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Deutschstunde

Ab und zu ist es besser, kein Komma zu setzen

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Und wird der Satz auch noch so lang, unterbrechen Sie ihn nicht mit überflüssigen Zeichen!

Winnetou, der ohnehin nie gelebt hat, darf weiterleben. Der Versuch einer radikalen Minderheit, mit „Wokeness“ und „Cancel Culture“ das Indianerspiel samt Karl May aus Kitas, Buchhandlungen und Kinos zu vertreiben, stieß auf einen bundesweiten Proteststurm, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Die Zuschriften zu meinem Beitrag gingen in die Hunderte, für die ich mich hier bedanken möchte.

Die Kolumne zur Kommasetzung vor dem „und“, die ich zur Abkühlung der Gemüter vor einer Woche anbot, fand zu meiner Überraschung ebenfalls großes Interesse. Seien Sie ehrlich: Wussten Sie genau, wann vor „und“ allen Grundschullehren zum Trotz doch ein Komma stehen sollte? Erweitern wir heute die Suche nach dem richtigen oder dem falschen Komma.

Ein Kollege namens "Edelfeder"

Als ich vor rund 50 Jahren zu Axel Springer kam, gab es dort einen inzwischen gestorbenen Kollegen, der als Autor in Hamburg einen ausgezeichneten Ruf hatte, der jedoch redaktionsintern leicht spöttisch als „Edelfeder“ bezeichnet wurde. Dieser Kollege hatte im Laufe seines langen Berufslebens gemerkt, dass ein Zweispalter so über den Daumen gepeilt 25 Kommas enthalten müsse – und um schnell damit durch zu sein, setzte er sie alle in den ersten Satz. Wir malten um. Die Schwierigkeit ist, dass die Kommaregeln an vielen Stellen nicht eindeutig sind, damals wie heute. Man kann, man darf, man sollte, muss aber nicht. Fangen wir an: „Wir treffen uns.“ So unerfahren kann niemand sein, hier ein Komma zu setzen, obwohl man auf diesem Gebiet leider nichts ausschließen darf.

Beim Treffen schien die Sonne: „Bei schönem Wetter treffen wir uns.“ Damit tritt ein weiteres Satzglied hinzu, nämlich eine adverbiale Bestimmung. Immer noch kein Grund für ein Komma! Wir befinden uns nach wie vor im Hauptsatz, der um weitere Bestimmungen und Attribute erweitert werden kann. Mit wem treffen wir uns? Mit Ina und Marco. Weshalb treffen wir uns? Um das nächste Klassentreffen vorzubereiten. Wann treffen wir uns? Am kommenden Mittwoch. Zu welcher Uhrzeit? Um 18 Uhr. Wo treffen wir uns? Im Biergarten. Wie ist der Biergarten? Gemütlich. Wo liegt er? Hinter dem alten Rathaus.

Die Aneinanderreihung von Satzteilen

Alle diese Angaben bringen wir in einem einzigen Satz unter: „Bei schönem Wetter treffen wir uns mit Ina und Marco zur Vorbereitung des nächsten Klassentreffens am kommenden Mittwoch pünktlich um 18 Uhr in dem gemütlichen Biergarten hinter dem alten Rathaus.“ Und wenn Ihnen die Luft ausgeht – es handelt sich um die Aneinanderreihung von Satzteilen, und zwischen diesen Satzteilen steht kein (!) Komma! Ob dieser Bandwurm stilistisch schön ist, wollen wir nicht erörtern. Natürlich könnte man die Angaben auch als Nebensätze und Einschübe auflösen. So muss vor einem erläuternden „und zwar“ immer ein Komma stehen: „Wir treffen uns, und zwar am Mittwoch.“ Auch vor den adversativen Konjunktionen (entgegengesetzten Bindewörtern) „sondern, (je)doch“ oder „aber“ steht ein Komma: „Wir treffen uns diesmal nicht am Dienstag, sondern am Mittwoch. Ina kommt nicht, aber Marco.“

Werden Satzteile aufgezählt, müssen sie durch Komma getrennt werden. „Zum Streichen benötigen wir Pinsel, Farbe, Rolle und ein altes Abendblatt zum Unterlegen.“ Die Konjunktionen „und“ bzw. „oder“ ersetzen hierbei das Komma. Zwischen zwei Adjektiven kann ein Komma stehen, muss aber nicht: „Ein schöner[,] alter Garten.“ Der Garten ist alt „und“ schön.

Der Sportwagen ist schnell, weil er italienisch ist

Ein Komma steht nicht, wenn das erste Adjektiv quasi das Attribut des zweiten ist, das zweite also mit dem Substantiv einen Gesamtbegriff bildet: „ein schneller italienischer Sportwagen“. Der Sportwagen ist nicht schnell „und“ italienisch, sondern schnell, „weil“ er italienisch ist. Der Ferrari lässt grüßen.

Sind die Adjektive nicht gleichrangig, tritt im Allgemeinen Wechselflexion ein: „nach heftigem parlamentarischen Streit“. Sind beide Adjektive dem Substantiv gegenüber jedoch nebengeordnet, sollten wir zur Parallelflexion greifen: „nach langem[,] schwerem Leiden“. Allerdings ist auch „nach langem[,] schweren Leiden“ erlaubt. Die Kommasetzung ist hier fakultativ, also der Wahl überlassen.

deutschstunde@t-online.de

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