Meinung
Hamburger KritIKEN

Den Krieg gewinnen, den Frieden verlieren?

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Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt.

Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt.

Foto: Andreas Laible

Wir haben uns an das Morden in Europa gewöhnt – und tun zu wenig, es zu beenden. Wir müssen über den Konflikt hinausdenken.

Hamburg. Am Mittwoch hat der Deutsche Bundestag das Menschheitsverbrechen Holodomor in der stalinistischen Sowjetunion als Völkermord anerkannt. Es ist gut, dass das Aushungern von Abertausenden – in den 30er-Jahren sollen bis zu sieben Millionen Menschen verhungert sein – endlich in den Köpfen und Geschichtsbüchern ankommt. Und doch bleiben Fragen zurück, auch wenn sich Ampel und Union ausnahmsweise einig waren.

Denn noch 2019 sahen die beteiligten Parteien alles anders: Damals riet das Auswärtige Amt davon ab, den Hungerterror als Völkermord anzuerkennen. Die Bundesregierung bezweifelte, „dass Ereignisse, die vor 1948 stattgefunden haben, völkerrechtlich als Genozid bezeichnet werden können“. Im Holodomor starben nicht nur Ukrainer, sondern auch Russen und schätzungsweise 1,5 Millionen Kasachen.

Wie lässt sich das Sterben stoppen?

Drei Jahre und einen Krieg später wird selbst die Vergangenheit zur Munition im immer hitzigeren Kalten Krieg mit Putins Russland. Um die Anzahl wütender Leserbriefe zumindest etwas zu reduzieren: Ja, Russland ist der Aggressor in einem skandalösen Krieg. Und nein, Grenzverschiebungen mit Gewalt dürfen niemals in einem zivilisierten Europa akzeptiert werden.

Doch auch wer diese Feststellungen teilt, muss nicht zwangsläufig in das Kriegsgeheul einstimmen, das manche Medien und Politiker seit dem 24. Februar 2022 offenbar für geboten halten. Auch wenn die Auseinandersetzung in der Ukraine als Bellum iustum gilt, als gerechter Krieg, entbindet es uns nicht von der Verantwortung, über diesen Konflikt hinauszudenken. Wie lässt sich das Sterben stoppen? Wie lässt sich dort vermitteln? Was folgt nach dem Krieg? Und wer folgt am Ende auf Putin?

Kritische Fragen nicht gewollt

Über derlei Fragen wird gar nicht mehr offen diskutiert – wer bloß kritische Fragen in den Raum wirft, ist ein Trottel, ein Naivling, ein Putin-Versteher. Früher war die Bereitschaft zum Verstehen eine Tugend der Di­plomatie – heute ist Verständnis von vorgestern, es reichen Moral und ein gewisser Überlegenheitsfuror.

Vielleicht bin ich von vorgestern – aber ich würde gern verstehen, wie ein einstmals in Deutschland gefeierter und beklatschter Präsident zum Kriegsverbrecher werden kann. Es geht nicht darum, seine Untaten zu rechtfertigen, aber sie vielleicht zumindest in Ansätzen erklären zu können. Das wäre bei Friedensverhandlungen sicher hilfreich.

Geschichte wird als Comic-Strip erzählt

2014 haben die beiden Journalisten Mathias Bröckers und Paul Schreyer in ihrem Buch „Wir sind die Guten“ den Versuch gemacht und vor einem Krieg gewarnt: „Stellen Sie sich doch mal vor, Russland würde mit fünf Milliarden Dollar einen Regierungswechsel in Mexiko finanzieren und jetzt anfangen, in Mexiko seine Raketen aufzustellen. Was würden denn die Amerikaner da sagen? Würden das die Amerikaner einfach so zulassen? Würden die sagen: ja, ja, ist schon in Ordnung?“, schrieben die beiden.

Inzwischen wird bei uns Geschichte leider als Comic-Strip erzählt. Auf der einen Seite Russland, das Reich des Bösen, auf der anderen Seite die Ukraine, die Nation der Helden. Das Problem an dieser Erzählung. Sie kann nur in einer Fortsetzung des Krieges münden bis zum Sieg der Ukraine – oder dem völligen Rückzug der Russen. Letzterer wird aber nicht wahrscheinlicher, wenn man mit Wonne auch die letzten Brücken sprengt, die West und Ost einst verbanden.

Der Wille nach Vergeltung wächst immer

Wie soll der Frieden gelingen, wenn es nur noch darum geht, den Krieg zu gewinnen? Mit jedem Tag der Kämpfe wächst der Hass und der Wille nach Vergeltung. Nun soll auch noch der Petersburger Dialog, ein zivilgesellschaftliches Forum zwischen Deutschland und Russland, Anfang 2023 aufgelöst werden. Offenbar setzen beiden Seiten nur noch auf Sieg, nicht auf Frieden.

Ich beginne, Angela Merkel zu vermissen. Die Altkanzlerin muss sich nun von Leuten beschimpfen lassen, die ihr noch vor wenigen Monaten Kränze wanden. Sie solle sich entschuldigen, Fehler eingestehen, zu Kreuze kriechen. Warum eigentlich? Sie hat lange und ausdauernd versucht, den brüchigen Frieden im Osten zu erhalten.

„Das Grauen verschwindet mit den Zeitzeugen"

Im „Spiegel“ sagte die Ex-Kanzlerin einen klugen, einen bitteren Satz: „Das Grauen verschwindet mit den Zeitzeugen. Aber es verschwindet auch der Versöhnungsgeist.“ Willy Brandt, Henry Kissinger, Helmut Kohl verstanden Versöhnung. Bei vielen nachgeborenen Politikern bin ich mir nicht mehr so sicher.

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