfang jedoch scheint gemacht.

Womit wir zur entscheidenden Frage kommen. Darf die Mannschaft, nach immerhin schon drei Auswärtssiegen Tabellenvorletzter, wieder absteigen, was diesmal nur dem Schlusslicht widerfährt? Sie darf! Der Klassenverlust mag eine schmerzliche sportliche Zäsur sein, zu einer existenziellen wird er nicht.

Hamburg Towers haben ein selbst auferlegtes Tempolimit

Die Towers haben sich in den jetzt fast sieben Jahren ihres Bestehens für Tugenden entschieden, die selten sind in einer Branche, die hektisch wie kaum eine andere auf Ausschläge des Tagesgeschäfts, sprich Ergebnisse, reagiert. Die Rede ist von Geduld, vom Aufbau tragfähiger Strukturen, einem stabilen Umfeld, von langfristigen Zielen, nachhaltigem, organischem Wachstum, von vielen kleinen Schritten – einem selbst auferlegten Tempolimit. „More than Basketball“, mehr als Basketball, lautet die gelebte Vereinsphilosophie, die ihren stärksten Ausdruck in dem geplanten Wilhelmsburger Quartierssportzentrum findet, das einmal in eine Stiftung überführt werden soll.

Sportliche Rückschläge sind bei dieser Entwicklungsstrategie auszuhalten, ja einkalkuliert, und der Club hat in dieser Saison bereits einige hinnehmen müssen, ohne – siehe oben – dass das Zuschauer- oder Sponsoreninteresse nachließ. Und der Verein hat in seiner Kommunikation auch keine Erwartungen geweckt, die eine Identitätskrise auslösen könnten. Dass sich die Towers mittelfristig in der ersten Tabellenhälfte der Bundesliga etablieren wollen, widerspricht dem nicht. Dazu bedarf es – als wirtschaftlicher Basis – einer mindestens doppelt so großen Spielstätte, die Towers-Hauptgesellschafter Tomislav Karajica seit mehr als drei Jahren auch plant. Der „Elb­dome“, möglicher Standort am S-Bahnhof Veddel, steckt aber weiter in den Mühlen von Bürokratie und Behörden.

Solange diese Perspektive fehlt, darf die sportliche Klassenzugehörigkeit – ähnlich wie beim befreundeten Handball Sport Verein Hamburg (HSVH), einem Zweitligisten – aktuell ein Nebenaspekt bleiben. Nach schmerzlichen Erfahrungen in der Vergangenheit haben die Hamburger und Hamburgerinnen akzeptiert, dass es sportliche Erfolge ohne solides finanzielles Fundament langfristig nicht geben kann. Welches Zuschauerpotenzial Basketballer und Handballer haben, zeigen ihre temporären Ausflüge in die Barclaycard Arena am Volkspark. Die Handballer begrüßten zu ihren dortigen Weihnachtsspielen schon dreimal fast 10.000 Besucher, für das Bundes­ligaspiel der Towers am 26. April gegen den deutschen Meister Bayern München sind bereits 10.300 Tickets verkauft.