Meinung
Leitartikel

Energiepreise unter Kontrolle bringen

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Stellvertretender Chefredakteur Matthias Iken.

Stellvertretender Chefredakteur Matthias Iken.

Foto: Andreas Laible

Die Inflation könnte in Deutschland auf elf Prozent klettern. Die Politik muss jetzt reagieren.

Es braut sich ein perfekter Sturm zusammen: Die permanent steigenden Gas- und Strompreise kommen inzwischen immer stärker bei Haushalten wie Unternehmen an. Die Inflation frisst sich ein immer breiteres Bett: Das renommierte Ifo-Institut hat seine Teuerungserwartungen noch einmal nach oben geschraubt und befürchtet 2022 eine Rate von 8,1 Prozent, im kommenden Jahr sogar von 9,3 Prozent. Im ersten Vierteljahr wären demnach sogar Inflationsraten von elf Prozent möglich. Zahlen, die die Bundesrepublik nicht kennt und nicht einmal während der Ölkrise 1973 erreicht wurden. Und alle Hoffnungen, diese Teuerungen seien ein kurzer Ausreißer, sind dahin. Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben.

Bei den jetzt beginnenden Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie fordert die Gewerkschaft acht Prozent mehr Geld – das ist angesichts der Preisentwicklung nur verständlich. Doch diese Forderungen treffen auf Betriebe, die bereits unter den explodierenden Gas- und Stromkosten ächzen.

Persil-Hersteller rechneten mit zwei Milliarden Euro Mehrkosten

Der Persil-Hersteller Henkel hat ein Preisschild an die aktuellen Entwicklungen geklebt: Wegen steigender Preise rechnet das Unternehmen im laufenden Jahr mit zwei Milliarden Euro Mehrkosten. In den zehn Jahren zuvor lagen die Steigerungen hingegen bei jährlich rund 100 Millionen Euro.

Henkel ist kein Einzelfall, sondern der Normalfall in der deutschen Wirtschaft. Deshalb fürchten Konjunkturexperten eine Rezession im kommenden Jahr. Die steigenden Preise entziehen Kaufkraft: Deutschland wird ärmer, weil Milliarden für teure Energie zusätzlich ins Ausland fließen: 2022 sind es 123 Milliarden Euro, im kommenden Jahr weitere 135 Milliarden. Energieintensive Unternehmen und Firmen, die vom Konsum der Bürger leben, trifft dieser Schock als Erste.

Deutschland hält stur an Atomausstieg fest: Ein Skandal

Deshalb muss es im Interesse der Bundesregierung liegen, vor allem die Energiepreise unter Kontrolle zu bekommen. Zum einen muss sie Anreize setzen, die Produktion auszuweiten. Dass Deutschland in Zeiten explodierender Strompreise und absehbarer Mangellagen stur am Atomausstieg festhält, ist ein Skandal. Die Bundesregierung nimmt mehr Rücksicht auf die Befindlichkeiten grüner Wähler in Niedersachsen als auf die Appelle unserer europäischen Nachbarn. Man kann nur hoffen, dass dieser antieuropäische Kurs nach den Landtagswahlen Mitte Oktober in Niedersachsen korrigiert wird. Jedes politische Signal würde sofort an den Terminmärkten preisdämpfend wirken.

Ein zweiter Schritt zur Stabilisierung der Preise ist ein Energiepreisdeckel, wie ihn die IG Metall zu Recht auch für die Industrie fordert. Zwar ist dies ein schwerer Eingriff in den Markt und könnte Fehlanreize setzen, er ist aber angesichts der Kostenexplosion fast unvermeidlich. Wir leben nicht in normalen Zeiten, sondern in Kriegszeiten. Kein energieintensives Unternehmen wird Preise wegstecken können, die sich binnen Monaten verzehn- oder gar verzwanzigfachen. Wer gestern noch hochprofitabel war, droht nun über kurz oder lang im weltweiten Wettbewerb unterzugehen. Denn die Energiepreise steigen nirgends so stark wie in Europa.

Auch für viele Privatleute sind die Verwerfungen am Energiemarkt nicht mehr zu stemmen. Der Grundbedarf an Strom und Gas muss für alle Menschen bezahlbar bleiben. Die Rattenfänger an den Rändern warten schon darauf, die Unzufriedenen auf der Straße zu sammeln. Wie sagte Stefan Zweig 1939: „Nichts hat das deutsche Volk so erbittert, so hasswütig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation.“

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