Meinung
Kleiner Garten wäre schön

Ein Sechser im Immobilienlotto

| Lesedauer: 5 Minuten
Jule Bleyer ist stellvertrende Leiterin des Hamburg-Ressorts und schreibt an dieser Stelle über den verschwiegenen Hamburger Immobilienmarkt.

Jule Bleyer ist stellvertrende Leiterin des Hamburg-Ressorts und schreibt an dieser Stelle über den verschwiegenen Hamburger Immobilienmarkt.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Glück auf dem Wohnungsmarkt? Soll es geben. Auch wenn es erst mal unglaublich klingt.

Hamburg. Diese Geschichte ist einfach zu schön: Es war einmal eine ältere Dame, der gehörte ein Mehrfamilienhaus in Eppendorf. Ein stattlicher Altbau, mit stuckverzierter Fassade und neun Wohnungen. Zu ihren Mietern pflegte die Besitzerin ein nettes Verhältnis, die Mieten waren angemessen hoch, und wenn etwas kaputtging, wurde es repariert. So lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Also das der alten Dame. Und was passierte dann? Kamen Erben, die Eigenbedarf anmeldeten oder das Haus an einen anrüchigen Investor verkloppten? Nichts dergleichen, denn die Verstorbene hatte keine Nachkommen. Also vererbte sie das Haus – an die Bewohner. Über Nacht wurde jeder Mieter Besitzer seiner eigenen Wohnung. Ein Sechser im Immobilienlotto.

Auf dem Immobilienmarkt gibt es noch Wunder

Wer sich immer wieder mit Leuten über den Hamburger Wohnungsmarkt unterhält, der hört zum Teil unglaubliche Geschichten. Aber es soll ja Wunder geben – und eigentlich wundert einen hier doch schon lange nichts mehr. Darum glaubt eine Bekannte auch fest an das Wunder von Hoheluft-West: Der Sage nach gibt es in dem kleinen Stadtteil eine ebenfalls ältere Dame, die dort täglich mit ihrem Hund spazieren geht und der mindestens ein Dutzend Häuser im Viertel gehören.

Wie die angebliche Großgrundbesitzerin aussieht und zu welcher Rasse ihr Begleiter gehört, sind leider nicht überliefert, weshalb die Bekannte jede Seniorin in Hundebegleitung – und das sind dort nicht wenige – herzlich auf der Straße grüßt, entzückende Worte über den Vierbeiner verliert und Ausschau danach hält, ob sie nicht bei irgendwas ihre Hilfe anbieten könnte, zum Beispiel beim Überqueren der Straße oder beim Tragen der Einkäufe. Bislang hat sich noch keine der Damen geoutet und ihr aus lauter Dankbarkeit eine ihrer Wohnungen vermacht. Doch sie sucht weiter ihr Glück.

Eigentümer verschenkte sein Auto

Anders die junge Familie, die den Wunsch nach einem kleinen Häuschen mit Garten schon aufgegeben hatte. Doch plötzlich tauchte am Rande der Stadt ein Reihenhaus auf, das mit der Investition von etwas Zeit und Liebe durchaus bezahlbar war. Sie konnten ihr Glück kaum fassen, aber es kam noch besser: Das Haus hatte auch noch einen ausgesprochen netten Besitzer, mit dem sich schon während des Kaufprozesses ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte.

Er kam immer mal wieder zu Besuch, um zu sehen, wie das Häuschen behutsam renoviert wurde, man verbrachte schöne Abende auf der Terrasse, und das junge Paar ging ihm in der neuen Wohnung zur Hand. Und weil auch dieser ältere Herr keine Kinder hat, freut er sich nicht nur darüber, mit dem Nachwuchs in seinem alten Zuhause zu spielen, sondern schenkte der Familie vor Kurzem sein Auto, das er sich nicht mehr traut zu fahren, sowie einen Schlüssel zu seinem Ferienhaus an der Ostsee.

Familie wollte Haus verkaufen

Apropos Ostsee: Am Strand von Mallorca lernte eine Freundin diesen Sommer eine andere Familie kennen (ihre Jungs haben denselben Vornamen, und es gab herrliche Verwirrungen, als die Eltern abwechselnd nach ihnen riefen). So kam man ins Gespräch und fand heraus, dass die andere Familie in einem Haus an der Ostsee wohnt, und zwar just in der Heimatregion meiner Freundin und ihres Mannes, in die beide wieder zurückziehen wollen.

Ein schöner Zufall, der noch wunderschöner wurde, als sich herausstellte, dass die andere Familie Ende der Jahres in die Schweiz umzieht – und ihr Haus verkaufen wird. Der erste Besichtigungstermin nach dem Urlaub hat gerade stattgefunden, und alle Seiten sind begeistert. Und überm Baumhaus hängt ja eh schon der richtige Kindername.

Immobilienmarkt: Nicht die Hoffnung aufgeben

Eigentlich ist das schon kein Zufall mehr, das ist Schicksal. Reines Glück dagegen hatte eine weitere Bekannte: Über Monate hatten sie und ihr Mann eine größere Wohnung für sich und die zwei Kinder in der Nachbarschaft gesucht. Keine Chance. Als sie gerade entschieden hatten, ins Umland zu ziehen, zogen die Mieter über ihnen aus – und der Vermieter bot ihnen diese Wohnung günstig an und erlaubte einen Durchbruch nach oben.

Was heißt das für alle, die beim Immobilientippspiel bislang immer nur Nieten gezogen haben? Gebt die Hoffnung nicht auf! Und seid immer nett zu älteren Damen mit Hund.

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