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Deutschstunde

Wenn die Sprache in Formen gegossen wird

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Rhetorik und Stilistik benutzen Stilfiguren, deren Namen wir kaum kennen, die wir aber täglich verwenden.

Die Rhetorik bezeichnet die Redekunst, die Wissenschaft von der wirkungsvollen Gestaltung öffentlicher Reden und Diskussionen. Die Stilistik ist der Ausdruck, die Wortwahl und die sprachliche Variation eines Textes. Im Prinzip besteht kein Unterschied zwischen der Bedeutung beider Fachbegriffe, aber die Rhetorik wird im Allgemeinen der Rede und die Stilistik dem geschriebenen Wort zugeordnet.

Jeder Redner, jeder Schriftsteller, jede Gattung sowie jede Zeit und Epoche haben ihren bevorzugten Stil. Aber auch jeder Einzelne, Sie eingeschlossen, bemüht sich, seiner Muttersprache einen lebendigen und individuellen Auftritt zu verschaffen. Nicht jeder ist ein Schöpfer neuer Wörter und Sätze oder ein gnadenloser Korrektor wie der gerade verstorbene Wolf Schneider, sondern bedient sich alltäglicher­ oder umgangssprachlicher Mittel. Dabei gibt es das Hilfsmittel der Stilfiguren oder der rhetorischen Formen, die diejenigen benutzen, die das Deutsche einigermaßen beherrschen, selbst wenn sie sich des Gebrauchs dieser Vorgaben gar nicht bewusst sind.

Stilfiguren sind Gussformen der Sprache

Die Stilfiguren sind weder Sprichwörter, Eselsbrücken noch Grammatikregeln, sondern Gussformen der Sprache, die mit entsprechendem Inhalt ausgegossen werden müssen, um einen Text oder eine Rede mit Leben zu erfüllen, die Sprache zu kürzen, zu betonen, zu würzen oder anzureichern. Jede Stilfigur lässt sich umständlich auf Deutsch beschreiben, aber besser kurz und treffend mit ihrem griechischen Namen einordnen. Ich bitte um Nachsicht – Sie brauchen weder das Graecum noch das Latinum zu besitzen, denn Sie sollen und werden die Stilfiguren benutzen, ohne wissen zu müssen, wie sie heißen.

Nehmen wir die Ellipse. Eine Ellipse ist in der Mathematik ein Kegelschnitt, in der Sprachwissenschaft dem griechischen Ursprung gemäß aber ein „Mangel“, nämlich ein Mangel an Satzteilen in der Syntax, dem Bau oder der Verknüpfung von Sätzen. In dem Beispiel „Die Sonne scheint, und die Sonne steht hoch am Himmel“ handelt es sich um zwei mit „und“ verbundene Hauptsätze, bei denen jeder sein eigenes Subjekt (Satzgegenstand) und sein eigenes Prädikat (Satzaussage) hat. Die Subjekte sind hier allerdings identisch („die Sonne“), sodass unser Sprachgefühl anregt, eines der beiden wegzulassen.

Denken Sie an einen Kieslastzug mit Anhänger, bei dem der angekoppelte Anhänger keinen eigenen Motor benötigt, sondern vom Lkw vorn mit gezogen wird. Greifen wir dementsprechend in der Sprache zur Form der Ellipse und lassen das zweite Subjekt weg: „Die Sonne scheint und steht hoch am Himmel.“ Trotzdem haben wir immer noch zwei Hauptsätze vor uns, bei denen in der Vollform vor dem „und“ ein Komma steht, während in der elliptischen Fassung kein Komma gesetzt werden darf.

Falls wir nicht das Subjekt, sondern das Prädikat einsparen, haben wir es mit der Stilfigur des Zeugmas zu tun. Ein Satzglied bezieht sich in meist unpassender Weise auf mehrere andere: „Nicht nur der Ofen, auch meine Mutter war ausgegangen.“ Vorsicht bei der Bildung von Zeugmata! Wenn Sie nicht aufpassen, könnte Ihr Satz leicht bei „Extra 3“ landen. Die Litotes (griech. „Zurückhaltung im Ausdruck“) ist eine Redefigur, bei der eine Bejahung durch eine doppelte Verneinung geäußert wird – wie in der Mathematik, bei der minus mal minus plus ergibt: „Herr Müller ist eigentlich kein schlechter Lehrer.“ Nein, Herr Müller ist ein guter Lehrer, aber so direkt wollten wir das nicht sagen.

Metapher, Katachrese, Oxymoron

Die Metapher (griech. „anderswohin tragen“) benutzt ein analoges Bild aus einem fremden Bereich: „das Rad der Zeit“. Passen die Bilder nicht zusammen, handelt es sich um eine Katachrese: „Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.“ Die Zusammenstellung zweier sich widersprechender Begriffe ist ein Oxymoron: „bittersüß; Eile mit Weile“. Als Contradictio in Adjecto wird eine Sonderform des Oxymorons bezeichnet, bei der die Bedeutung eines Substantivs und des hinzugefügten Adjektivs entgegengesetzt sind: „der arme Krösus“.

Zum Schluss ein leicht banaler Parallelismus: „Die Liste der Stilfiguren ist noch lange nicht zu Ende, der Platz in der Zeitung ist es aber.“

deutschstunde@t-online.de

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