Meinung
Deutschstunde

Das Deutsche ins Licht der Öffentlichkeit gerückt

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

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Foto: dpa/ Klaus Bodig

Bastian Sick ist in Hamburg mit dem Elbschwanenorden ausgezeichnet worden. Er veranstaltete die größte Deutschstunde aller Zeit.

Hamburg. Er ist Journalist, Kolumnist, Schriftsteller, Fernsehmoderator und Vortragsreisender in Sachen Deutsch mit einer gewissen Begabung als Schauspieler. Zusammengefasst kann man sagen, er sei der Entertainer unserer Muttersprache, der als Erster und am erfolgreichsten die deutsche Sprache aus den Bleiwüsten des Feuilletons und aus der ermüdenden Fachliteratur emeritierter Ordinarien ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hat.

Ihm ist es zu verdanken, dass Millionen von Leserinnen und Lesern, die sich bis dahin mit Schrecken an den Grammatikunterricht ihrer Schulzeit erinnert hatten, plötzlich feststellten: Deutsch ist interessant, Deutsch kann sogar Spaß machen.

Bastian Sick mit Elbschwanenorden ausgezeichnet

Ich rede von Bastian Sick, der am Freitag, wie berichtet, von der Hamburger Sektion des Vereins Deutsche Sprache (VDS) im Gästehaus der Universität mit dem Elbschwanenorden ausgezeichnet worden ist. Seine Dankesrede war weniger eine Rede als ein fernsehreifer Auftritt mit eigenen Kolumnen über die ungerechtfertigte Annexion des „Moin“ in der Hansestadt, über die Kollision des Genus mit dem Sexus beim Gendern und mit einem Gedicht über den Konjunktiv, das Begeisterung auslöste.

Bastian Sick wurde 1965 in Lübeck geboren, wuchs in Ratekau auf, ging in Bad Schwartau zur Schule und studierte in Hamburg. In der Redaktion von Spiegel-Online erkannte man 2003 seine spezielle Begabung, und er schrieb unter dem Pseud­onym „Zwiebelfisch“ Sprachkolumnen, die sich wachsender Beliebtheit erfreuten. Ein Zwiebelfisch ist in der Typografie übrigens ein Buchstabe in falscher Schriftart im Text.

Sick veranstaltete die größte Deutschstunde aller Zeiten

Das Buch zu diesen Kolumnen mit dem Titel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ erstürmte innerhalb weniger Wochen die Bestsellerlisten und hätte den deutschen Genitiv fast zum Weltkulturerbe gemacht. Weitere Bücher folgten. Bastian Sick veranstaltete die größte Deutschstunde aller Zeiten 2006 in der Köln-Arena, an der 15.000 Menschen teilnahmen. „Nicht alle ganz freiwillig“, sagte er am Freitag, „viele Schulklassen wurden von ihren Lehrern hingeführt.“

Der Elbschwanenorden, keine Medaille am Band, sondern ein gläserner Schwan samt Urkunde, wird in Erinnerung an die Sprachgesellschaft der Barockzeit gleichen Namens verliehen, die damals vom Pastor und Schriftsteller Johann Rist (1607–1667) aus Ottensen in Wedel gegründet worden war.

Auch Hermann Schreiber unter Preisträgern

Unter den bisherigen Preisträgern befanden sich Hermann Schreiber, Rainer Moritz, Hellmuth Karasek, Achim Reichel, Arno Surminski und Michael Kunze. Der Vollständigkeit halber sei in aller Bescheidenheit angefügt: Im Jahre 2017 war ich der Preisträger. Seit den Meistersingern von Nürnberg bemühten sich immer wieder gebildete Leute, die deutsche Sprache durch Spracharbeit, Sprachreinigung oder Sprachpflege zu kultivieren. Damals ging es noch nicht gegen das Englische. Friedrich der Große sprach mit Voltaire und sogar mit seinen Hunden Französisch.

Bereits im 17. Jahrhundert hatten sich viele Gelehrte und fast alle bedeutenden Dichter jener Zeit zu Sprachgesellschaften zusammengeschlossen, um in kulturreformerischer Absicht der deutschen Sprache einen gleichberechtigten Rang neben dem Französischen und den akademischen Sprachen zu verschaffen. In Hamburg stiftete Philipp von Zesen (1619–1689) im Jahre 1643 die „Teutschgesinnete Genossenschaft“.

Reformer schossen über Ziel hinaus

Zesen fand für zahlreiche Fremdwörter Eindeutschungen, die uns heute selbstverständlich erscheinen, zum Beispiel Augenblick (Moment), Ausflug (Exkursion), Entwurf (Projekt), Gesichtskreis (Horizont), Glaubensbekenntnis (Credo), Gotteshaus (Tempel), Kreislauf (Zirkulation), Leidenschaft (Passion), Mundart (Dialekt), Sterblichkeit (Mortalität), Wahlspruch (Devise), Weltall (Universum) oder Zerrbild (Karikatur).

Bei der Sprachreinigung schossen die Reformer jedoch teilweise über das Ziel hinaus, wenn sie etwa versuchten, die Mumie in „Dörrleiche“, das Kloster in „Jungfernzwinger“, den Botaniker in „Krautbeschreiber“, das Fenster in „Tageleuchter“, den Harem in „Weiberhof“, die Nase in „Gesichtserker“ und die Natur in „Zeugemutter“ umzubenennen.

deutschstunde@t-online.de

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