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Was wird von dieser WM bleiben?

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HSV-Reporter Kai Schiller

HSV-Reporter Kai Schiller

Foto: Andreas Laible

Die Hälfte des umstrittenen Turniers in Katar ist vorbei. Es wurde viel diskutiert, nur selten ging es um Fußball.

Hamburg. Genau zwei Wochen ist es her, als ich im Flieger Richtung Doha saß und an dieser Stelle die Frage stellte, ob ich mich als Journalist auf diese Weltmeisterschaft freuen dürfte. Meine Antwort damals: Ja. Weil ich es wichtig finde, vor Ort hinter die Glitzerwelt zu gucken, die WM-Gastgeber Katar seit der Vergabe vor zwölf Jahren aufgebaut hat.

Weil ich die Politisierung des Sports richtig finde, nachdem die Fifa einem reflektierten Sportler gar keine andere Wahl mehr lässt. Und weil ich – so ehrlich musste ich sein – mich auf die Möglichkeit gefreut habe, fast jeden Tag ein Spiel im Stadion zu sehen. Und nun, zwei Wochen später? Ein erstes Zwischenfazit.

Organisatorisch läuft alles reibungslos

Also: Organisatorisch muss man Katar und der Fifa die Bestnote ausstellen. Noch nie hat es eine WM in quasi nur einer Stadt gegeben. Und obwohl es sich hier und da in der nigelnagelneuen Metro mal staut, ist es beeindruckend, wie die Fanmassen orchestriert werden. Stimmungstechnisch fällt das Zwischenfazit gemischt aus. Wie bei jeder WM feiern die Mittel- und Südamerikaner auch in Katar die Feste so, wie sie fallen. Es wird gesungen und getanzt – sogar ohne Bier. Auch die Araber und Afrikaner begeistern.

Nur die Europäer machen nicht so richtig mit. Und fußballerisch? Ist dieses Turnier ansprechend. Brasilien beeindruckt, genauso wie Englands 6:2 gegen den Iran, Frankreichs Kylian Mbappé, Spaniens Torfestival gegen Costa Rica, Deutschlands intensives 1:1 gegen die Iberer, Polens Superkeeper Wojciech Szczęsny, Vincent Aboubakars Zaubertor gegen Serbien und Ghanas großer Kampf gegen Südkorea.

Beim Sport geht es auch um Haltung

So richtig genießen kann man das alles aber nur bedingt, weil das ordentliche Zwischenfazit dummerweise noch einen Haken hat: diese leidige Sache mit den Menschen­rechten. Die „One Love“-Binde, das iranische „Women. Life. Freedom“-Shirt, die Arbeitsmigranten und dann auch noch das „Bild“-Interview mit Katars Energieminister Saad Scherida Al-Kaabi, der Homosexualität als „nicht akzeptabel“ bezeichnete.

Es gibt Kollegen, die der Meinung sind, dass man den Sport nicht überpolitisieren sollte. Ich bin der gegenteiligen Auffassung: Diese WM ist der endgültige Beweis, dass auch der Sport eine Verpflichtung hat. Es geht nicht nur um Tore, Dribblings und Pässe, sondern auch um Haltung, Vorbildfunktion und den inneren Kompass.

„Der Fußball ist die schönste Nebensache der Welt"

Gern darf man darüber streiten, ob DFB-Präsident Bernd Neuendorf im Streit um die „One Love“-Binde diesen Kompass verloren hat oder nicht, ob die Hände vor den Mündern der Nationalspieler ein starkes oder ein schwaches Zeichen waren. Man sollte sich aber daran gewöhnen, dass es in Zukunft kein Sport-Großereignis mehr geben wird, bei dem es nur noch um den Sport geht. René Adler, der frühere HSV- und DFB-Torhüter, hat gerade erst in den sozialen Netzen geschrieben: „Der Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Und mit seiner völkerverbindenden Kraft, Menschen zu vereinen, ist er alles – nur nicht unpolitisch!!!“ Mit drei Ausrufezeichen.

Doch was wird wohl von dieser politischsten WM der Geschichte bleiben? Ein paar Fußballmomente, Begegnungen und eine hochmoderne Infrastruktur. Acht Stadien, von denen Katar kaum eines je wieder brauchen wird. Hoffentlich eine leichte Verbesserung der Bedingungen der Arbeiter in dem Emirat, aber wohl kaum Fortschritte bei den Rechten von Homo­sexuellen. Dafür aber eine Fifa, die eine Fundamentalopposition erfordert.

Gespräche verbinden die Menschen

Gerne würde man trotz allem auch mit Katarern ins Gespräch kommen. Weil Gespräche verbinden. Und tatsächlich trifft man bei dieser WM viele Menschen: Fans aus Ecuador, dem Senegal und Australien. Taxifahrer aus Kenia, Kellner aus Bangladesch, Reinmachefrauen aus Nepal, Ordner aus Marokko. Nur Katarer trifft man außerhalb der VVIP-Räumlichkeiten (für very, very important persons) nicht.

Vor 14 Tagen hatte ich mich trotzdem entschieden: Ich freute mich auf diese WM. Nun muss ich gestehen: Ich freue mich auch darauf, wenn der Zirkus vorbei ist. Man muss Katar und der Fifa lassen, dass sie schon vor der K.-o.-Phase bewiesen haben, dass man mit Geld vieles aufbauen kann. Den Fußball, so wie ich ihn liebe, haben sie zerstört.

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