Meinung
Schumachers Woche

Alltags-Sabotage für Anfänger

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Hajo Schumacher
Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher.

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher.

Foto: Annette Hauschild

Hajo Schumacher schreibt über Geheimagenten, die jeder kennt und erklärt, wie effektiver Partisanenkampf funktioniert.

Hamburg. James Bond hat unser Bild vom Treiben der Spione verzerrt. Mag sein, dass Top-Agenten sich mit Champagner die passende Laune für spektakuläre Balgereien antrinken und zwischen zwei Schießereien rasch ein paar Zärtlichkeiten verteilen. Eher Einzelfälle. Effektiver Partisanenkampf funktioniert anders. William Donovan, genannt „Wild Bill“, leitete im Zweiten Weltkrieg das Office of Strategic Services (OSS), das sich um psychologische Kriegsführung und Sabotage kümmerte.

Auch Philosoph Herbert Marcuse und Schriftsteller Carl Zuckmayer standen in Donovans Diensten. Legendär ein vom OSS entwickelter Stift, Vorläufer des Einwegkugelschreibers, der zwar nicht schreiben, aber einen Schuss abgeben konnte, sofern der Stift nicht in der Hand des Schützen zerbarst. Donovans tückischste Methoden finden sich im 32 Seiten starken „Handbuch der Alltags-Sabotage“. Tricks wie das Platzieren von Münzen unter Glühbirnen (Kurzschluss am Abend) oder Zuckerschwämme im Abflussrohr (Verstopfung) sind aus der Mode gekommen, andere Techniken haben sich auf geheimnisvolle Art verselbstständigt.

Alltags-Sabotage muss nicht mehr von Agenten erledigt werden

Agenten, die bis in die Verwaltung des Feindes vorgedrungen sind, werden angewiesen, „alles streng nach Vorschrift zu erledigen“; ein Abkürzen des Dienstwegs sei zu vermeiden. Sitzungen seien mit anekdotensatten Monologen zu sabotieren, die sich in Nebensächlich­keiten verlieren. Wichtiges sei dagegen in Ausschüsse zu delegieren, besetzt mit mindestens fünf Diskussionsfreudigen. Fortgeschrittene Saboteure zweifeln längst gefasste Beschlüsse an, stellen ausdauernd die Frage nach der Zuständigkeit und zetteln jeden denkbaren Streit an.

Besonders wirksam, so das OSS-Handbuch, sei das kunstvolle Verkomplizieren von Arbeitsabläufen durch unsinnige Anweisungen. Idioten seien zu loben, effek­tive Kollegen dagegen mit Papierkram zuzuschütten. Wirklich putzig – vor 80 Jahren waren Geheimdienste überzeugt, dass Alltags-Sabotage nur von eingeschleusten Agenten erledigt werden könne. Heute schaffen wir das locker allein.

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