Meinung
Deutschstunde

Auch Wörter können auf dem Friedhof landen

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Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Unser Sprachschatz altert im Laufe der Zeit. Was einem Hahnrei passierte, passiert einem Hagestolz nicht.

Immer noch muss ich an den Ingenieur denken, der mir seinerzeit schrieb, er lese mit Begeisterung an jedem Dienstag meine „Deutschstunde“, könne aber mit meiner Erklärung des Genitivobjekts und überhaupt mit den Regeln der Grammatik wenig anfangen, denn diesen Regeln fehle das Wesentliche: nämlich die Beweisbarkeit, wie sie den Naturgesetzen innewohne. Ich schrieb damals zurück, die Menschheit habe sich bereits mit den richtigen Worten und Formen verständigt, als die Naturwissenschaftler die Erde noch für eine Scheibe hielten. Aber ich will hier keinen Krieg der Fakultäten eröffnen.

Die deutsche Sprache ist kein ohmscher Widerstand und kein Hebelgesetz, sondern ein Füllhorn an Formen und Bausteinen, die allerdings untereinander verzahnt sind in der Notwendigkeit, dass das Gesprochene auch nachvollzogen werden kann. Diese Verzahnung beruht auf keinem Naturgesetz, sondern auf einer jahrhundertelangen Übung und Entwicklung. Schon bei den ersten Grunzlauten, die unsere Vorfahren ausstießen, mussten sie bestimmte Regeln für den Bau der Sprache einhalten, denn sie wollten schließlich verstanden werden. Bis heute ist es zum Beispiel ein entscheidender Unterschied, ob „der Hund“ den Briefträger beißt (Subjekt) oder ob der Briefträger nach dem 1001. Mal „den Hund“ zurückbeißt (Akkusativobjekt).

Weiß Ihr Nachwuchs, was ein „Backfisch“ ist?

Vor allem benötigen wir eine Anzahl von Wörtern, denen der Sprechende und der Angesprochene jeweils dieselbe Bedeutung zuordnen. Wenn ich sage: „Das Haus ist schön“, dann will ich, dass meine Begleiterin auf ein bestimmtes Gebäude mit Dach, Fenstern und Türen blickt und nicht auf die Katze, die davor durch den Garten läuft. Diesen Schatz an Wörtern brauchen wir beim Sprechen und Schreiben, doch dieser Schatz ist einem steten Wandel unterworfen. Was Großmutter noch wie selbstverständlich benutzte, versteht ihre Enkelin heutzutage nicht mehr.

Fragen Sie Ihren Nachwuchs doch einmal, was ein „Backfisch“ ist. Wahrscheinlich werden die Kinder auf das Angebot von Daniel Wischer oder auf eine Sonderaktion von Burger King tippen und fragen, wo das Sesambrötchen und das Salatblatt blieben, aber nicht darauf kommen, dass es sich um ein junges Mädchen handeln könnte, das jetzt „Teenie“ genannt wird. Und falls Sie eine promovierte Sozial­pädagogin als „Blaustrumpf“ bezeichnen sollten, hätte dieses Wort alle Chancen, zum Unwort des Jahres gewählt zu werden. Niemand nennt Heidi Klum noch „Vorführdame“ oder ein Picknick im Freien eine „Landpartie“.

Viele Wörter verschwinden im Laufe der Zeit

Viele Wörter verschwinden im Laufe der Zeit und landen im „Wortfriedhof“. Peter Graf hat in seinem Buch „Was nicht mehr im Duden steht“ untersucht, welche Stichwörter wann und warum im Laufe der 28 Auflagen des Rechtschreibdudens getilgt worden sind. Daraus ergibt sich eine Sprach- und Kulturgeschichte.

Bereits 1915 verschwand das Wort „einpaschen“, das „einschmuggeln“ bedeutete. Auch „naszieren“ sagen wir nicht mehr, sondern benutzen dafür das geläufige „geboren werden“. Hinter dem Verb „nonen“ verbarg sich nichts anderes als „Mittagsruhe halten“. Der Ausdruck „beleibzüchtigen“ klingt nach Folter, bedeutet jedoch, jemanden mit einer „Leibrente“ bis zu seinem Tode zu unterhalten. Die Juristen sprechen heute vom „Nießbrauch“. Eine „Hutgerechtigkeit“ war das Recht, sein Vieh an einer bestimmten Stelle hüten zu dürfen. Eine „Empfindelei“ klingt irgendwie gemütlicher als „Empathie“, und das leider unüblich gewordene Verb „fuchsschwänzeln“ verdeutlichte anschaulich die Tätigkeit des Schmeichelns einem anderen gegenüber.

Deshalb sind dermalen zahlreiche deutsche Wörter von anno dunnemals verschwunden, die wir fürderhin und dieserhalb daselbst nicht mehr gebrauchen, etwa das „Lämmerhüpfen“, der Tanz junger Leute auf der Diele oder im Wirtshaussaal. Verschwunden ist jetzo auch der „Hahnrei“, wie weiland ein Ehemann bezeichnet wurde, dem seine Frau Hörner aufgesetzt hatte – natürlich nur die Bezeichnung, nicht der Vorgang. Das konnte einem alten „Hagestolz“ nicht passieren, denn der lebte allein, sintemal er sich von seiner „Kollateralverwandtschaft“ zurückgezogen hatte.

deutschstunde@t-online.de

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