Meinung
Deutschstunde

Die Vergesellschaftung der Unhöflichkeit

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Der Respekt vor dem Alter und den Erwachsenen ist mit dem allgemeinen Duzen geschwunden.

Hamburg. Meine Sprachkolumnen, die ich für die Printausgaben des Abendblatts in Hamburg sowie die Schwesterzeitung in Berlin schreibe und die dienstags nicht nur im Druck, sondern auch über die jeweiligen E-Papers und Homepages deutschlandweit verbreitet werden, erzeugen im Allgemeinen eine positive Resonanz in der Leserschaft, was mich freut und manchmal ein bisschen verlegen macht.

Schließlich biete ich keinen Essay über die letzten Werte vor dem Untergang, sondern präsentiere die deutsche Sprache – die Sprache mit ihren Tücken und Stolpersteinen, aber eine Sprache, die trotz allen notwendigen Wandels wert ist, in ihrer Substanz vor eifernden Aktivisten und vor allem Aktivistinnen geschützt zu werden.

Letzte Folge sorgte für viel Zuspruch

Geschützt werden muss sie auch vor der Vergesellschaftung der Unhöflichkeit in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehprogrammen, was ich vor einer Woche an dieser Stelle in meiner Kolumne „Es wird geduzt, als gäbe es kein Sie mehr“ angesprochen habe. Es handelte sich übrigens um die 879. Folge meiner „Deutschstunde“.

Ich bin gewohnt, zu jeder Folge eine Flut von Zuschriften zu bekommen, aber was ich diesmal erlebte, war keine Flut, sondern ein Tsunami, der mein Postfach überschwemmte, wobei mir alle Absender recht gaben und mir zum Teil überschwänglich dankten. Es war, als hätte sich ein Staudamm geöffnet, hinter dem die schweigende Mehrheit mit geballten Fäusten gestanden und auf ein Zeichen gewartet hatte.

Bommes verwechselte Helgoland mit Sylt

Ich werde nicht alle Mails individuell beantworten können. Auch ein „Jäger“ aus „Gefragt – Gejagt“ schrieb mir einen langen Brief und wies auf die Showelemente der Quizsendung hin. Natürlich, schon die Treppe im Studio zeigt, dass sich Jäger und Kandidaten bzw. Kandidatinnen nicht auf Augenhöhe befinden.

Aber wenn Alexander Bommes, den ich ansonsten für einen hervorragenden Sportmoderator und Quizmaster halte, eine alte Dame, die als Kandidatin vor Aufregung völlig versagte, Helgoland mit Sylt verwechselte und verzweifelt lächelnd nur noch verschwinden wollte, mit „Bleibst du bei mir!“ zur Ordnung rief und sie dann als „Das ist Barbara aus Stockelsdorf bei Lübeck“ vorstellte, dann scheint der Sinn für Höflichkeit und Respekt vor dem Alter nicht zum Kundendienst der ARD zu gehören.

Vorwurf trifft auch Sky und DAZN

Der Vorwurf trifft nicht nur die ARD oder das ZDF, sondern auch Sky und den teuren Streaming-Dienst DAZN, der mich seinerzeit mit einem Freimonat in seine App gelockt hatte und jetzt 29,99 Euro pro Monat abbucht. DAZN konnte zwar das Spitzenspiel von Bayern München am Sonntag nicht störungsfrei übertragen, präsentierte dafür aber Michael Ballack als neuen Experten, der uns ausufernd über die Kausalität von Max Kruses Pizza-Konsum zu dessen mangelnder Fitness aufklärte. Der Kommentator unterbrach ihn mit der Programmankündigung: „Ich hab da was für euch!“

Ich kann mich nicht erinnern, mit irgendeinem Mitarbeiter von DAZN jemals Brüderschaft getrunken oder Schweine gehütet zu haben, und erwarte die Formulierung „Ich habe da etwas für Sie!“, aber eine derartige Höflichkeit ist offenbar nicht mehr zeitgemäß. Das trifft nicht nur die Öffentlich-Rechtlichen und die Privaten, eine solche Duzerei und oft gedankenlose Sprachschluderei greifen auch im Alltag immer mehr um sich.

Selbst Firmen nutzen aktiv das Duzen

Eine 85 Jahre alte pensionierte Lehrerin schrieb mir, sie wolle an der Kasse des Supermarktes nicht mit „Na, Oma, was haben wir denn heute?“ begrüßt werden. Auch in Werbung und Mitteilungen von Versorgungsunternehmen glaubt man offenbar, mit dem Duzen eine besondere Nähe beweisen zu müssen. Ein Brief von einer Firma, die mich nur als Nummer kennt, lautete: „Lieber Peter, dir als langjähriger Kunde können wir einen Treuetarif anbieten.“

Ich wusste zuerst nicht, ob ich mich mehr über diese plumpe Vereinnahmung oder über die falsche Grammatik ärgern sollte. Natürlich müsste es „dir als langjährigem Kunden“ heißen. So etwas nennt man übrigens die Kongruenz im Kasus. Das Pronomen „dir“ steht im Dativ, also muss auch der Bezug im Dativ stehen. Das „als“ fungiert quasi als Gleichheitszeichen. Aber das scheint mir jetzt ein Thema aus ferner Zeit zu sein.

deutschstunde@t-online.de

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