Meinung
Leitartikel

Kampfpanzer: Besonnenheit ist hilfreicher als Draufgängertum

| Lesedauer: 3 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Panzerlieferungen sind kein Spielball der Wahlkämpfe in In- und Ausland. Unsere Partner haben nicht automatisch mit ihrer Kritik recht.

Das Echo auf die Entscheidung des Bundeskanzlers, vorerst keine Leopard-Kampfpanzer in die Ukraine zu liefern, war so einhellig wie erwartbar: Olaf Scholz (SPD) sei ein Zögerer und Zauderer, die Entscheidung enttäuschend, empörend, blamabel. Es dauerte nicht lange, da meldeten sich auch Anton Hofreiter (Grüne) und Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP). Deutschland habe in Ramstein einen erheblichen Fehler gemacht und dadurch weiter Ansehen eingebüßt, wusste der grüne Biologe. Und die frühere Verlagsrepräsentantin fand die Kanzler-Entscheidung „tief betrüblich“.

Nachdem die beiden vorlauten Verteidigungspolitiker nicht ins Kabinett berufen wurden, haben sie offenbar eine neue Rolle gefunden. Sie sagen zuverlässig den Dreisatz, den derzeit viele in den Medien nur allzu gern hören: „Mehr Waffen! Schwereres Gerät! Schneller liefern!“ Mitunter fragt man sich, wo all diese Militärexperten eigentlich waren, als die Bundeswehr kurz und klein kaputtgespart wurde? Aber vielleicht waren sie damals noch Pandemie-Experten.

Besonnenheit ist in Zeiten des Krieges hilfreicher als Draufgängertum

Ein besonderes Ärgernis ist, dass hierzulande der Eindruck erweckt wird, Deutschland stünde mutterseelenallein da, und das gesamte Ausland schüttele den Kopf über den dickköpfigen Kanzler. Zwar gibt es Aussagen aus dem Baltikum und Polen, die wenig diplomatisch sind. Das bedeutet aber nicht, dass unsere Partner automatisch mit ihrer Kritik recht haben. Estland, Litauen und Lettland sind durch ihre Geschichte, in der sie unter der russischen Fremdherrschaft gelitten haben, traumatisiert. Aber damit sind nicht zwangsläufig ihre Interessen auch unsere Interessen. Und wenn die polnische Regierung die Haltung des Kanzlers „inakzeptabel“ nennt, könnte das auch etwas mit dem beginnenden Wahlkampf in Polen zu tun haben. Dort kommen bei vielen Wählern antideutsche Ressentiments immer gut an.

Bei allem Verständnis für die Wut über Putins Krieg, die Empörung über die Angriffe auf zivile Ziele und den unbedingten Willen, den Aggressor zu stoppen – Besonnenheit ist in Zeiten des Krieges hilfreicher als Draufgängertum. Manche fordern so lautstark wie unbedarft immer neue Waffen („Panzer-Bingo“), als gehe es hier nicht um die Ausrüstung einer Kriegspartei, sondern um die Ausstattung eines Karnevalsumzugs. Um es noch einmal klar zu sagen: Die Lieferung von Leopard-Panzern, die wie kein anderes Kriegsgerät für deutsches Militär stehen, ist eine weitere Eskalation in einem Krieg, der sich in den vergangenen elf Monaten immer gefährlicher zuspitzt.

Der Westen muss seine militärische Logik dringend überdenken

Aus diesem Grund zögern die Vereinigten Staaten, ihre Abrams-Panzer zu liefern. Deshalb hadert auch Emmanuel Macron mit einer Ausweitung der Kampfzone. Natürlich muss Putin gestoppt werden – aber zu glauben, dass dies nur mit massiven Waffenexporten funktioniert, verwundert dann doch. Welchen Sinn hatten dann die neun EU-Sanktionspakete?

Der Westen muss seine militärische Logik dringend überdenken. Es ist nicht der einstmals so verhasste militärische Komplex, der nach neuen Waffen ruft, sondern eine moralisch empörte Öffentlichkeit: Viele ehemalige Generäle sehen die Eskalation hingegen kritisch und fordern Wege zu Waffenstillstandsverhandlungen. Dazu rät auch Ex-US-Außenminister Henry Kissinger, der im Kalten Krieg nicht als Zauderer verrufen war. Er warnt, der Ukraine-Krieg dürfe zu keinem Krieg gegen Russland werden. Mit immer neuen Waffenlieferungen aber wird der Westen immer stärker Partei. Kriegspartei.

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